Fussball

Gehirnerschütterungen im Fußball: Werden 10-Minuten-Pausen eingeführt?

Von SPOX
Christoph Kramer spielte im Weltmeisterschaftsfinale trotz einer Gehirnerschütterung zunächst weiter.
© getty

Nachdem Gehirnerschütterungen im Fußball in den vergangenen Jahren zunehmend thematisiert wurden, könnte das International Football Association Board (IFAB) nun eine revolutionäre Regeländerung einführen. The Athletic berichtet, dass es bei Verdacht auf Gehirnerschütterungen bald zehnminütige Untersuchungspausen für Spieler geben könnte - inklusive eines temporären Ersatzspielers.

Am 23. Oktober wird das IFAB in Zürich eine Reihe an Gremien abhalten, in denen Vorschläge für Regeländerungen im Fußball diskutiert werden. Der wichtigste Punkt auf der Agenda sei The Athletic zufolge der Umgang mit Gehirnerschütterungen.

Demnach werde besprochen, das Untersuchungsfenster bei einem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung von bislang drei auf zehn Minuten zu erweitern. Die Vergabe dieser Pausen stünde dann nicht mehr im Ermessen der Schiedsrichter, sondern werde obligatorisch. Zudem würde für die Dauer der Tests ein temporärer Ersatzspieler in die Partie kommen.

Eine Entscheidung darüber kann jedoch noch nicht im Oktober fallen, vielmehr wird beim nächsten Treffen lediglich eine Arbeitsgruppe aufgestellt. Sie soll ein Protokoll entwickeln, das bei der Jahresabschlussversammlung des IFAB im Dezember offiziell vorgeschlagen und bei der Hauptversammlung im kommenden März abgesegnet werden könnte.

FIFA: Angst vor taktischem Ausnutzen

Angestoßen wurden die Bemühungen durch Christoph Kramers berüchtigten Zusammenprall mit Ezequiel Garay im WM-Finale 2014 zwischen Deutschland und Argentinien. Kramer hatte zunächst desorientiert weitergespielt und musste dann ausgewechselt werden.

Während die UEFA darauf mit der Einführung dreiminütiger Untersuchungen reagierte, sträubte sich die FIFA lange Zeit gegen Regeländerungen. "Ich erinnere mich an zwei Konferenzen, bei denen der Medizinstab der FIFA die Idee ablehnte", sagt Ross Tucker, sportwissenschaftlicher Berater des Welt-Rugby-Verbandes zu The Athletic: "Weil sie besorgt waren, Teams würden sie ausnutzen, um einen taktischen Vorteil zu gewinnen."

Die angestrebten zehn Minuten seien laut Tucker das optimale Zeitfenster. "Fünf Minuten sind zu wenig", erklärte er: "Du kannst nicht alle Funktionen testen, du bist zu gehetzt. 15 Minuten sind aber zu viel, es würde Probleme mit taktischen Auswechslungen und Pausen für Spieler geben".

Mediziner: Trainingsrückkehr erst nach sechs Tagen

Neben der Dauer soll im Protokoll auch adressiert werden, ob die Behandlung von teaminternen oder unabhängigen Ärzten durchgeführt werden. Laut Tucker suggeriere der aktuelle Forschungsstand, dass mit dem Spieler vertraute Ärzte bessere Beurteilungen abgäben. Die Hauptsache sei in beiden Fällen, die Akteure abseits des Feldes zu behandeln.

"Sobald der Spieler vom Platz ist, ist es viel einfacher, ihn dort zu behandeln. Die temporären Einwechselspieler geben einem Zeit und machen es unwahrscheinlicher, dass ein Spieler mit Gehirnerschütterung wieder auf den Platz geschickt wird", so Tucker.

Dr. Vincent Gouutebarge, medizinischer Vorsitzender des Spielerverbands FIFPRO, möchte zudem die Nachsorge verbessern und fordert, dass "Spieler mit einer potentiellen Gehirnerschütterung frühestens sechs Tage nach ihrer Verletzung wieder ins Training einsteigen".

Gehirnerschütterungen können tödlich sein

Immer wieder gab es nämlich Beispiele, als Spieler trotz einer Gehirnerschütterung weiterspielten - und das, obwohl diese viele Gefahren bergen. "Nichts ist derart unterdiagnostiziert wie eine Gehirnerschütterung", sagte Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger, Neurologe und Leiter des sportmedizinischen Instituts der Universität Paderborn, im Westfalen-Blatt: "Dabei ist das gefährlich und sogar lebensbedrohlich. Schon ein zweiter Schlag kann tödlich sein".

Auf Studien über die Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen in der NFL reagierten US-amerikanische Sportligen bereits vor neun Jahren mit Komitees, die sich diesbezüglichen Untersuchungen widmeten.

Gooutebarge begrüßte deshalb "den wachsenden Willen der Interessensvertreter, die Sicherheit im Fußball zu erhöhen" und freue sich darauf, "weiter mit dem IFAB zusammenzuarbeiten, um den Fußball auf ein Niveau mit anderen Sportarten zu bringen, die gründlichere Behandlungsverfahren haben".

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