Fussball

Racings Tita Matiussi: Wie Fans die beste Akademie Argentiniens bauten

Von Daniel Edwards und Falko Blöding
Die Nachwuchsakademie von Racing Club brachte zahlreiche Stars hervor. Das ist ihre Geschicht....
© SPOX

Sie wurde von Fans in Eigenregie erbaut und brachte große Stars hervor. Die faszinierende Geschichte der Racing-Akademie Tita Mattiussi.

Die Sonne steht tief, Staub wird vom Boden hochgewirbelt, Schweiß tropft in den Sand. Barfuß jagen Kids in kurzen Hosen und T-Shirts einem Ball hinterher, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Begleitet von Anfeuerungsrufen und Flüchen malträtieren sie das Leder, bis es dunkel wird und sie erschöpft nach Hause gehen.

So oder so ähnlich stellen sich viele Fans in Europa noch immer vor, wie argentinische Talente rund um Buenos Aires, Rosario oder anderen Städten im Ödland ("Potrero") das Einmaleins des Fußballs erlernen. Ein Stereotyp, der aber nur bis zu einem gewissen Punkt zutrifft.

Racings "Tita Matiussi": Eine einzigartige Jugendakademie

Sicher, das Gekicke auf den Straßen und Bolzplätzen ist weiterhin der Nährboden für die neuen Maradonas und Messis. Im 21. Jahrhundert betreiben die Spitzenklubs des Landes allerdings hoch angesehene Jugendakademien. Sie mögen technisch nicht der letzte Schrei und auch nicht so luxuriös ausgestattet sein wie die Internate der europäischen Top-Vereine. Straff organisiert werden dennoch regelmäßig außerordentliche Talente herangezogen.

Ein Paradebeispiel dafür ist der amtierende Meister Racing Club. Seine Nachwuchsakademie Tita Mattiussi liegt nur wenige Kilometer vom Stadion in Avellaneda entfernt. Kinder und Jugendliche aller Altersklasse schuften hier für ihren Traum von der großen Karriere.

Tita Mattiussi ist die Antwort des Traditionsvereins aus der Hafenstadt in der Nähe von Buenos Aires auf Barcelonas berühmte Nachwuchsakademie La Masia. Sie ist benannt nach einer Frau, die ihr Leben dem Verein widmete. Sie lebte im Stadion und übernahm praktisch alle Aufgaben, vom Waschen der Trikots bis zum Vorbereiten der Mahlzeiten für den Nachwuchs.

Was die Akademie so besonders macht: Sie verdankt ihre Existenz einzig den Fans des Vereins, die im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen das Internat aufbauten. Es ist die einzige professionelle Nachwuchsschmiede der Welt, die von den Anhängern eines Vereins gegründet und sogar errichtet wurde.

Die Geschichte begann im Jahr 1998. Damals kämpfte Racing ums finanzielle Überleben, der Klub stand kurz vor dem Bankrott. Ein Jahr später trat der Worst Case tatsächlich ein und La Academia musste dichtgemacht werden. "Racing Club hat aufgehört zu existieren", rief die damalige Konkursverwalterin Liliana Ripoll. Der so stolze Klub, der zuvor 15 Meistertitel gewonnen hatte, lag am Boden.

"Racings Kinder hatten keinen Ort, wo sie trainieren konnten"

Leonardo Tarrio erinnert sich noch gut an jene Zeit. Heute ist er Platzwart bei Racing, bis vor wenigen Jahren war er noch Leiter der Tita. Er erzählt bei SPOX und Goal von jener Zeit vor zwei Dekaden: "Racings Kinder spielten mal hier und mal dort, sie hatten keinen Ort, an dem sie trainieren konnten."

