Fussball

Fortuna Düsseldorfs Sportvorstand Lutz Pfannenstiel im Interview: "Der wurde getötet, weil er seine Ex-Freundin grüßte"

Lutz Pfannenstiel ist mittlerweile Sportvorstand von Fortuna Düsseldorf.

Der Spielerstatus beim Afrika-Cup ist also außer Kraft gesetzt.

Pfannenstiel: Beim Afrika-Cup spielen zwar Weltstars, aber das Verhalten ist nicht überheblich. Es ist wie ein Klassentreffen. Die Spieler wissen, wo sie herkommen. Natürlich gibt es die Führungsspieler auf dem Platz, aber nirgendwo ist der finanzielle Unterschied so groß wie bei diesem Turnier. Bei Nigeria verdienen Spieler wie John Obi Mikel Millionen, während der dritte Torwart, der in der einheimischen Liga spielt, ein paar tausend Dollar verdient.

Und da gibt es trotzdem keine Starallüren?

Pfannenstiel: Ich kann mich an eine Ausnahme erinnern. Da kam einer der Superstars einer Mannschaft mit zwölf Rolex in der Tasche an und verteilte die als Geschenke an die Mannschaft, damit klar ist, wer der Chef ist.

Was hat es mit Black Magic auf sich?

Pfannenstiel: Meiner Mannschaft wurde vor einem Champions-League-Spiel die Flüssigkeit von drei Toten auf die Arme und Beine gepinselt. Der Geruch war grausam, aber das Spiel haben wir gewonnen. Und der Medizinmann war sich sicher, dass es nur daran lag.

Es sind gerade solche Kuriositäten, die hierzulande am ehesten noch den Afrika-Cup in den Fokus rücken lassen. Kuriose Torwartfehler, Schiedsrichterentscheidungen oder Ausschreitungen, wie jene beim Halbfinale 2015 zwischen Gastgeber Äquatorialguinea und Ghana, als ein Hubschrauber die einheimischen Fans in Schach halten musste. Ist das nicht irgendwie traurig, dass der Fußball da schnell in den Hintergrund rückt?

Pfannenstiel: Das ist halt der X-Faktor beim Afrika-Cup. Bei einem Turnier auf so hohen Niveau wird man diese Sachen wohl nicht erleben. Der Gold Cup ist hochprofessionell aufgezogen worden, die Asienmeisterschaft ist genauso gut organisiert, wie eine WM. Beim Afrika-Cup kommst du an, willst zum Hotel und vielleicht gibt es das Hotel noch gar nicht. Oder eine Mannschaft kommt an und keine Trainingsplätze sind gebucht oder die Klamotten sind nicht da. Togo hat mal mit den Trikots von der Elfenbeinküste trainiert, weil die Kleidung nicht da war. Das ist einfach ein sympathisches Chaos.

Wie wir von Ihnen gelernt haben, bleiben davon auch die Weltstars und Topmannschaften nicht verschont.

Pfannenstiel: Selbst bei absoluten Topspielen, zum Beispiel Kamerun gegen Ghana oder Marokko gegen Tunesien, wo eigentlich so viel Qualität auf dem Platz steht, kann eine Szene das Ganze kippen, so dass sich am Ende 22 Spieler jagen. Die körperliche Härte war vor allem vor einigen Jahren über dem Limit. Aber auch das wurde bei den letzten Turnieren etwas ruhiger.

Das erinnert unweigerlich an die Jagdszenen bei Kamerun gegen Argentinien im WM-Eröffnungsspiel 1990, als sich Claudio Caniggia ernsthaft Sorgen um seine Gesundheit machen musste.

Pfannenstiel (lacht): Genau. Einer von den Spielern, die Caniggia damals "gejagt" haben, hat mit mir in Neuseeland gespielt. Wenn du versucht hast, ihn beim fünf gegen zwei zu tunneln, war Schluss mit lustig. Der war eine richtige Kante. Der hat nur selten gelacht, aber wenn der Ball kam, wusste er, was er zu tun hatte ...

Wir sprachen über Kuriositäten rund um den Afrika-Cup. Ein häufiges Thema sind Streiks der Mannschaften vor den Turnieren wegen ausstehender Prämienzahlungen vonseiten des Verbandes. In diesem Jahr hat Kamerun beinahe eine Disqualifikation riskiert. Hierzulande ein undenkbares Szenario.

Pfannenstiel: Da geht es ums Prinzip und kam ja sogar schon bei einer WM vor, als Ghana 2014 vor dem Turnier in Brasilien gestreikt hat. Da habe ich selbst im Mannschaftshotel gesehen, wie die Spieler dem Verbandspräsidenten unter Druck gesetzt haben.

Wie ist Ihre Meinung dazu?

