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Fussball

Fußball-Kolumne: Bundestrainer? Warum Lothar Matthäus besser Experte bleibt

Lothar Matthäus feiert am Sonntag seinen 60. Geburtstag.

Langjährige Weggefährten und interessierte Medien halten Lothar Matthäus für einen geeigneten Nachfolger von Jogi Löw. Ob sich der Rekord-Nationalspieler damit selbst einen Gefallen täte, ist die andere Frage. Eine kritische Würdigung zum 60. Geburtstag in der Fußball-Kolumne.

In den Interviews, die Lothar Matthäus anlässlich seines am Sonntag anstehenden runden Geburtstags gegeben hat, hat er auch verraten, wer seine engsten Freunde sind: Ex-Lichtgestalt Franz Beckenbauer, sein langjähriger Teamkollege Andy Brehme und - für manche überraschend - Armin Veh, einstiger Mitspieler auf der ersten Profistation bei Borussia Mönchengladbach.

Damit erklärt sich vermutlich auch die gegenseitige berufliche Wertschätzung. So hatte der TV-Experte Matthäus Ende November kurz nach dem 0:6-Debakel der deutschen Nationalmannschaft in Spanien eine klare Empfehlung für einen möglichen Nachfolger von Löw gegeben.

Bundestrainer: Armin Veh für Lothar Matthäus - und umgekehrt

"Auch, wenn er mein Freund ist. Ich sehe es einfach so als Experte: Armin Veh - warum nicht deutscher Nationaltrainer?", sagte Matthäus bei Sky.

Der so Gelobte revanchierte sich im Januar. "Ich glaube, dass Lothar Matthäus - das meine ich ernst, das ist kein Spaß - der geeignete Mann als Bundestrainer wäre, weil er die Autorität besitzt", erklärte Veh, vor bald 14 Jahren Meistertrainer des VfB Stuttgart, in der NDR-Bundesligashow.

Der Verweis, dass das "kein Spaß" sei, war zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht nur wegen des Kandidaten Matthäus nötig, sondern vor allem, weil Löw wieder fest im Sattel saß und laut damaliger Aussage den bis zur WM 2022 laufenden Vertrag erfüllen wollte.

Daher nahm die Diskussion auch erst Anfang vergangener Woche richtig an Fahrt auf, nachdem Löw überraschend seinen Rückzug bereits nach der EM in diesem Sommer angekündigt hatte. Und weil Jürgen Klopp direkt absagte, Hansi Flick ebenfalls noch länger unter Vertrag steht und Ralf Rangnick augenscheinlich beim DFB nicht gewollt ist, wurde von interessierter Seite plötzlich wieder der Name Lothar Matthäus ins Spiel gebracht.

Löw-Nachfolge: Ex-Mitspieler und Trainer für Lothar Matthäus

Auffällig ist dabei, dass sich vor allem die "Generation Matthäus" für den Rekord-Nationalspieler in die Bresche wirft. Neben seinem langjährigen Mentor Beckenbauer ("Ich sehe keinen besseren als ihn") sprachen sich Trainer-Urgestein Friedhelm Funkel sowie die ehemaligen Teamkollegen Stefan Effenberg, Thomas Helmer, Jürgen Kohler, Mario Basler, Olaf Thon und Mehmet Scholl für Matthäus als neuen Bundestrainer aus.

"Lothar hätte eine Chance verdient", sagte auch Trainerlegende Ottmar Hitzfeld auf Nachfrage von SPOX und Goal: "Er war ein Weltklassespieler, hat Erfahrung als Trainer und besitzt als Fußballexperte viel Fußball-Kompetenz."

Hauptargumente pro Matthäus: Spieler, Trainer, TV-Experte

Diese Argumentation ist der rote Faden im Chor der Matthäus-Befürworter: Herausragende Profikarriere mit großen Verdiensten für den deutschen Fußball, fachliche Kompetenz im Trainerjob und vor allem seine von vielen Seiten hoch gelobten Analysen des aktuellen Geschehens.