Ein Journalist, Luis Otero, nahm sich der Sache an. "Mit einer Gruppe von Anwälten kämpfte er um ein Grundstück und einigte sich schließlich mit Ferrobaires (eine Eisenbahngesellschaft, Anm. d. Red.) und dem Club Argentino de Rugby", sagt Tarrio: "Von da an arbeiteten wir von Montag bis Freitag auf dem Areal."

Der Ort, an dem sich Tita Mattiussi heute befindet, war ein brachliegendes Gelände, das lange Zeit einem aufgelösten regionalen Eisenbahnunternehmen gehörte. Erst im Dezember 2018 gingen die zwölf Hektar tatsächlich in den Besitz Racings über. 1998 war es praktisch nicht mehr als eine ausgebrannte Lagerhalle inmitten von Gras und Geröll. Die Racing-Fans machten daraus ein schmuckes Trainingszentrum. Tarrio erinnert sich: "Der erste Rasenplatz wurde noch von Hand eingesät und mit einem Gartenschlauch bewässert. Einem, wie Sie ihn verwenden, um zu Hause die Pflastersteine zu säubern."

Nach unzähligen Stunden harter Arbeit und vielen Spenden wurde der erste Platz im Jahr 2000 eröffnet. Aus der Lagerhallenruine, in der vorher ab und an Obdachlose Zuflucht gesucht hatten, wurde ein Klubhaus inklusive Kabinen, Büros und einer kleinen Kantine. 2015 standen den Nachwuchskickern fünf Trainingsplätze zur Verfügung. Weitere wurden seitdem eröffnet, ebenso wie ein Hockeyplatz.

Einer, der maßgeblich an der Erfolgsgeschichte von Tita Mattiussi mitgeschrieben hat, ist Marcelo Stones. Der Mann, dessen richtiger Nachname Betbese lautet, ist unter Racings Fans so etwas wie eine lebende Legende. 1990 war er ein Gründungsmitglied der Fanorganisation "Racing Stones". Diese Gruppierung wollte die Unterstützung der Barra-Brava-Hooligans aufleben lassen - ganz ohne die Kriminalität und Mafia-ähnlichen Strukturen, die es in weiten Teilen der argentinischen Fankultur gibt.

Stones: Fanlegende, Präsident, professioneller Pokerspieler

"Als ich in meiner Blüte war, hatte ich einen gewissen Einfluss auf die Fans und brachte sie dazu, herzukommen, um mit an unserer Akademie zu arbeiten", erklärt Stones SPOX und Goal. "Wir lebten damals nach Idealen. Wir besuchten jedes Spiel, aber wir nahmen keinen Peso vom Klub an. Wir waren gegen den damaligen Präsidenten und seinen Vorstand."

Racing Stones nahm beim Erbau der neuen Akademie eine wichtige Rolle ein: Marcelo Stones und Tarrio waren Gründer der Genossenschaft, welche die Einrichtung später leiten sollte. Stones, heute ein professioneller Pokerspieler in Brasilien, wurde ihr erster Präsident.

Los Stones und Racing arbeiteten erstmals wirklich zusammen, als die Anhänger das verfallene Klubgebäude in Buenos Aires anstrichen. Bekannt waren sie in der Öffentlichkeit allerdings vielmehr für die "Fiesta in der Kurve". Stones erzählt Geschichten von tausenden Papierrollen, die vor einem Derby gegen Indepediente auf den Rasen flogen. Oder von 60 Fackeln, die beim denkwürdigen 6:4 in La Bombonera gegen Boca mit den Stars Maradona und Claudio Caniggia gezündet wurden.

Als Hooligan-Gruppe wollten Los Stones mit den Klubbossen nichts zu tun haben. Ihre Fiesta finanzierten sie durch Spenden normaler Fans am Spieltag. Dieses Wir-Gefühl spielte auch beim Bau der Tita Mattiussi eine große Rolle. "Zu der Gruppe, die damals anfing, an der Akademie zu arbeiten, gehörten drei oder vier Stones. Aber es kamen Leute von überall. Ich ging über die Tribünen und sagte: 'Hey, wir bauen eine Akademie. Warum kommt Ihr nicht und helft uns am Samstag?'"

