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Neapels Kalidou Koulibaly: Das großherzige Monster und sein Kampf gegen Rassismus

Von Robin Haack
Kalidou Koulibaly trifft zum CL-Auftakt mit Neapel auf den FC Liverpool.

Als schüchterner Junge schaffte er es aus dem Plattenbau in die Weltspitze. Heute ist Kalidou Koulibaly ein Star und Gesicht im Kampf gegen Rassismus.

Sichtlich aufgeregt betrat Kalidou Koulibaly im Sommer 2014 das Vereinsgelände des SSC Neapel. Der junge Verteidiger, der damals noch in Genk unter Vertrag war, stand kurz vor einem Wechsel zu Napoli, nur noch der Medizincheck musste absolviert werden.

"Ah, Du bist Koulibaly, richtig?", fragte ihn Präsident Aurelio de Laurentiis kurz nach seiner Ankunft auf dem Flur. "Ja, ich bin Koulibaly", antwortete der Verteidiger. "Aber Du bist so klein. Du müsstest doch 1,92 Meter groß sein, verdammt. Überall steht, dass Du 1,92 groß bist. Ich muss mit Genk sprechen und werde einen Teil meines Geldes zurückfordern", meckerte der Napoli-Boss.

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Etwas irritiert, aber voller Überzeugung erwiderte Koulibaly: "Herr Präsident, ich bin zwar nur 1,86 groß, aber zahlen Sie bitte den vollen Betrag. Ich werde Ihnen auf dem Platz jeden Zentimeter zurückzahlen. Machen Sie sich keine Sorgen."

Kalidou Koulibaly: Ein Defensivmonster, das Stürmer zum Frühstück verspeist

Fünf Jahre später ist offensichtlich, dass Koulibaly Wort gehalten hat und er jeden Cent seiner Ablöse in Höhe von 7,75 Millionen Euro wert ist. Nahezu jeder Experte zählt ihn zu den besten Verteidigern der Welt und sein Marktwert hat sich seit dem ersten Treffen mit de Laurentiis längst vervielfacht.

Sein Trainer Carlo Ancelotti sieht im 28-Jährigen ohnehin den Weltbesten seiner Zunft. Im März sagte er: "Kalidou gehört zur Riege der ganz Großen wie Paulo Maldini, Lilian Thuram und Thiago Silva. Er ist 150 Millionen Euro wert." Nicht weniger als das Zwanzigfache der Summe, die Napoli einst nach Belgien überwiesen hat.

Seit seiner Ankunft in Süditalien ist Koulibaly in der Innenverteidigung gesetzt und wurde schnell zum fleischgewordenen Albtraum der gegnerischen Angreifer. Schnell, spielstark, zweikampfstark und in der Luft nahezu unbezwingbar wirkt er wie ein Defensivmonster, das Stürmer zum Frühstück verspeist.

Kalidou Koulibaly im Steckbrief

geboren20. Juni 1991 in Saint-Die-des-Vosges
Größe1,86 m
Gewicht89 kg
PositionInnenverteidiger
starker Fußrechts
StationenSR Saint-Die, FC Metz, KRC Genk, SSC Neapel
Serie-A-Spiele/-Tore161/10

Kalidou Koulibaly ist "mehr als nur ein Fußballer"

Doch obwohl er schon seit Jahren zu den größten Stars des italienischen Fußballs gehört und als Nationalspieler des Senegal auch in Afrika Heldenstatus erlangt hat, ist Koulibaly niemand, der auf seine sportlichen Leistungen reduziert werden möchte. "Viele Leute sehen mich nur als Fußballer, als schwarzen Fußballer", schrieb er in einem Text bei The Players Tribune. "Doch ich bin viel mehr als das. Wenn mich meine Freunde nur noch als den Fußballer sehen und nicht mehr als den kleinen Kouli, habe ich im Leben versagt."

Um den Menschen Kalidou Koulibaly wirklich zu verstehen, muss man in seine Kindheit zurückblicken. Als Sohn senegalesischer Auswanderer wurde er 1991 im französischen Ort Saint-Die geboren. Fünf Jahre zuvor flüchtete sein Vater aus der Heimat. In der Hoffnung auf ein besseres Leben arbeitete er über Jahre sieben Tage die Woche in einer Textilfabrik, um genug Geld zu sparen, seine Frau ebenfalls nach Frankreich zu holen.

In Saint-Die lebte die Familie in einer tristen Plattenbausiedlung, die den Namen Kellermann trägt. Neben günstigen Mieten gab es hier viel Arbeitslosigkeit und auch Kriminalität. Doch von all den Problemen der Erwachsenen bekam der kleine Kalidou in seiner Kindheit wenig mit. Für ihn waren die Kellermann-Plattenbauten ein multikulturelles Paradies.

Im Plattenbau aufgewachsen: Multikultureller Straßenfußball

Wann immer er auf seine Kindheit angesprochen wird, schwärmt er vom Zusammenhalt und der Gemeinschaft der Plattenbausiedlung, die ihn bis heute prägt: "Wenn man in einer solchen Umgebung aufwächst, sieht man jeden als seinen Bruder", erklärte er bei The Players Tribune. "Wir sind schwarz, weiß, Araber, Afrikaner, Moslems und Christen - natürlich. Aber wir waren alle Franzosen und wir waren alle hungrig, also aßen wir an einem Tag zusammen türkisches Essen, am nächsten Tag bei meinen Eltern senegalesisch. Natürlich sind wir verschieden, aber wir sind alle gleich."

