Das sinnloseste Interview der Fußballgeschichte

Von Oliver Birkner / Frank Oschwald
Jan Vertonghen hat mal wieder einen rausgehauen
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Premier League

Von Frank Oschwald

Field-Interview-Hölle des Spieltags: Es soll manchmal vorkommen, dass Fußballer bei Field-Interviews direkt nach dem Spiel die Welt nicht komplett neu erfinden. Meist feuern die Profis mit inhaltslosen Worthülsen um sich und versuchen, etwas und doch nichts zu sagen. Sätze wie "Wir konzentrieren uns auf das nächste Spiel", "Wir müssen die Dinger vorne auch mal machen" oder auch "Ich habe mich während des Spiels gut gefühlt" schrammen meist nur knapp an einem Eintrag in der Sportgeschichte vorbei und lösen nur selten ein politisches Beben aus. Bei den Tottenham Hotspur ticken die Uhren etwas anders. Auf dem vereinsinternen Kanal wird journalistisch anspruchsvolle Arbeit betrieben. Hier wird investigativ berichtet, hier wird nachgebohrt und hier werden auch mal unangenehme Fragen gestellt. Ja, die Spurs-Reporter gehen dahin, wo es weh tut. Aua.

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So auch nach dem Spiel von Tottenham gegen Everton am vergangenen Wochenende. Von einer Ankündigung von Jan Vertonghen, er habe nur wenig Zeit, ließ sich der Reporter nicht beirren. Er hakte trotz der Zeitknappheit mit einer äußerst präzisen Frage keck und geschickt beim Spieler nach, dass selbst Reinhold Beckmann vor Stolz platzen würde: "Herr Vertonghen, was denken Sie vom Spiel heute?" Der Belgier war aufgrund der Komplexität der Frage völlig perplex und geriet ins Rudern. Keine Frage für sinnlose Plattitüden, keine Antwort nach dem Schema F ist hier möglich. "Ja, es war sehr gut", stammelte der Verteidiger. Im Erfolg sonnend und am Höhepunkt seiner Karriere beendete der Reporter das Interview im Anschluss flugs und bedankte sich artig bei Vertonghen. Wir sind froh, dass wir diese Sternstunde journalistischer Arbeit miterleben durften und erfreuen uns über den inhaltlichen Mehrwert, den dieses Interview lieferte.

Aufmarsch des Spieltags: In Chile schlagen sie seit geraumer Zeit reihenweise die Hände über dem Kopf zusammen: "Ihr" Superstar Alexis Sanchez tritt beim FC Arsenal auf der Karrierestelle statt einen anderen Klub mit seinen Fähigkeiten zum Champions-League-Triumph zu zirkeln. Die stolzen Landsmänner des Gunners riefen deshalb via Facebook zur Demonstration auf: "Protestmarsch für Alexis Sanchez' Abschied von Arsenal". Der Aufruf ging durch die Decke und wurde zum vollen Erfolg. 14.000 Menschen meldeten sich an und statteten sich zumindest gedanklich schon mal mit Heugabel und Fackel aus. Diesen Engländern zeigen wir's!

Am 1. März war es dann so weit. Menschenmassen sollten sich auf dem Plaza Baquedano in Santiago de Chile versammeln. Na gut, alle, die sich angemeldet hatten, kamen nicht. Das kennen wir ja selbst allzu gut von sämtlichen albernen Geburtstagseinladungen auf Facebook. Die Ausfallquote des Protestmarsches überstieg dann allerdings auch die des unbeliebten Arbeitskollegen. Denn statt 14.000 Menschen tauchten lediglich fünf Personen auf. FÜNF! So groß kann der Ärger in Chile also doch nicht sein. Dass Sanchez gegen Liverpool nun auf der Bank Platz nehmen musste, wird die fünf Chilenen allerdings mächtig auf die Palme gebracht haben.

Anything else: Robbie Savage ist inzwischen als lustiger TV-Experte bekannt, der mit einem Selbstbewusstsein der Queen durch die Medienlandschaft stolziert. In seiner aktiven Karriere war das allerdings nicht immer so. Der Ex-Kicker, der es immerhin auf 32 Länderspiele für Wales und rund 350 Premier-League-Spiele brachte, gab bei BBC Radio 5 einen tiefen Einblick in sein Seelenleben. "Ich war der unsicherste Mensch aller Zeiten. Als ich zu Derby County gewechselt bin, habe ich mir in diversen Foren einen Fake-Account erstellt und unter den Spielberichten kommentiert: 'Robbie spielte heute wirklich sehr gut, oder?'" Auch bei mehreren Zeitungsjournalisten soll er immer nachgefragt haben, ob er nicht eine bessere Note für seine Leistung bekomme. Robbie, du alter Fuchs! Vielleicht sollten wir das bei den Blitzlichtern auch mal ausprobieren ...