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Fussball

"Die sind im Trikot nach Malle geflogen"

Joseph Laumann feiert mit Lotte-Chefcoach Ismael Atalan den Einzug ins Viertelfinale

Joseph Laumann hat in seiner Karriere viel erlebt: 38 Sekunden Bundesliga, ein Probetraining unter dem Decknamen Joseph Ratzinger und als Co-Trainer der Sportfreunde Lotte den Aufstieg in die 3. Liga. Nun steht der 33-Jährige mit Lotte vor dem größten Highlight der Vereinshistorie: Pokal-Viertelfinale gegen Borussia Dortmund (18.30 Uhr im LIVETICKER). Im Interview spricht Laumann über seine bewegte Spieler-Karriere, die neue Aufgabe bei Lotte und die Chancen gegen den BVB.

Das Interview erschien erstmals am 28. Februar vor dem ersten Termin für das Pokalspiel zwischen Lotte und Dortmund.

SPOX: Herr Laumann, Sie haben in Ihrer aktiven Karriere 38 Sekunden lang Bundesliga-Luft erlebt, im September 2005 im Spiel zwischen Schalke und Hannover. Überwiegt in der Rückbetrachtung die Freude über einen Bundesliga-Einsatz oder die Enttäuschung, dass es nicht mehr wurde?

Joseph Laumann: Ich bin damals auf den Platz gelaufen und habe sofort einen Sprint ausgepackt, aber für einen Ballkontakt hat es nicht mehr gereicht. Auch wenn ich mich in den Jahren danach geärgert habe, dass es nicht für ganz oben gereicht hat, bereue ich nichts. Ich durfte auf Schalke die professionellen Strukturen eines Bundesliga-Klubs kennenlernen und habe mir meinen großen Traum erfüllt und im Ausland gespielt.

SPOX: Vor Ihrem Wechsel zu Königsblau waren Sie bei der SpVgg Erkenschwick. Wie überraschend kam das Schalker Interesse?

Laumann: Das war unglaublich. Ich habe in der Oberliga gekickt und wir haben gegen Schalkes Amateure 0:4 verloren. Am nächsten Tag war plötzlich Mike Büskens am Telefon. Im ersten Moment dachte ich, dass es ein Scherz wäre. Warum sollte mich Mike Büskens anrufen? Nach ein paar Minuten habe ich aber gemerkt, dass er es wirklich war. Über das Angebot musste ich natürlich nicht lange nachdenken.

SPOX: Bei Schalke war zu dieser Zeit Ralf Rangnick Cheftrainer, der Ihnen auch das Debüt verschafft hat. Wie haben Sie den heutigen Leipzig-Macher kennengelernt?

Laumann: Rangnick hat eine große Qualität im Zwischenmenschlichen. Wir hatten einen schwierigen Kader mit vielen Alphatieren, aber er hatte ein gutes Gespür dafür, wie er mit welchem Spieler umgehen muss.

SPOX: Können Sie nachvollziehen, dass er den Spitznamen "Fußballprofessor" bekommen hat?

Laumann: Er war sehr detailliert und taktisch einfach unfassbar. Ich kann mir in Deutschland keinen besseren Trainer vorstellen als Rangnick. In meinen Augen kommt er in der Öffentlichkeit zu schlecht weg.

SPOX: Inwiefern?

Laumann: Viele, die ihn gar nicht so gut kennen, behaupten, ihm fehle die menschliche Kompetenz. Aber ich habe mich stets sehr wohl gefühlt bei ihm. Andere Trainer hätten mich gar nicht wahrgenommen, aber Rangnick ist hervorragend mit jedem Einzelnen umgegangen.

SPOX: Nach Schalke kamen Sie über Umwege zu Rot-Weiß Erfurt. In dieser Zeit haben Sie ohne Kenntnis des Vereins bei Vitesse Arnheim ein Probetraining absolviert - unter dem Decknamen des damaligen Papstes, Joseph Ratzinger. Wie lief das ab?

Laumann: Die Idee mit dem Namen kam von einem Mitarbeiter von Arnheim. Das war ursprünglich mehr als Scherz gedacht, ist im Nachhinein aber groß rausgekommen. Ich hätte mich nicht krankschreiben lassen dürfen, aber Erfurt hätte mich nicht ziehen lassen. Als ich zurück nach Erfurt kam, lag die Kündigung bereit, ich musste nur noch unterschreiben.

SPOX: Nach Erfurt zog es Sie zu den Sportfreunden Siegen, für die Sie 23 Spiele absolvierten. Insgesamt waren Sie in Ihrer aktiven Karriere für rund ein Dutzend verschiedene Vereine aktiv. Sind Sie immer auf der Suche nach einer neuen Herausforderung?

Laumann: Das kann man nicht pauschalisieren: Mal lief es sportlich nicht, mal wollte der Verein nicht und auch ich wollte hin und wieder eine neue Herausforderung. Manchmal wäre ich schon gerne länger geblieben.

SPOX: Mittlerweile haben Sie die Schuhe an den Nagel gehängt und arbeiten als Co-Trainer. Wie hat sich Ihr Alltag dadurch verändert?

Laumann: Man schaltet nie ab. Als Spieler muss man sich nur über die eigene Leistung Gedanken machen, als Trainer muss man 25 Spieler im Blick haben. Und die Spielvorbereitung frisst brutal viel Zeit, das kann einen bis in den Schlaf begleiten.

SPOX: Klingt ziemlich stressig.

Laumann: Seitdem ich als Trainer arbeite, kann ich verstehen, dass viele Trainer mal eine Auszeit brauchen wie Rangnick vor ein paar Jahren. Bei Lotte haben wir zum Glück noch mehr Pausen.

SPOX: Hatten Sie als junger Trainer auch mal Probleme, sich den Respekt der Spieler zu verschaffen?

Laumann: Autoritätsprobleme? Kenne ich nicht. Ich arbeite sehr gerne mit jungen Spielern zusammen und hatte da nie Probleme. Die Nachwuchsarbeit in Deutschland wurde grundsaniert und die Profis werden immer jünger, weil die Förderung viel besser greift. Wir waren früher über Leibchen und Hütchen froh, heute sind die technischen Möglichkeiten beinahe unbegrenzt. Das birgt aber auch Gefahr.

SPOX: Welche?

Laumann: Fußball ist ein sehr einfacher Sport und deshalb ist Fußball hierzulande der Sport Nummer eins. Durch diese wissenschaftlichen Kriterien wird er zum Teil künstlich kompliziert gemacht, wodurch der Spaß verloren gehen kann. Fußball ist keine Verpflichtung wie Schule oder Uni, sondern eine Spaß-Beschäftigung.

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