Fussball

Angelos Charisteas im Interview: "Rehhagel sagte: 'Wir haben keinen Messi, also spielen wir mit Libero'"

Von Interview: Stefan Petri
Angelos Charisteas wurde 2004 mit Griechenland Europameister.
© imago images

Am 4. Juli 2004, also heute vor 16 Jahren, schaffte Griechenland das EM-Wunder. Unter Trainer Otto Rehhagel setzten sich die Griechen im Finale in Lissabon mit 1:0 gegen Gastgeber Portugal durch. Dabei köpfte Angelos Charisteas in der 57. Minute zum Sieg ein und ging als "Euro-Harry" in die Geschichte ein. Im Interview mit SPOX und Goal blickt der 40-Jährige zurück.

Charisteas spricht über Glück im Fußball, nervöse Portugiesen, Standardsituationen und Otto Rehhagel.

Dieses Interview wurde bereits 2012 veröffentlicht.

Herr Charisteas, Hand aufs Herz: War der Titel 2004 Glück?

Charisteas: Es ist so: Im Fußball kann man von Glück sprechen, wenn man ein Spiel mal glücklich gewinnt. Aber wenn man in einem Turnier sechs Spiele hat, und man fünf gewinnt und eins verliert, dann bedeutet das, dass es kein Glück war. Die Mannschaft war damals über den ganzen Monat in sehr guter Form. Natürlich braucht man am Ende manchmal auch ein bisschen Glück. Ich glaube, dass unsere Mannschaft bei der EM schon auch ein paar glückliche Momente hatte. Aber insgesamt haben wir den Titel durch eine gute Defensive, viel Laufbereitschaft und gefährliche Standardsituationen geholt.

Der Sieg im Eröffnungsspiel gegen Portugal war der erste Sieg von Griechenland überhaupt bei einem großen Turnier.

Charisteas: Ja, das wussten wir. Deswegen war es ja unser Ziel, überhaupt ein Spiel zu gewinnen. Dass wir schon im ersten Spiel die drei Punkte geholt haben, das war wie ein Traum für uns und für ganz Griechenland. Und dann noch gegen eine so gute Mannschaft wie Portugal. Dieser Sieg hat uns beflügelt.

Im Viertelfinale haben sie Titelverteidiger Frankreich ausgeschaltet.

Charisteas: Der Sieg über Frankreich war unglaublich. Gegen die Franzosen haben wir unser bestes Spiel im ganzen Turnier gemacht. In der ersten Halbzeit haben wir sie unter Druck gesetzt und so immer mehr Selbstvertrauen getankt, so dass wir in der zweiten Halbzeit das Tor gemacht haben. Und dann war es für Frankreich sehr schwer, vor unser Tor zu kommen. Vor dem Spiel haben wir uns gesagt: "Wir haben heute nichts zu verlieren: Frankreich ist der klare Favorit, wir sind nur Außenseiter." Mit dieser Einstellung, mit dieser Mentalität haben wir das Spiel dann gewonnen.

Charisteas: "Die Fans waren unglaublich sauer"

Nach dem Sieg über Tschechien ging es im Finale wieder gegen Portugal. Die Spieler von Portugal waren die sogenannte "goldene Generation", sie standen im Finale im eigenen Land sehr unter Druck. Hat man das gesehen?

Charisteas: Das hat man schon nach dem Eröffnungsspiel gemerkt. Und sie haben ja dann auch gesehen, dass die griechische Nationalmannschaft einige Qualität hat. Die Fans waren nach dem ersten Spiel unglaublich sauer und haben sich auf das Finale gegen uns gefreut. Sie haben schon in den Spielen davor auf die zweite Chance gewartet, uns zu schlagen. Die Generation von Luis Figo, Rui Costa und Nuno Gomes, das war eine sehr starke Generation. Aber es war auch die letzte Chance dieser Generation, etwas zu holen - und das haben sie nicht geschafft.

Im Finale haben Sie dann nach einem Eckball das Tor gemacht. War das abgesprochen, dass der Ball auf den kurzen Pfosten kommt?

