Fussball

Als Roter Stern Belgrad das tragischste Eigentor der Bayern-Geschichte nutzte und Europapokalsieger wurde

Königsklassen-Sieger 1991: Robert Prosinecki (l.) präsentiert die Trophäe.

Kurz bevor Jugoslawien im Krieg versank, versammelten sich die besten Spieler der Teilrepubliken bei Roter Stern Belgrad und sorgten für den größten fußballerischen Erfolg des Landes. In der Saison 1990/91 gewann die Mannschaft den Europapokal der Landesmeister - nachdem sie im Halbfinale vom tragischsten Eigentor der Geschichte des FC Bayern München profitiert hatte. Am Mittwoch kommt es in der Champions League zur Neuauflage des damaligen Duells (21 Uhr im LIVETICKER).

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"We're fucked", faxte Walter Smith im Herbst 1990 von Jugoslawien in die Heimat Glasgow. Länger war sein Scouting-Bericht über Roter Stern Belgrad nicht und länger musste er auch nicht sein. Rangers-Trainer Graham Souness hatte seinen damaligen Assistenten Smith nach Belgrad geschickt, um den Achtelfinal-Gegner im Europapokal der Landesmeister zu beobachten.

Smith hatte also wenig Hoffnung und er hatte recht. Die Rangers schieden aus, wie zuvor schon die von Ottmar Hitzfeld trainierten Grasshoppers Zürich - und wie jeder weitere Verein, der sich Roter Stern im Laufe des Wettbewerbs entgegenstellen sollte. Roter Stern in der Saison 1990/91 war die beste Mannschaft, die Jugoslawien je hervorbrachte.

Als Roter Stern Belgrad zur Jugoslawien-Auswahl wurde

Anders als die anderen großen Vereine des untergehenden Landes, war Roter Stern seit jeher ein Verein für ganz Jugoslawien. Die Fans kamen nicht nur aus Belgrad oder Serbien, sondern aus allen jugoslawischen Teilrepubliken. Ende der 1980er Jahre begann die Vereinsführung, dieses Schema auf den Platz zu übertragen. Sie begann im ganzen Land nach den talentiertesten Spielern zu suchen. Spieler aller Teilrepubliken für Fans aller Teilrepubliken. Roter Stern wurde zu einer Jugoslawien-Auswahl.

Der serbische Verteidiger Sinisa Mihajlovic, der kroatische Mittelfeldstratege Robert Prosinecki, der montenegrinische Zauberer Dejan Savicevic, der nordmazedonische Torjäger Darko Pancev. Dazu noch einige serbische Talente, die Roter Stern in der eigenen Jugend fand oder bei kleineren Vereinen. Außerdem Kapitän und Keeper Stevan Stojanovic, auch er aus der eigenen Jugend.

Nur ein Ausländer stand in der Mannschaft, der Rumäne Miodrag Belodedici. Aber er wusste immerhin wie es geht: als Libero führte er Steaua Bukarest 1986 zum ersten Königsklassen-Triumph eines osteuropäischen Vereins. Dann hatte er aber genug von den diktatorischen Zuständen in seinem Land und setzte sich nach Jugoslawien ab, woraufhin ihn der rumänische Verband sperrte. Ab 1989 durfte er wieder spielen und tat das bei Roter Stern.

1990 gewann die aufstrebende Mannschaft das Double und qualifizierte sich somit für den Europapokal der Landesmeister. Nach den Erfolgen gegen die Grasshoppers und Rangers traf Roter Stern im Viertelfinale auf Dynamo Dresden. Auf einen 3:0-Sieg im Hinspiel folgte ein 3:0-Sieg im Rückspiel - nach Spielabbruch. Als Roter Stern erneut in Führung gegangen war, begannen Dynamo-Fans Bengalos auf den Rasen zu werfen. Der Schiedsrichter brach das Spiel ab, die Polizei ließ Wasserwerfer heranrücken, Roter Stern stand im Halbfinale.

