Fussball

BVB spielt den FC Barcelona zeitweise an die Wand: Darum kann Dortmund jedes Team der Welt schlagen

Von Robin Haack
Der BVB hat sich mit einem 0:0 vom FC Barcelona getrennt.

Top-Chancen, aber keine Tore und nur ein Punkt gegen Barcelona - und dennoch hat der BVB bewiesen, dass er jedem Team der Welt wehtun kann.

Mit gesenktem Kopf ging er um kurz vor 23 Uhr vom Rasen, in Gedanken wohl noch immer bei den zahlreichen Gelegenheiten, die er am Dienstagabend liegen gelassen hatte. Als Galionsfigur des BVB ist Marco Reus meist der Mann, der Jubelstürme auf der Südtribüne auslöst, doch zum Champions-League-Auftakt gegen den FC Barcelona blieb ihm nur eine tragische Rolle.

"Ehrlich gesagt, scheiße", antwortete er wenige Minuten nach Schlusspfiff bei Sky auf die Frage, wie er sich fühle. Denn der sonst so treffsichere Kapitän der Schwarz-Gelben verschoss nach 56 Minuten direkt vor der Südtribüne einen Elfmeter und scheiterte im Spielverlauf weitere Male am überragenden Marc-Andre ter Stegen im Tor der Katalanen.

Mit seinen sechs Torschüssen hätte Reus das Spiel allein entscheiden können - wenn nicht sogar müssen. Doch das wusste der 30-Jährige selbst am besten. Noch eine Stunde nach Spielende war seine Enttäuschung nicht zu übersehen, als er sich in der Mixed Zone den Fragen der Journalisten stellte - die Kapuze dabei tief ins Gesicht gezogen.

BVB mit gefühlter Niederlage gegen den FC Barcelona

Bei einem Blick ins Gesicht des Unglücksraben hätte man meinen können, der BVB habe gegen den amtierenden spanischen Meister das Nachsehen gehabt und stünde nach dem ersten Spieltag der Champions-League-Gruppenphase ohne Punkt da. Tatsächlich hatte der Ruhrpottklub aber 0:0 gespielt. 

Zeitweise spielte der BVB den FC Barcelona gar an die Wand. "Hervorragend" nannte Lucien Favre den zweiten Durchgang seines Teams, obwohl der Coach im Normalfall niemand ist, der in Pep-Guardiola-Manier mit Lob um sich wirft. Speziell in der Phase zwischen der 46. und 80. Minute hatten die Dortmunder auf eindrucksvolle Art und Weise unter Beweis gestellt, dass sie an einem guten Tag in der Lage sind, jede Mannschaft der Welt zu schlagen. Es deutet vieles darauf hin, dass das 1:3 bei Union Berlin am 3. Spieltag ein Ausrutscher war. 

Champions League, 1. Spieltag: Die Spiele vom Dienstag

GruppeDatumUhrzeitHeimGastErgebnis
F17. September18.55 UhrInter MailandSlavia Prag1:1
G17. September18.55 UhrOlympique LyonZenit St. Petersburg1:1
E17. September21 UhrSSC NeapelFC Liverpool2:0
E17. September21 UhrFC SalzburgKRC Genk6:2
F17. September21 UhrBorussia DortmundFC Barcelona0:0
G17. September21 UhrBenfica LissabonRB Leipzig1:2
H17. September21 UhrFC ChelseaFC Valencia0:1
H17. September21 UhrAjax AmsterdamOSC Lille3:0

Aufopferung und Laufbereitschaft: Der BVB geht "Wege, die wehtun"

Auffällig war am Dienstagabend vor allem die Laufbereitschaft jedes Einzelnen in Favres 4-2-3-1-System. Nicht nur die Abwehrkette und die starke Doppel-Sechs mit Axel Witsel und Thomas Delaney opferte sich über 90 Minuten auf. Auch die Offensivkräfte waren sich nicht zu schade, immer wieder nach hinten zu spurten.

"Wege, die wehtun", nannte Abwehrchef Mats Hummels diese Läufe. "Die komplette Mannschaft hat dort einen sehr guten Job gemacht. Nur so geht es, wenn man auf diesem Niveau Spiele gewinnen will." Auch wegen der Kampfbereitschaft von Reus, Jadon Sancho und Co. schaffte es Barca als eine der spielstärksten Mannschaften des Planeten nicht, klare Torchancen herauszuspielen.