Charisteas: Wir haben nach einer Standardsituation auch gegen Tschechien das Tor gemacht, fast in der letzten Sekunde. Das war in diesem Turnier unsere Stärke. Wir haben es nicht speziell im Training einstudiert, aber wir wussten, dass wir mit Standards etwas erreichen können. Wir hatten viele große Spieler, wie Dellas, Katsouranis oder mich, und damit waren wir bei Standardsituationen immer gefährlich.

Beim Torjubel haben Sie unter Ihren Trikot ein T-Shirt mit einem Foto darauf gezeigt. Wer war da drauf?

Charisteas: Das waren die Kinder meiner Schwester, ein Geschenk für mich zum einjährigen Geburtstag der beiden.

Hatten Sie das auch schon im Halbfinale unter dem Trikot getragen? In dem hatten Sie ja nicht getroffen.

Charisteas: Nein, das T-Shirt habe ich im letzten Moment bekommen. Mein bester Freund ist extra für dieses Spiel nach Portugal geflogen. Er hat das Shirt einem Freund aus der Nationalmannschaft gegeben und der gab es mir dann im Hotel vor dem Spiel. Ich habe es also direkt vor dem Spiel bekommen - da war auch ein bisschen Zufall dabei.

Was hat die Mannschaft nach dem Final-Triumph in der Kabine gemacht? Das war für Griechenland ja absolut unglaublich.

Charisteas: Wir haben mit Champagner gefeiert, wir haben gesungen... Wir haben ein paar brutale Sachen gemacht. Das waren natürlich unglaubliche Momente, die jeder Fußballer erleben will. Der Ministerpräsident Griechenlands ist dann noch in unsere Kabine gekommen und hat uns gratuliert.

Sie haben lange in Deutschland gespielt und haben hier seit 2004 den Spitznamen "Euro-Harry". Haben die Europameister in Griechenland auch einen speziellen Spitznamen?

Charisteas: Für die Griechen sind wir Helden, also "Held Angelos". Oder "Held Harry" - in den letzten Jahren nennt man mich in Griechenland auch Harry. Aber es bedeutet mir sehr viel, dass ich in Deutschland einen solchen Spitznamen bekommen habe.

Charisteas: Deshalb setzte Rehhagel auf einen Libero

Griechenland hat 2004 mit Libero hinter der Abwehr gespielt, und es hat auch funktioniert. Warum macht das heute niemand mehr?

Charisteas: Die meisten wollen, dass ihre Mannschaft mit einer modernen Taktik spielt. Otto Rehhagel war aber kein Trainer, dem es nur um Taktik oder um das System ging. Er wollte eine Mannschaft aus den Spielern formen, die er zur Verfügung hatte. Manche Teams haben einen Lionel Messi, manche nicht. Rehhagel hat immer gesagt: "Wir haben keinen Lionel Messi, also spielen wir mit Libero." Das war seine Philosophie.

Rehhagel hat den Griechen nicht nur den EM-Titel hinterlassen, sondern auch ein paar nette Zitate. Zum Beispiel: "Die Griechen haben die Demokratie erfunden, ich habe eine demokratische Diktatur eingeführt."

Charisteas: (schmunzelt) Das stimmt. Otto Rehhagel hat die Kommandos gegeben. Wenn er eine Meinung zu gewissen Dingen oder einzelnen Spielern hatte, dann konnte man ihn nicht mehr davon abbringen. Das war charakteristisch für ihn.

Auch diese Aussage stammt von Otto: "Es gibt den Spruch: Man spielt nur so gut, wie es der Gegner zulässt. Wir haben es nicht zugelassen."

Charisteas: Es war immer Ottos Philosophie, dass seine Mannschaft den Gegner keinen Moment zur Entfaltung kommen lässt. So, dass der Gegner keine Möglichkeit dazu bekommt, das Spiel zu gewinnen. Er will, dass man von der ersten bis zur letzten Minute zeigt: "Wir werden heute das Spiel gewinnen." Dabei war ihm auch die Körpersprache wichtig.

Der wohl bekannteste Satz Rehhagels: "Modern spielt, wer gewinnt."

Charisteas: Genau, das hat er zu uns gesagt. Es gab viel Kritik dafür, dass er mit Libero gespielt hat. Da hat er gesagt: Moderne Taktik ist, zu gewinnen. Wer gewinnt, spielt modernen Fußball.

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