Fussball

Als Diego Maradona durchdrehte, der FC Barcelona ihn loswerden musste - und er in Neapel unsterblich wurde

Von Oliver Maywurm

In Barcelona wurde Diego Maradona nie so richtig glücklich, in Neapel dafür vergöttert. Wie zwei Klubs dem Weltstar ganz unterschiedlich bekamen.

Irgendwann hatte Diego Maradona es satt. Es waren ja nicht nur die ständigen überharten Fouls der Gegenspieler, die es offenbar einzig und allein auf ihn abgesehen hatten. Er wurde auch verbal provoziert, von den Gesängen auf den Rängen des Estadio Santiago Bernabeu, von den gnadenlosen Bilbao-Verteidigern auf dem Platz mit unvermittelten Beleidigungen. Irgendwann drehte Maradona einfach durch.

Bilbaos Sola war der Erste, musste kurz nach Schlusspfiff eine Kopfnuss des argentinischen Weltstars einstecken. Das Szenario eskalierte daraufhin, wilde Tumulte spielten sich ab. Maradona trat unkontrolliert um sich, von allen Seiten rannten die Männer in den rot-weiß-gestreiften Athletic-Trikots wütend auf ihn zu. Einen Betreuer von Bilbao streckte er sogar mit einem Kung-Fu-Kick nieder.

Wir schreiben den 5. Mai 1984. Spanisches Pokalfinale in Madrid, FC Barcelona gegen Athletic Bilbao. Die Basken gewinnen mit 1:0 - und raubten der Nummer zehn der Katalanen zuvor jeglichen Nerv. Vor allem Andoni Goikoetxea, genannt "der Schlächter von Bilbao", der Maradona bereits ein Dreivierteljahr vorher im Ligaspiel heftig von hinten umgesäbelt und monatelang außer Gefecht gesetzt hatte.

Als Maradona in jener Nacht von Madrid die Sicherung durchbrannten, war klar, dass es sein letzter Auftritt im Trikot von Barca gewesen war. 1982 hatten die Blaugrana den Wunderknaben für damals unglaublich anmutende umgerechnet acht Millionen Euro von den Boca Juniors nach Europa geholt. Riesige Erwartungen schlangen sich um diesen Transfer, der seinerzeit 21-jährige Maradona sollte der neue Megastar im Dress Barcelonas werden.

Diego Maradona und seine Probleme bei Barca

Erwartungen, die das zuweilen wahnsinnige Genie nie erfüllen konnte. Er war gut, natürlich, sein Können reichte eben aus, trotz diverser Probleme regelmäßig glänzen zu können. Immerhin gelangen ihm in 36 LaLiga-Einsätzen 22 Tore und er gewann 1983 mit den Katalanen die Copa del Rey. Dennoch hinterließ er in seinen zwei Jahren bei Barca kaum sichtbare Spuren.

Das lag zum einen daran, dass Maradona im ersten Jahr drei Monate wegen einer Hepatitis-Erkrankung ausfiel und im zweiten dann noch einmal drei Monate wegen besagten Fouls von Goikoetxea. Zum anderen wurde der heißblütige Südamerikaner mit den Vereinsverantwortlichen, ja mit dem gesamten Umfeld in Barcelona nie so richtig warm.

"Barcelona ist eine besondere Stadt. Aber ich glaube, sein Lebensstil passte einfach besser zu einer bodenständigeren Stadt wie Neapel", sagte der frühere Argentinien- und Barca-Trainer Cesar Luis Menotti einmal zu El Periodico. "In Barcelona litt Maradona viel darunter, dass es eine eher elitäre Stadt ist."

Hinzu kam, dass die spanische Metropole überhaupt die erste Auslandserfahrung für den ja noch extrem jungen Hochbegabten war. Weit weg von zuhause, weit weg vom Gewohnten. "Er empfand Barcelona als ziemlich befremdlichen Ort, komplett anders als Buenos Aires", sagt Jimmy Burns, Autor des Buches 'Hand of God', zu ESPN FC.

Der bei seiner Ankunft als Außerirdischer angepriesene Maradona wirkte in Barcelona tatsächlich wie von einem anderen Planeten, zumal er schon im ersten Jahr mit der natürlichen Autorität des deutschen Trainers Udo Lattek nicht zurecht kam. In seiner Autobiografie 'El Diego' erzählte Maradona später stolz, wie er Spaziergänge mit der Mannschaft vor Spielen schwänzte oder sich weigerte, im Training Medizinbälle zu stemmen. Disziplinlosigkeiten, von denen allen voran der damalige Klubpräsident Josep Lluis Nunez schnell die Nase voll hatte.

Diego Maradona: Entschuldigung beim König

Jenem Nunez war der wild um sich tretende Maradona an jenem Mai-Abend in Madrid dann auch ganz besonders peinlich. Vor den Augen des spanischen Königs Juan Carlos I., bei dem sich Maradona später persönlich entschuldigte, verlor da ein Spieler des großen FC Barcelona völlig die Fassung. "Als wir diese Szenen sahen, wussten wir, dass wir Maradona nicht mehr halten können", sollte ein Barca-Mitglied später erklären.

So kam es dann auch. Und irgendwie passt es zu diesem Unvorhersehbaren, das Maradona auf dem Rasen so sehr auszeichnete und das die Leute außerhalb des Platzes so oft an ihm verzweifeln ließ, dass er nicht zu einem anderen ganz großen Klub wechselte, sondern nach Neapel. Ein Traditionsverein in einer fußballverrückten Stadt, klar. Aber eben sportlich in Italien nur Mittelmaß.

Napoli war in der Saison 1983/84 gerade Zwölfter geworden. Lediglich ein Punkt trennte das Team von Rang 14, damals dem ersten Abstiegsplatz. Meister Juventus und die anderen, die Roma, Florenz, Milan oder Inter, sie waren für die stolze SSC gefühlte Lichtjahre weit weg.

Zwölf Millionen Euro Ablöse - damaliger Rekord

Maradona sollte das ändern. Er, der - obwohl gerade mal 23 - seine besten Jahre vermeintlich schon hinter sich gebracht hatte. Doch in Neapel gelang ihm ein Neuanfang. Dort, im Süden Italiens, wo die Leute sich ständig der überheblichen Frotzeleien des weitaus wohlhabenderen Norden des Landes aussetzen mussten, passte er hin wie die Faust aufs Auge. Er war einer von ihnen, vom ersten Tag an. Dieses 'Wir gegen den Rest der Welt' war genau das, was Maradona brauchte.

Zwölf Millionen Euro Ablöse überwies Napoli an Barca, damals Rekord. 75.000 Menschen kamen, als Maradona am 5. Juli 1984 im Stadio San Paolo vorgestellt wurde. Man hatte das Gefühl, sie sahen im großen Diego nicht nur ihren fußballerischen Heilsbringer, sondern er könne auch die zahlreichen anderen Probleme der armen, von der Mafia geplagten Stadt lösen. Kurzum: Maradona war und ist in Neapel ein Heiliger.

Eine abgesehen von ihm durchschnittlich besetzte Truppe führte er in seiner ersten Saison mit 14 Toren immerhin auf Platz acht, im zweiten Jahr wurde Napoli schon Dritter. Maradona blühte wieder auf und war bereit für das wohl größte Highlight seiner Karriere, die WM 1986. Hatten er und seine Argentinier die WM 1982 noch in den Sand gesetzt, sollte er beim Turnier in Mexiko zum überragenden Spieler avancieren.

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