Sowohl am Dienstagabend als auch in den vergangenen Wochen hat der BVB allerdings gezeigt, dass er weitaus mehr kann als nur kämpfen. Auch spielerisch können sich die Vorstellungen des Vizemeisters sehen lassen. Egal, ob der geschickte Spielaufbau von Hummels und Manuel Akanji oder die Dribblings der Offensivkünstler: Das Spiel des BVB reißt die Zuschauer regelmäßig von den Sitzen, ist für den Gegner schwer auszurechnen.

"Verschiedene Waffen": Borussia Dortmund kann taktisch variieren

"Wir haben verschiedene Waffen", machte Hummels klar, als er von SPOX und Goal auf die taktischen Varianten seiner Mannschaft angesprochen wurde. Wie etwa beim 4:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen kann der BVB das Spiel mit wenig Ballbesitz kontrollieren und dank pfeilschneller Flügelspieler in Umschaltmomenten enorme Gefahr ausstrahlen. Andererseits kann er aber auch Kombinationsfußball spielen und mit phasenweise bis zu 80 Prozent Ballbesitzanteil auf die Lücke in den Abwehrketten warten, um dann eiskalt zuschlagen wie beim 5:1-Sieg gegen den FC Augsburg.

Gegen Barca hat sich zudem gezeigt, wie sehr ein Hummels in Top-Form der zuweilen wackligen Defensive helfen kann. Für mehr als 30 Millionen Euro vom FC Bayern gekommen, sollte der Ex-Nationalspieler der Mann sein, der die zum Teil noch unerfahrene Dortmunder Mannschaft in den wichtigen Spielen stabilisiert und anführt. Genau das fehlte dem Klub in der Vorsaison, als man die Deutsche Meisterschaft trotz eines zwischenzeitlichen Vorsprungs von neun Punkten noch verspielte.

Mats Hummels verleiht der Abwehr die nötige Stabilität

"Mats hat es vom ersten Tag an super gemacht. Er kam an und war sofort Führungsspieler, ist ein Leader. Dabei ist er mehr als nur ein guter Innenverteidiger, denn er kann Fußball spielen. Das brauchten wir", lobte Abräumer Delaney. "Vielleicht ist er nicht der Schnellste, aber er ist schnell genug", fügte er hinzu. 100 Prozent gewonnene Zweikämpfe gegen Barcas quirlige Offensiv-Stars unterstrichen diese Aussage.

Selbst die Einwechslung von Lionel Messi konnte dem BVB am Dienstagabend nichts anhaben. Als 'La Pulga' nach genau einer Stunde ins Spiel kam, merkte man zwar, dass es im Stadion unruhig wurde, die Aura des fünfmaligen Weltfußballers beeindruckte die Dortmunder Fans allerdings mehr als die Protagonisten auf dem Rasen.

Der für Hummels "beste Fußballer, den es je gegeben hat" trat tatsächlich nur ein Mal in Erscheinung - in der dritten Minute der Nachspielzeit, als er sich am langen Pfosten freistehlen konnte und aus acht Metern in Richtung Tor schoss. Dank Delaneys beherztem Einsatz landete die Kugel allerdings im Aus, direkt danach war Schluss.

BVB-Kader ist breit besetzt: Favre hat alle Optionen

Es war eine wichtige Aktion jenes Delaneys, der in den ersten vier Pflichtspielen der Saison keine Minute auf dem Feld gestanden hatte. Für ihn war es eine "ungewohnte Situation", wie er in der vergangenen Woche zugegeben hatte. Doch mit Julian Weigl hat der Däne einen spielstarken Konkurrenten um die Position neben Axel Witsel in der Zentrale. Mit Mo Dahoud, der bei der U21-Europameisterschaft im Sommer groß aufspielte, steht sogar ein weiterer Anwärter für die Mittelfeldrolle bereit.

Überhaupt ist der Kader in der Breite enorm stark besetzt. Dank geschickter Transfers hat es der Klub geschafft, jede Position im Kader doppelt zu besetzen. Das zeigte auch die Aufstellung gegen die Katalanen: Statt Julian Brandt bekam Thorgan Hazard den Vorzug auf dem linken Flügel. Neben Dahoud, Brandt und Weigl nahmen Dan-Axel Zagadou, Mario Götze und Jacob Bruun-Larsen auf der Bank Platz, während Lukasz Piszczek und Nico Schulz, die beiden zu Saisonbeginn gesetzten Außenverteidiger, verletzt fehlten.

Gerade im Saisonendspurt kann diese neue Kaderbreite gepaart mit Hummels' Klasse ein entscheidender Faktor werden und über den Gewinn von Titeln entscheiden - Titel, die der BVB in der vergangenen Saison noch verspielte.

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