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Fussball

Kolumne Auswärtsspiel: Eid von München - das neue Barcelona beginnt jetzt

Von Fatih Demireli
Xavi muss den FC Barcelona neu ausrichten.

Der FC Barcelona hat nun die endgültige Bestätigung, dass man in der aktuellen Verfassung keine europäische Spitzenmannschaft mehr ist. Rückkehrer Xavi ist konsterniert, läutet aber den Neuanfang ein. Und ganz ohne Hoffnung geht es ja auch nicht.

Höre dem zu, den die Wahrheit nicht peinigt. Das ist jetzt kein Zitat von irgendeinem schlauen Menschen aus der Vergangenheit, klingt aber recht pragmatisch. Als Thomas Müller nach dem 3:0 gegen den FC Barcelona zum Abschluss der Champions-League-Gruppenphase zum Interview mit DAZN kam und dabei seine Arsene-Wenger-Gedächtnis-Jacke anhatte, hatte der Bayer auch zum haushoch unterlegenen Gegner etwas zu sagen.

Müllers Analyse: "Das sind super Einzelspieler vom Technischen und Taktischen her. Aber sie können die Intensität, die aktuell im Spitzenfußball herrscht, nicht mitgehen. Das haben wir uns zunutze gemacht." Das klingt in erster Linie erstmals erschütternd für den FC Barcelona, das in der Historie der Champions League die drittmeisten Spiele und Siege auf dem Konto hat und darüber hinaus schon sieben Mal den Titel der europäischen Landesmeister gewann.

Dass die Mannschaft eines Klubs mit so einem Briefkopf den internationalen Anforderungen in Sachen Intensität nicht mehr genügen soll, ist bitter. Von Barcelonas neuem Trainer Xavi Hernandez kam auch indirekt eine Bestätigung: "Man muss ehrlich sein. Das ist unsere harte Realität. Wir haben heute nicht mitgehalten, das kann Barca sich nicht erlauben."

Die Klub-Legende war erst neulich angetreten, weil man bei Barcelona diese Realität im höchsten Tempo kommen sah und darauf reagieren musste. Eigentlich ein paar Monate zu spät. Der katalanische Riese hätte schon einmal ein Bayern-Spiel zum Anlass nehmen können, eine adäquate Reaktion zu zeigen: Das 2:8 im August 2020.

FC Barcelona: Xavi kündigt "neue Ära" an

Damals schickte man den Karren in die Vorwäsche, säuberte die Oberfläche ein bisschen und weiter ging es mit der Reise mit den Macken, die Barcelona erst zu einem 2:8 geführt haben. Stattdessen wurde Luis Suarez als prominentes Bauernopfer ausgewählt, Ivan Rakitic und Nelson Semedo verkauft, aber ein Neuanfang war das bei Weitem nicht und die Quittung für diese Ignoranz gibt es nun in dieser Saison: Der FC Barcelona ist erstmals seit 21 Jahren in der Gruppenphase ausgeschieden: mit nur zwei geschossenen Toren in sechs Spielen.

Die Zeit für eine richtige Reaktion ist also gekommen. "Heute beginnt eine neue Ära", kündigte Xavi noch im Münchener Pressesaal an und legte quasi einen Eid ab: "Man muss Barca dorthin bringen, wo es verdient zu stehen - was nicht die Europa League ist. Ich reise verärgert ab, denn das ist unsere Realität. Wir fangen bei Null an, müssen Barca zurück in den Kampf um die Champions League führen."

Stand heute mag dieser Auftrag fast aussichtlos wirken. Auch in der heimischen Liga stinkt Barcelona ab, ist 16 Punkte hinter Tabellenführer Real Madrid. Selbst die Teilnahme an der Champions League 2022/2023 wird kein Selbstläufer wie immer. Barcelona muss erst mal die Beweise liefern, warum man für den CL-Kampf besser gewappnet ist als Atletico, Sevilla, Betis und Co.

Stand jetzt fehlt nicht nur die Intensität, sondern auch die emotionale Stärke. Barcelona hat irgendwie keine Spieler mehr, die eine Niederlage persönlich nehmen. Robert Lewandowski ging am Mittwochabend enttäuscht vom Feld, weil er kein Tor schoss. Erling Haaland war am Dienstag sauer, weil ihm gegen Besiktas kein Hattrick gelang. Bei Barca fehlen diese Typen.

Dass Spieler wie Sergio Busquets oder Gerard Pique enttäuscht sind, ist klar. Aber ihnen fehlt längst die Strahlkraft, um ihre Mitspieler mitzuziehen. Vor allem fehlt ihnen die Leistung, um voranzugehen. Viel schlimmer: Barcelona fehlen aktuell die Mittel, um Qualität und Mentalität einzukaufen.

Schon im Sommer kamen mit Spielern wie Luuk de Jong nur Kaderauffüller. Mehr war nicht drin. Ob durch den Weggang von Lionel Messi und dessen Ausgabenwucht von 555.237.619 Millionen Euro, die Messi für vier Jahre bekommen haben soll, nun wieder etwas mehr Spielraum ist, bleibt abzuwarten. Man wird sicher auch versuchen, Spieler wie Ousmane Dembele loszuwerden und da könnten das neureiche Newcastle United eine helfende Rolle spielen.

FC Barcelona: Kader hat Potential

Aber: So düster die Lage bei Barca auch aussieht, gibt es auch im Ist-Zustand durchaus noch Hoffnung. Die eine heißt natürlich Xavi, der nicht nur aus Eigenantrieb alles dafür tun wird, um bessere Zeiten zu gewährleisten. Da gibt es aber auch ein paar Spieler, auf das sich ein neues Barcelona aufbauen lässt.

Und da wären wir auch wieder bei Thomas Müller, der von "super Einzelspieler" sprach, die "vom Technischen und Taktischen her", eine erhebliche Qualität versprechen würden. Wie recht er hat: Mit Frenkie de Jong (24), Ansu Fati, Pedri, Nico Gonzalez (alle 19), Yusuf Demir (18), Gavi (17), Sergino Dest (21), Eric Garcia (20) lässt sich schon eine spannende Zukunft im gestreiften Barca-Trikot vorstellen. Spieler, die auch in München anfangs gut dagegengehalten haben. Bis zum ersten Rückschlag - dann sanken die Köpfe. Aber: Ihre Qualität ist da.

Die Frage ist zwar, ob man bei einem Kaliber wie Barca die Zeit hat, darauf zu warten, bis die junge Bande aus "super Einzelspielern" eine super Mannschaft wird. Eine andere Wahl scheint der Klub aber auch nicht zu haben und so sagte Xavi nach eigenen Angaben seinen Spielern in der Kabine der Allianz Arena: "Das hier ist ein Wendepunkt." In ein paar Jahren, wenn die Wende klappen sollte, könnte das als Zitat eines schlaues Menschen herhalten.

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