"Das war so etwa 1999. Unsere Gruppe funktionierte nicht mehr so gut. Wenn ich einen Jungen von den Stones bat, um zehn Uhr zu kommen, um Geröll wegzuräumen, kam er nicht, weil er sich nach einer durchzechten Nacht gerade ins Bett gelegt hatte", sagt Stones. "Aber mit den normalen Fans war das anders. Sie wollten sich die Chance nicht entgehen lassen, bei einem solchen Projekt mitzumachen. Es gab nur das Problem, ihre Motivation hochzuhalten. Wenn sie kamen und das Gelände sahen, schauten sich mich nämlich an und sagten: 'Du bist ja verrückt.'"

2009 ging Tita Matiussi wieder in Racings Besitz über

Stones rieb sich in dem Projekt auf, es entwickelte sich für ihn zu einem Vollzeitjob ohne Bezahlung: "Es gab da einen Punkt, an dem ich völlig die Orientierung verlor." Vom Verein gab es keine Unterstützung, zeitweise war sogar das Gegenteil der Fall, nachdem Racing in privaten Besitz gelangt war. Trotzdem schafften es die Fans, dass die Jugendmannschaften im Jahr 2000 den Spielbetrieb aufnahmen.

2009, nachdem die Demokratie bei Racing zurückgekehrt und Rodolfo Molina zum Präsidenten gewählt worden war, wurde die Akademie formell zurück an den Klub übergeben. Die Ergebnisse seitdem sind bemerkenswert.

Seit der Eröffnung hat die Tita Akteure wie Lautaro Martinez, Maxi Moralez, Luciano Vietto, die Zuculini-Brüder Bruno und Franco, Ex-Lyon-Star Lisandro Lopez sowie Argentiniens Rekord-Nationaltorhüter Sergio Romero hervorgebracht.

Nach Jahren unbeständiger Ergebnisse und wirtschaftlicher Nöte ist Racing durch seine beispielhafte Nachwuchsarbeit zu einem der finanziell stabilsten Vereine in der stets chaotischen Welt des argentinischen Fußballs geworden. Das Geld, das man durch die Verkäufe von Vietto, De Paul und Zuculini einnahm, wurde klug in die Mannschaft investiert. Das Resultat: Im Dezember 2014 feierte Racing den Gewinn der Meisterschaft.

Racing Club: Diego Milito ist der starke Mann

Mittlerweile ist Klubikone Diego Milito bei Racing Sportdirektor. Der Bayern-Schreck aus dem Champions-League-Endspiel 2010 treibt die Professionalisierung in der Akademie und dem Scouting weiter voran. Die Erfolge sind unübersehbar. In der vergangenen Saison holte Racing erneut die Meisterschaft. Mit Top-Talent Matias Zaracho steht der nächste potenzielle Rekordverkauf schon in den Startlöchern.

Und beim 1:0-Testspielsieg der argentinischen Nationalmannschaft gegen Marokko Ende März standen fünf Spieler (Zaracho, Martinez, Moralez, Gabriel Mercado, Rodrigo de Paul) im Kader von Trainer Lionel Scaloni, die in der Tital Matiussi groß wurden. Die nächsten Projekte sind bereits geplant: Zum Beispiel wird auf dem Akademiegelände das Mini-Stadion "El Cilindrito" errichtet. Es wird das modernste seiner Art in Argentinien sein und ist Militos ganz persönliches Baby.

Finanziell wird Racing nie mit großen Vereinen aus Europa mithalten können. Komfort, der für Teenager in Deutschland oder England vielleicht selbstverständlich ist, gibt es hier ebenso wenig. Dafür wird in Tita Mattiussi gesteigerter Wert auf Zusammenhalt und gemeinsames Arbeiten gelegt.

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