Beim ersten Punkt kann man kaum widersprechen: Matthäus gehört völlig zu Recht zur Gründungself der Hall of Fame des deutschen Fußballs, führte die DFB-Auswahl 1990 als Kapitän zum WM-Triumph, wurde 1991 als bisher einziger Deutscher Weltfußballer, hält den Rekord für die meisten Einsätze bei Weltmeisterschaften, gewann schon mit gerade mal 19 Jahren 1980 die Europameisterschaft und wurde mit Bayern und Inter Mailand unter anderem achtmal Meister und zweimal UEFA-Cup-Sieger. Ohne Verletzungen und sein Zerwürfnis mit dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts hätte der Mittelfeldspieler und spätere Libero vermutlich noch mehr als seine 150 Länderspiele bestritten, wäre wohl zumindest 1996 erneut Europameister geworden und hätte auch in anderen Vereinen wie Real Madrid oder Juventus Turin noch mehr Titel gesammelt.

Der spielstarke Matthäus war in den 80er und 90er Jahren absolute Weltklasse, doch viele der heutigen Fußballfans haben ihn gar nicht mehr spielen gesehen. Oder ihn als Schulkind zwar bewundert, aber nicht mal den richtigen Namen gekannt, wie Julian Nagelsmann (33) diese Woche erzählte: "Ich habe immer gedacht, dass er Lotoma Thäus heißt. Ich hab dann mal im Bayern-Fanshop angerufen und gesagt, ich hätte gern ein Trikot mit der Nummer 10 von Lotoma, dann haben die gesagt: Es gibt keinen Lotoma."

Lothar Matthäus: Seit bald zehn Jahren kein Trainer mehr

Unabhängig davon sind "Lotomas" Verdienste als Profi kein Selbstgänger für eine erfolgreiche Karriere an der Seitenlinie, wie zahlreiche Beispiele von Pele über Diego Maradona bis zu Jürgen Klinsmann zeigen. Und nimmt man die Trainerlaufbahn von Matthäus unter die Lupe, so findet man einige Gründe dafür, dass er diesen Job seit bald zehn Jahren nicht mehr ausübt.

Auf der Habenseite stehen zwar die serbische Meisterschaft 2003 mit Partizan Belgrad, der österreichische Titel mit Red Bull Salzburg 2007 als Assistent von Giovanni Trapattoni und immerhin ein Achtungserfolg als ungarischer Nationaltrainer beim 2:0 über Deutschland vor deren verkorkster EM 2004 (weswegen er nach dem Rücktritt von Rudi Völler schon damals als Bundestrainer-Kandidat gehandelt wurde, ehe Klinsmann und Löw die Mannschaft übernahmen).

Matthäus bei Rapid Wien: "Keinen größeren Tölpel gesehen"

Es überwiegen aber die weniger erfolgreichen Stationen, etwa bei der ersten Station Rapid Wien. Dort wurde Matthäus 2003 nach nur acht Monaten und der schlechtesten Platzierung des österreichischen Rekordmeisters seit 1911 (Rang acht) gefeuert. "Alle bei Rapid - von der Putzfrau angefangen - atmen auf, dass er verschwunden ist", sagte Towart Ladislav Maier damals der tschechischen Zeitung Mlada fronta Dnes. "Matthäus wollte um jeden Preis interessant sein, schnappte immer als Erster nach dem Mikrofon. Das Training war eine unglaublich langweilige Schablone. Gäbe es nur den Trainer Matthäus, würde ich sagen, dass ich keinen größeren Tölpel gesehen habe."

Beim brasilianischen Klub Atletico Paranense blieb er später wegen Heimweh nur einen Monat, bei Maccabi Netanja endete das Engagement schon nach einem Jahr und bei seiner letzten Tätigkeit als bulgarischer Nationalcoach wurde Matthäus nach elf Monaten und dem letzten Platz in der EM-Qualifikationsgruppe im September 2011 entlassen.

Trotzdem fragen sich viele Beobachter bis heute, warum einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer aller Zeiten nie eine Chance in der Bundesliga bekommen hat. Dabei ist die Liste der Vereine lang, bei denen er im Gespräch war: Ob bei Schalke (2003), Köln (2006), Wolfsburg (2007), Hertha BSC, Hannover, Düsseldorf, 1860 München (alle 2009) oder zuletzt 2015 beim damaligen Aufsteiger Greuther Fürth. Am konkretesten war es aber 2001 in Frankfurt und 2005 in Nürnberg.

