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Fussball

FC Chelseas Champions-League-Triumph: Die unwahrscheinlichen Sieger aus Deutschland

Der Champions-League-Sieg des FC Chelsea ist vor allem auch der Triumph eines deutschen Quartetts. Trainer Thomas Tuchel (47), Innenverteidiger Antonio Rüdiger (28), Stürmer Timo Werner (25) und Siegtorschütze Kai Havertz (21) verbindet, dass sie schwierige Monate hinter sich haben.

Als das Spiel nach sieben nervenzehrenden Minuten Nachspielzeit abgepfiffen war und der FC Chelsea dank des 1:0-Sieges gegen Manchester City somit die Champions League gewonnen hatte, da legte der Stadion-DJ in Porto das Lied "Freed From Desire" von Gala auf. In Fankreisen bekannt als Rhythmusgeber für "Will Grigg's on Fire", heißt es in der originalen Version: "Freed from desire. Mind and senses purified."

Es ging um die Reinigung von Geist und Sinnen und wirkte fast so, als hätte der DJ dieses Lied extra für das deutsche Quartett aufgedreht, das zeitgleich in den blauen Jubeltrauben auf dem Platz versank: Trainer Thomas Tuchel, Innenverteidiger Antonio Rüdiger, Stürmer Timo Werner und Kai Havertz, der das Spiel mit seinem ersten Champions-League-Tor in der 43. Minute entschieden hatte.

Für sie dürfte dieser Triumph nach komplizierten Monaten schließlich wie eine Reinigung ihrer geschundenen Geister und Sinne gewirkt haben. Zu den Klängen von "Freed From Desire" feierten sie zusammen die unverhoffte Krönung ihrer Karrieren. Wohl selten gab es so viele unwahrscheinliche Champions-League-Sieger auf einen Haufen zu sehen, die noch dazu alle aus dem gleichen Land kommen.

Thomas Tuchel gewinnt sein zweites Champions-League-Finale

"Ich laufe wie durch einen Film", sagte Tuchel wenig später etwas ungläubig. Für ihn war es das Ende einer surrealen Saison. Im vergangenen Sommer scheiterte er mit Paris Saint-Germain im Champions-League-Finale noch knapp am FC Bayern München, kein halbes Jahr später wurde er entlassen. Nach einem Sieg. Am Abend vor Weihnachten. Niederschmetternder? Geht eigentlich nicht.

Mit seiner Entlassung platzte übrigens auch ein potenzieller Wechsel Rüdigers zu PSG. Weil er unter Tuchels Trainer-Vorgänger bei Chelsea, Frank Lampard komplett abgeschrieben meist wahlweise auf der Tribüne oder auf der Bank saß, dachte er im Winter über einen Abschied nach. "PSG und Tuchel waren die ernsthafteste Option", sagte er neulich dem kicker. Dann musste der Trainer gehen und Rüdiger blieb in London.

Thomas Tuchel machte Antonio Rüdiger zum Stammspieler

Bei PSG fanden Tuchel und Rüdiger zwar nicht zusammen, dafür aber Mitte Januar bei Chelsea. Tuchel übernahm vom entlassenen Lampard eine ebenso unstrukturierte wie hochtalentierte Mannschaft auf Platz neun, verpasste ihr innerhalb kürzester Zeit ein funktionierendes System, führte sie auf Platz vier und ins Champions-League-Finale. Die Krönung dieser Wiedergeburt folgte dann ausgerechnet gegen den von Tuchel bewunderten Pep Guardiola und dessen Manchester City.

Chelsea spielte schnell und direkt nach vorne und verteidigte in einem kompakten 5-4-1-System konzentriert gegen eine Guardiola-Mannschaft ohne Stürmer und Sechser, dafür aber mit sechs offensiven Mittelfeldspielern. An deren Bändigung entscheidend beteiligt war auch Rüdiger, den Tuchel nach seiner Ankunft sofort zum Stammspieler gemacht hatte.