Obwohl die Kellermann-Familien aus den verschiedensten Ecken der Welt kamen, herrschte eine familiäre Verbindung zwischen ihnen. "Wenn ich zu den Nachbarn ging und fragte, ob Mohamed rauskommt, um zu spielen, er aber noch in der Schule war, fragte mich seine Mutter, ob ich nicht Lust hätte PlayStation zu spielen", erinnert sich Koulibaly. "Sie wusste, dass ich keine PlayStation hatte, also ging ich rein und spielte, bis Mohamed kam. Die Türen standen uns Kindern immer offen."

Und auch der Fußball war omnipräsent. Obwohl es im Viertel keinen Bolzplatz gab, trafen sich täglich Dutzende Kinder im Hof und spielten die WM nach - mit Jacken als Torpfosten. "Es gab so viele Immigranten in der Nachbarschaft, dass wir immer Länderspiele veranstalteten. Wir spielten Senegal gegen Marokko, Türkei gegen Frankreich und Türkei gegen Senegal", schwärmt der heutige Neapel-Star bei The Players Tribune. Ausgrenzung wegen Herkunft oder Hautfarbe gab es im Leben von Koulibaly damals nicht.

Kalidou Koulibaly wurde in der Serie A Opfer von Rassismus

All das änderte sich im Februar 2016, als der Verteidiger erstmals Rassismus erfahren musste. In Neapels Serie-A-Spiel bei Lazio Rom schallten immer wieder Affenlaute von den Tribünen, wenn Koulibaly den Ball berührte. "Erst dachte ich, ich bilde mir diese Geräusche nur ein", erinnert er sich an die Geschehnisse. "Damals habe ich mir unzählige Fragen gestellt. Warum machen diese Menschen das? Weil ich schwarz bin? Ist es nicht normal, ein schwarzer Junge zu sein?"

All diese Fragen ließen den damals 24-Jährigen zweifeln und überforderten ihn. "Ich will doch einfach nur das Spiel spielen, das ich liebe. So wie tausende Male zuvor", erzählte er bei The Players Tribune. "Ich war verletzt, verunsichert und ganz ehrlich: Irgendwann war ich an einem Punkt, da habe ich mich geschämt."

Schiedsrichter Massimiliano Irrati unterbrach die Partie zwar zwischenzeitlich wegen der rassistischen Äußerungen und die Zuschauer wurden über die Außenmikrofone aufgefordert, diese zu unterlassen - doch geholfen hat all das nicht. Auch nach der Unterbrechung wurde Koulibaly weiter mit Affenlauten gedemütigt. So sehnte der Innenverteidiger schon lange vor Spielende den Schlusspfiff herbei. Als dieser dann endlich ertönte, verschwand er Richtung Kabine. "Endlich vorbei", dachte er sich, als er den Innenraum verließ.

Doch auf dem Weg in die Kabine erinnerte er sich an ein Versprechen zurück, das er einem Balljungen vor der Partie gegeben hatte. Dieser fragte ihn, ob Koulibaly ihm nach Schlusspfiff sein Trikot geben könnte. Ohne zu zögern drehte der Napoli-Star im Kabinentrakt um und stellte sich erneut den Zuschauern, die ihn zuvor beleidigten. Als er den Jungen auf der Tribüne gefunden hatte, entschuldigte sich das Kind für das Verhalten der zahlreichen anderen Fans. "Das hat mich wirklich berührt", sagt er heute. "Da entschuldigt sich ein kleiner Junge für so viele erwachsene Männer, die es eigentlich besser wissen müssten."

Kalidou Koulibaly als Gesicht im Kampf gegen Rassismus

Seit diesem Vorfall in Rom äußerte sich Koulibaly immer wieder öffentlich zum Thema Rassismus und bekennt klare Kante. Mit Blick auf dieses Engagement für mehr Gleichheit ist es umso erschreckender, dass er in der vergangenen Saison erneut Opfer von rassistischen Anfeindungen im Stadion wurde. Diesmal im San Siro bei einem Auswärtsspiel gegen Inter Mailand. Über 90 Minuten wurde der Nationalspieler Senegals konsequent mit Affenlauten bedacht, ohne dass der Schiedsrichter oder Stadionsprecher etwas unternommen haben.

Nachdem er in der Schlussphase für ein Foulspiel die Gelbe Karte gesehen hatte, platzte es aus dem Defensivmann heraus. Er applaudierte höhnisch und lieferte sich ein Wortgefecht mit dem Schiedsrichter, woraufhin dieser die Rote Karte zog. "Er ist ein Spieler mit guten Manieren, doch wurde vom Stadion bombardiert. Trotz unserer Einwände wurde das Spiel nicht unterbrochen. Für ihn war es unmöglich, ruhig zu bleiben", nahm ihn Trainer Ancelotti nach Schlusspfiff in Schutz.

Trotz großer Proteste und Zuspruch von Fußballgrößen wie Cristiano Ronaldo oder Vincent Kompany sperrte der italienische Verband Koulibaly für zwei Spiele. Die Napoli-Fans empfanden dies als eine Schande und überlegten sich für die kommende Partie gegen Bologna eine besondere Form des Protestes. Unter dem Leitspruch "Wir sind alle Koulibaly" kamen tausende Zuschauer mit einer Maske des Verteidigers ins Stadio San Paolo.

Spätestens seit dieser Aktion ist Koulibaly ein Gesicht im Kampf des Fußballs gegen Rassismus. Eine Rolle, die der zurückhaltende 1,86-Koloss eigentlich nie übernehmen wollte, aber sehr gerne annimmt: "Einerseits ist es eine Schande, ein Vorbild für solch ein Thema sein zu müssen, andererseits ist es natürlich eine gute Sache", wird er auf der Facebook-Seite der Neapolitaner zitiert: "Es ist etwas, an das ich glaube und das kann und will ich jedem zeigen."

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