Matthäus: "Fans lehnten mich wegen FCB-Vergangenheit ab"

"In Nürnberg und Frankfurt gab es unterschriftsreife Verträge. Aber die Fans lehnten mich ab, wegen meiner Vergangenheit beim FC Bayern", sagte Matthäus 2009 der FAZ und erläuterte seine Sicht der Dinge: "Bei vielen Vereinen in Deutschland gibt es negative Reaktionen der Fans auf mich, für die ich nichts kann. In anderen Ländern geht man mit Idolen anders um, und ich bin ein Idol im Fußball in Deutschland. Und ich sage es, auch wenn es vielleicht angeberisch klingt: Nach Franz Beckenbauer bin ich ganz sicher die zweitbekannteste Fußballpersönlichkeit Deutschlands, weltweit. Und wie man mit so einem Idol umgeht in Deutschland, da muss sich Deutschland schämen."

Allerdings hat der gebürtige Franke lange Jahre einiges zu seinem schlechten Ruf beigetragen, unter anderem mit seiner seit Spielertagen andauernden engen Verbindung zu manchen Medien, allen voran der Bild-Zeitung. "Ich bin ziemlich überzeugt, dass Lothar ein guter Trainer ist", sagte auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge vor einigen Jahren. Aber um bei den meisten Klubs ernsthaft in Frage zu kommen, müsse er eine klare Grenze ziehen:

"Er war mal bei mir im Büro und hat mich gefragt, was ich ihm raten würde. Ich habe gesagt, 'ich würde dir dringend empfehlen, erst einmal die ganzen Kolumnen und den ganzen Blödsinn beiseite zu schieben. Entweder bist du jetzt Trainer oder journalistisch tätig. Denn beides geht nicht.'"

Matthäus: Lob von allen Seiten für Arbeit als TV-Experte

Letztlich nahm Matthäus seinen früheren Mitspieler beim Wort - und fokussierte sich mangels interessanter Angebote auf seinen Medienjob. Und dort scheint er angekommen zu sein, wirkt ausgeglichener und souveräner als in früheren Zeiten und wird daher von allen Seiten extrem gelobt. "Lothar kann man immer zuhören im TV - und er hat immer Recht", sagte beispielsweise Mehmet Scholl.

Und trotzdem hat Matthäus offenbar noch immer die Hoffnung, er könne noch einmal auf die ganz große Bühne zurückkehren. "Mein Lebensplan sieht anders aus", erklärte er kürzlich zum Thema Bundestrainer. "Nur: Wenn beim DFB Leute denken, dass ich der Richtige bin, beziehungsweise ich merke, dass die Fans mich auch wollen, dann musst du ja drüber nachdenken, dann musst du ja zumindest drüber sprechen."

Matthäus: Teamchef Franz Beckenbauer als Vorbild?

Als Vorbild dient ihm offenbar Freund und Förderer Beckenbauer, der 1984 nach einer massiven Kampagne der Bild-Zeitung, für die er als Kolumnist tätig war, zum DFB-Teamchef berufen wurde. Auch jetzt macht das Boulevardblatt Werbung für den potenziellen Nachfolger Matthäus, unter anderem durch den Kumpel und Bild-TV-Experten Scholl. Einige Wegbegleiter bezweifeln allerdings, ob Matthäus sich mit einem solchen Schritt aus seiner aktuellen Komfortzone heraus einen Gefallen tun würde.

Und die meisten Stimmen aus dem aktiven Geschäft trauen sich zwar nicht namentlich den früheren Helden und Matthäus-Unterstützern zu widersprechen, verweisen aber vertraulich durchaus nachvollziehbar darauf, dass man nach zehn Jahren ohne Trainerjob und mit den Methoden von vor 20 Jahren nicht mehr im aktuellen Geschäft erfolgreich arbeiten könne. "Sind denn alle verrückt geworden? Bloß nicht Matthäus! Denn die Diskussion um ihn ist hanebüchen", kommentierte zuletzt auch das Nachrichtenportal T-Online: "Die aktuelle Spielergeneration kennt Matthäus zudem zu großen Teilen nur als TV-Onkel."

So sieht es wohl auch manchner ihm Wohlgesonnene. "Lothar ist ein absolutes Phänomen", meinte der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der Matthäus von Beginn der Karriere an eng verbunden ist, bei SPOX und Goal. Doch eine Empfehlung als Bundestrainer wollte der 70-Jährige nicht aussprechen: "Ich finde auch, dass er einen erstklassigen Job als TV-Experte macht. Insofern kann letztlich nur er selber entscheiden, ob er noch einmal ins Trainer-Metier wechseln will. Mein Eindruck ist, dass er sich aktuell total wohl fühlt - beruflich wie privat."

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Herzlichen Glückwunsch, Lothar Matthäus!

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