Pfannenstiel: Die Verbände müssen sich da ganz einfach an die Regeln halten. Du kannst nicht einerseits ein Prämiensystem ausverhandeln und dann verschwindet das Geld. Das geht nicht. Den Superstars tut so was nicht weh, aber einigen anderen Spielern schon. Da steht man dann als Gemeinschaft zusammen und sagt: Wir lassen uns nicht veräppeln, während andere die Champagnerkorken knallen lassen.

Streiks vor großen Turnieren sind in Afrika kein Novum. Dass das Turnier in der europäischen Sommerpause stattfindet und 24 Mannschaften teilnehmen schon.

Pfannenstiel: Die Aufstockung finde ich persönlich nicht gut, weil sie das Niveau noch mehr verwässert.

Diese Diskussion führen wir ja nun auch bei der Europa- und Weltmeisterschaft.

Pfannenstiel: Beim Afrika-Cup ist das noch krasser, weil dann wirklich Mannschaften dabei sind, die noch nicht auf diesem Niveau angekommen sind.

Was ist mit der Verlegung des Turniers in den Sommer?

Pfannenstiel: Die Hitze kann zwar problematisch sein. Aber für die Vereine und die Spieler ist das ein absoluter Segen.

Warum?

Pfannenstiel: In den letzten fünf bis zehn Jahren hast du als Verein aus dem Tabellenkeller immer gesagt, dass wenn zwei oder drei Spieler im Winter zum Afrika-Cup gehen, dann steigst du ab. Das ist jetzt anders. Jetzt kannst du afrikanische Spieler aus deiner Mannschaft ohne die große existenzielle Angst hinschicken.

Ist das eine Änderung aus Annäherung oder Druck von Europa?

Pfannenstiel: Druck will ich das nicht nennen, aber das wurde in den letzten zehn Jahren schon immer wieder gefordert. Der Verband wollte das auch gar nicht machen, hat dann aber gemerkt, dass in vielen europäischen Ländern, abgesehen von Frankreich und Belgien, die Quote an afrikanischen Spielern stark zurückgingen, weil man vor den Auswirkungen des Afrika-Cup großen Respekt hatte. Das Turnier jetzt in den Sommer zu legen, war eine gute Entscheidung besonders für die jungen afrikanischen Talente, sich in Europa weiterzuentwickeln.

Jetzt haben wir so viel über Hintergründe zum Afrika-Cup gesprochen. Wer gewinnt ihn am Ende?

Pfannenstiel: Nigeria, das von meinem Freund Gernot Rohr trainiert wird, hat eine gute Mannschaft. Die Westafrikaner wie Ghana, die Elfenbeinküste und Kamerun gehören zum Favoritenkreis. Für viele Experten ist Senegal der Topfavorit. Aber wir sprechen über ein Turnier, das in Nordafrika stattfindet. Das heißt, die nordafrikanischen Mannschaften werden in ihrem Umfeld automatisch stärker sein. Taktisch sind Marokko, Algerien und Tunesien den schwarzafrikanischen Teams einen Schritt voraus. Gastgeber und Rekordchampion Ägypten will aber zu Hause den nächsten Titel holen und haben mit Mo Salah auch den momentan besten Afrikaner in ihren Reihen.

Favorit ist also Ägypten. Welche Mannschaft ist denn besonders interessant?

Pfannenstiel: Simbabwe. Sehr gute Fußballkultur, obwohl in der Liga kein Geld ist. Klaus-Dieter Pagels war dort technischer Direktor der Nationalmannschaft. Ich kam zu einem Trainerkurs ins Büro und da war ein riesiges Zimmer mit einem Faxgerät. Komplett ohne Möbel. Das Zimmer bestand quasi nur aus diesem Faxgerät am Boden. Die Jungs haben wirklich nichts.

Simbabwe war schon letztes Mal dabei - ganz ohne die Aufstockung. Drei Debütanten gibt es in diesem Jahr.

Pfannenstiel: Dass Mauretanien dabei ist, ist für mich eine Sensation. Ich habe mit Namibia dort ein Qualifikationsspiel gemacht. Da gibt es sehr wenig Infrastruktur.

Beim Afrika-Cup gibt es nicht viele Weltstars. Ein paar große Namen sind aber dennoch dabei: Mo Salah, Naby Keita, Sadio Mane, Nicolas Pepe, Riyad Mahrez, Hakim Ziyech. Gibt es durch Ihre Scouting-Brille gesehen noch einen Geheimtipp? Einen Spielernamen, den man sich merken muss?

Pfannenstiel: Früher konntest du beim Afrika-Cup noch Juwele finden, die keiner kannte. Das verschwand aber mit den neuen Medien und der modernen Scouting-Software. Selbst beim dritten Torhüter von Uganda gibt es einen World Feed, der dir sagt, was er so kann.

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