EM

EM 2021 - Belgien vs. Russland: Sbornaja sendet die falsche Botschaft

Von Stanislav Schupp
Russland hat zum EM-Auftakt gegen Belgien verloren.
© getty

Mit seinen Länderspieltreffern 61 und 62 avancierte Angreifer Romelu Lukaku bei Belgiens 3:0-EM-Auftaktssieg gegen Russland in St. Petersburg zum Matchwinner und wurde anschließend zum Spieler des Spiels gekürt. Doch nicht nur sportlich sandte der 28-Jährige ein wichtiges Zeichen, während die Gastgeber der Öffentlichkeit die falsche Botschaft vermittelten und ihre proklamierte Stimmung ad absurdum führten. Die Erkenntnisse.

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Nur Lukaku denkt an Eriksen

Nachdem Lukaku bereits in der zehnten Minute einen Stockfehler von Russlands Abwehrmann Andrei Semyonov ausgenutzt und den Ball aus kurzer Distanz ins Netz befördert hatte, nahm er umgehend den Weg zur an der Seitenauslinie postierten TV-Kamera auf, um eine ganz besondere Nachricht mit großer Bedeutung zu formulieren.

"Viel Kraft, Chris, ich liebe dich", rief Lukaku in die Linse und küsste das Objektiv. Den Treffer widmete der Belgier seinem Inter-Teamkollegen Christian Eriksen, mit dem er erst kürzlich den Scudetto gewonnen hatte und der wenige Stunden zuvor während der Partie zwischen Dänemark und Finnland (0:1) ohne Fremdeinwirkung auf dem Platz kollabiert war und reanimiert werden musste. Die Partie stand kurzzeitig vor dem Abbruch, weil sich Eriksens Zustand aber stabilisierte und es laut Nationaltrainer Kasper Hjulmand auch der Wunsch des Mittelfeldspielers gewesen sei, wurde das Spiel nach knapp 107-minütiger Unterbrechung schließlich fortgesetzt.

"Es war sehr schwer für mich, hier zu spielen, weil meine Gedanken bei Eriksen waren. Ich hoffe, es geht ihm gut und ich widme ihm dieses Spiel", sagte ein sichtlich mitgenommener Lukaku im Anschluss an die Partie: "Ich habe viel geweint und mir natürlich große Sorgen gemacht. Wir haben viel gemeinsam erlebt. Ich habe mehr Zeit mit ihm verbracht als mit meiner Familie. Meine Gedanken sind bei ihm, seiner Freundin, seinen zwei Kindern und seiner Familie."

Mit Blick auf die Ereignisse in Kopenhagen war auch lange Zeit unklar, ob der Ball in St. Petersburg überhaupt rollen kann. In der Heimstätte des russischen Meisters Zenit schien es jedoch so, als wäre das Drama um Eriksen nie gewesen. Es gab weder eine Durchsage noch eine Mitteilung jeglicher Art über die Leinwände. Lediglich der offizielle Twitter-Kanal der Nationalelf, der ein Bild eines Fans mit Eriksens Namen samt Genesungswunsch auf einer russischen Flagge teilte, thematisierte den Vorfall.

Stattdessen zelebrierte man eine Eröffungszeremonie samt DJ-Musik und die Sbornaja wurde von der deutlichen Mehrheit der knapp 26.000 anwesenden Fans frenetisch gefeiert - business as usual also.

Russland sendet das falsche Signal

Der nächste diskussionswürdige Moment ereignete sich unmittelbar vor dem Anpfiff, als sowohl die Belgier als auch das Schiedsrichtergespann im Zeichen der Black-Lives-Matter-Bewegung gegen Rassismus in die Knie gingen - nur der Gastgeber blieb stehen. Der Kniefall der Roten Teufel wurde vom russischen Publikum zusätzlich mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht.

Die Proteste gegen diese Bewegung nahmen bereits auf anderen Schauplätzen wenige Tage vor EM-Start Fahrt auf. So hatten Fans der englischen Nationalmannschaft vor den Testspielen der Three Lions gegen Österreich und Rumänien in Middlesbrough ebenfalls ihren Unmut über den Kniefall der Spieler mit Pfiffen geäußert. Boris Johnson, Premierminister Großbritanniens, verweigerte dem Team anschließend die Rückendeckung, erklärte lediglich, dass jeder das Recht habe, friedlich zu protestieren.

Auch in Ungarn, ebenfalls Gastgeberland bei der EM, sorgte ein verweigerter Kniefall für Zündstoff. Beim Vorbereitungsspiel gegen die Iren in Budapest wurden die Gäste auf der einen Seite von den heimischen Fans ausgepfiffen, auf der anderen verzichteten die ungarischen Spieler auf die Bewegung, einige zeigten stattdessen auf das "Respect"-Logo auf den Ärmeln ihrer Trikots. Der ungarische Verband spannte den Bogen daraufhin zur FIFA und UEFA, die beide die Politisierung des Sports ablehnen.

Das russische Team samt Anhang sandte ebenfalls das falsche Signal an die Öffentlichkeit und legt den Schluss nahe, dass ein Land, in dem Menschenrechte zum Teil noch mit Füßen getreten werden und Rassismus sowie Homophobie weiterhin an der Tagesordnung sind, nicht bereit ist, als Gastgeber für solch ein Turnier zu fungieren. Cheftrainer Stanislav Cherchesov wollte sich auf der anschließenden Pressekonferenz auf Nachfrage von SPOX und Goal weder zum Zeichen der Belgier noch zu dem seiner eigenen Mannschaft und der Anhänger äußern. "Mit mir wurde im Vorfeld nichts kommuniziert", entgegnete der 57-Jährige auf die Frage einer möglichen Absprache und schob ausweichend nach: "Das ist keine Frage, die mit Fußball zu tun hat. Wenn Sie eine haben, stellen Sie mir eine zum Spiel."

Unter dem Deckmantel der Euphorie: Bunte EM-Stimmung trügt

Läuft man aktuell durch die Straßen St. Petersburgs, passen die Ereignisse von Samstagabend eigentlich nicht ins Bild: überall Menschen verschiedenster Herkunft, mit unterschiedlichsten Trikots und Flaggen, die sich gegenseitig in den Armen liegen und über den möglichen Ausgang der kommenden Spiele philosophieren, stark besuchte Fanmeilen, die in Zeiten der Pandemie ein Stück weit Normalität aufleben lassen und auch im Stadion gingen zahlreiche, harmonische Zuschauerwellen durch die Ränge.

Doch so sehr man sich um ausgelassene Stimmung bemüht, so sehr wirkt sie unter dem Deckmantel der Euphorie wie eine Art Kontrastprogramm.

Bei der Übertragung des Eröffnungsspiels zwischen Italien und der Türkei forderte der "Stadionsprecher" der Fanmeile die Besucher auf: "Zeigt, dass St. Petersburg entgegen aller Erwartungen durchaus Stimmung machen und laut sein kann, los!" Die Fans erwiderten umgehend. Doch wenn es darauf ankommt, erheben leider nur wenige ihre Stimme.

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