"Ich war am Boden, aber ich habe gezeigt, dass man Menschen, die am Boden liegen, nicht unterschätzen darf. Danke an den Trainer", sagte Rüdiger nach dem Finalsieg. Mit einer hervorragenden Grätsche rettete er in der 28. Minute beim Stand von 0:0 vor Citys Phil Foden.

Kai Havertz: "Das interessiert mich einen Sch***dreck"

Am letztlich entscheidenden 1:0 14 Minuten später hatten dann Werner und Havertz entscheidenden Anteil: Mit einem klugen Laufweg zog Werner Citys Innenverteidiger Ruben Dias aus der Kette und schuf somit Platz für seinen Kollegen, der nach einem grandiosen Mason-Mount-Pass Citys Keeper Ederson umkurvte und souverän einschob. "Zum Glück habe ich ihn reingemacht", sagte Havertz. "Sonst wäre ich wieder der Depp gewesen." Als Depp galt er im Laufe dieser Saison oft genug, aber immerhin nicht ganz so oft wie sein Sturmkollege Werner.

Werner und Havertz waren im vergangenen Sommer für viel Geld aus der Bundesliga zu Chelsea gewechselt: Werner für 53 Millionen von RB Leipzig, Havertz gar für die klubinterne Rekordablösesumme von 80 Millionen Euro von Bayer Leverkusen. Beide hatten zunächst Anpassungsschwierigkeiten, beide mussten zunächst viel Kritik und teilweise sogar Hohn einstecken.

"Das interessiert mich einen Sch***dreck", sagte Havertz dazu nach dem Spiel. Monatelang war er zwischen verschiedenen Positionen gependelt und hatte zwischenzeitlich wegen einer Corona-Erkrankung und auch verletzt gefehlt. Beim Champions-League-Finale aber präsentierte er sich auf seiner halbrechten Offensivposition in Bestform und zwar nicht nur wegen seines Tores. Auch wegen Chancen-kreierenden Pässen und seiner Arbeit gegen den Ball.

Als Havertz nach dem Spiel sein TV-Interview gab, tauchte an seiner Seite auf einmal Kapitän Cesar Azpilicueta auf. "Er verdient das", krächzte der 31-jährige Spanier in das Mikrofon. "Er hatte eine harte Saison, aber dieser Typ hat eine super Mentalität."

Timo Werner und seine grotesken Fehlschüsse

Noch härter als Havertz' Saison war die seines Sturmpartners Werner, der sich in den vergangenen Monaten mit fast schon grotesken Fehlschüssen reihenweise selbst überbot. Und wenn der Ball dann doch mal im Netz war, dann wurde der Treffer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen einer Abseitsstellung, eines Handspiels oder was auch immer doch noch aberkannt. Zwischenzeitlich blieb er 827 Minuten lang ohne Tor.

Werners Tiefpunkt war aber womöglich Lampards Analyse nach einer 1:3-Niederlage gegen den FC Arsenal Ende Dezember: "Ob mit oder ohne Ball - Timo hat uns heute nicht genug gegeben." Erst stürzten sich die Boulevardmedien und Experten auf ihn, nun kritisierte ihn nun auch noch der eigene Trainer. Sein Selbstvertrauen war am Boden. Offen gab Werner zu, dass er wegen mangelhafter Sprachkenntnisse Kommunikationsprobleme mit seinen Mitspielern und außerdem die Härte der Premier League unterschätzt habe.

Tuchel stellte Werners Chancenwucher zwar nicht ab, integrierte ihn aber deutlich besser ins Mannschaftsgefüge, gab ihm eine feste Position im Sturmzentrum und formte ihn dort zu einem wichtigen Vorlagengeber und Räume-Schaffer. All das fasste das Champions-League-Finale wunderbar komprimiert zusammen: Erst verpasste Werner aus zwei aussichtsreichen Positionen ein mögliches 1:0 (10. und 14.), dann ermöglichte er Havertz' tatsächliche Führung mit seinem klugen Laufweg.

"Überragend. Deswegen sind wir hier hergekommen, deswegen wurden wir gekauft, um diese Momente zu erleben", sagte Werner nach dem Spiel. Rechnen konnte damit noch vor wenigen Monaten aber niemand - vor allem nicht in dieser Konstellation.

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