Das Halbfinale gegen den FC Bayern München

Dort traf Roter Stern auf den FC Bayern München mit Trainer Jupp Heynckes. Schon vor dem Finale sollte dieses Duell zum spielerischen Höhepunkt des späteren Siegers werden. Es hatte alles, was Roter Stern ausmachte.

Nach einem 0:1-Rückstand im Münchner Olympiastadion, drehte Roter Stern das Spiel mit zwei Kontertoren. Es war die perfekt einstudierte Taktik von Trainer Ljupko Petrovic, geboren im heutigen Bosnien-Herzegowina: aggressives Pressing, schnelle Ballgewinne, noch schnellere Konter. Das erste Tor erzielte Pancev, der eigentlich immer traf. Nicht umsonst nannten sie ihn "Kobra" und nicht umsonst gewann er in jener Saison den Goldenen Schuh als bester Torjäger Europas.

Mit einem 2:1-Vorsprung ging Roter Stern also ins Rückspiel im heimischen Marakana-Stadion, wo die Spieler statt Tribünen zunächst nur einen Pyro-Ring sahen. Mihajlovic brachte seine Mannschaft mit einem direkten Freistoß in Führung, neben dem Grätschen war das seine Lieblingsbeschäftigung. Mihajlovic galt damals als bester direkter Freistoßschütze Europas, ein paar Jahre später versenkte er mal drei in einem Spiel.

Der FC Bayern aber drehte das Spiel und als alles auf eine Verlängerung hindeutete, kam die 90. Minute und eines der tragischsten Eigentore der Bayern-Geschichte. "Ich versuche einen Befreiungsschlag", erklärte es Verteidiger Klaus Augenthaler später gegenüber SPOX und Goal. "Der Ball fliegt in hohem Bogen aufs Tor zu - und Raimond Aumann (der Keeper, Anm. d. Red.) haut sich den Ball selbst rein. Raimond sagt immer, er wurde von einem Gegenspieler irritiert, der von der Seite kam. Er hatte wohl Angst, dass der Jugoslawe ihn rammt."

Das Finale gegen Olympique Marseille

Roter Stern zog ins Finale von Bari ein. Dort ging es gegen Olympique Marseille, eine All-Star-Mannschaft, die der schillernde (und später verurteilte) Präsident Bernard Tapie zusammengestellt hatte. Ein Jahr zuvor hatte er sich sogar bei Roter Stern bedient und Dragan Stojkovic verpflichtet, damals der Anführer der aufstrebenden Mannschaft. Nun sollte er seine ehemaligen Kollegen wiedersehen.

Roter-Stern-Trainer Petrovic hatte großen Respekt vor Marseille und stellte deshalb seine Taktik um. Der Fokus lag auf der Defensive, angegriffen wurde nur zaghaft. Nach dem spektakulären Halbfinale ging das Finale als eines der langweiligsten in die Fußball-Geschichte ein und mit 0:0 ins Elfmeterschießen, doch es war alles Teil des Plans.

In der jugoslawischen Liga wurde bei Remis per Elfmeterschießen stets ein Sieger ermittelt. Die Spieler von Roter Stern waren den Druck also gewohnt und natürlich trafen sie alle. Erstmals gewann ein jugoslawischer Verein den Europapokal der Landesmeister und wenige Monate später in Tokio auch erstmals den Weltpokal. Jugoslawien feierte eine Mannschaft mit Spielern der Teilrepubliken, die sich gleichzeitig zu bekriegen begannen.

Wegen der allerorts eskalierenden Konflikte musste Roter Stern seine Heimspiele ab der darauffolgenden Saison auswärts austragen, in Ungarn oder Rumänien. Gleichzeitig zerbrach die Mannschaft und zwar so schnell, wie sie einst Bälle erobert und gekontert hatte. Mihajlovic ging zur AS Rom, Prosinecki zu Real Madrid, Savicevic zum AC Mailand, Pancev zum Stadtrivalen Inter, Stojanovic zu Royal Antwerpen, Belodedici zum FC Valencia und ein Jahr nach dem Titelgewinn war kein Spieler der Finalstartelf mehr bei Roter Stern.

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