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Fussball

BVB - Warum Raphael Guerreiro ein Symbol der Saison von Borussia Dortmund ist

Von Stefan Rommel

Raphael Guerreiro kann einer der besten Fußballspieler der Liga sein - gleichzeitig aber auch ein latentes Sicherheitsrisiko für den BVB. Damit steht der Portugiese quasi stellvertretend für die Dortmunder Saison.

Thomas Tuchel hat es mal ganz gut zusammengefasst, als er über Raphael Guerreiro sprechen durfte. "Der ist viel zu gut, um auf eine Position festgelegt zu werden", sagte der ehemalige Dortmunder Trainer und unterstrich das dicke Kompliment damit, dass er Guerreiro tatsächlich auf mehreren Positionen aufstellte - allerdings fast ausnahmslos im Mittelfeld, entweder zentral, in der Halbspur oder eben auf der linken Seite.

Der BVB spielte damals in Guerreiros erster Saison in Dortmund unter Tuchel gerne in einem 3-5-2 im eigenen Ballbesitz, als linker Verteidiger musste Guerreiro nur bei Umstellungen auf eine Viererketten-Grundordnung aushelfen. Es waren seltene Ausflüge auf eine Position, die dem gelernten Offensivspieler Guerreiro nicht so sehr behagt - die er aber nicht erst seit dieser Saison öfter als ihm wohl selbst lieb ist bekleiden muss.

Lucien Favre hatte nicht nur die Idee, zu Beginn seiner Dortmunder Zeit dauerhaft mit einer Viererkette zu spielen, sondern auch Guerreiro eine Linie weiter nach hinten zu beordern. Und seitdem ist Guerreiro ein Linksverteidiger, der eigentlich gar keiner ist.

Der Spieler hat sich dabei in den letzten Jahren auch deutlich gegen Nico Schulz durchgesetzt, den der BVB damals tatsächlich als Konkurrenz oder Ergänzung gekauft hatte. Was nicht nur für Guerreiro spricht, sondern vor allen Dingen auch eindeutig gegen Schulz.

Guerreiro: Mit dem Ball einer der Besten der Liga

Vor dieser Saison war das Problem auf der linken Abwehrseite mit einem, der anderswo deutlich besser aufgehoben wäre und einem, der das erforderliche Niveau für den BVB nie wirklich nachweisen konnte, eigentlich schon ersichtlich. Trotzdem gingen die Verantwortlichen das beträchtliche Risiko ein - zumal Guerreiros Körper schon in den letzten Jahren anfällig war für Verletzungen und kleinere Wehwehchen.

Die schlimme Verletzungsserie in dieser Saison verstärkte das Problem auch auf der Position links hinten, sodass Guerreiro dort immer spielen musste, sofern er fit war. Nur noch ab und zu, so wie am Samstag gegen Fürth, durfte der 28-Jährige als Schienenspieler auflaufen. Und dann auch beim Absteiger wieder jene Defizite offenbaren, die man im Spiel gegen den Ball immer wieder von Guerreiro sieht.

Wenn Borussia Dortmund den Ball hat, wenn Guerreiro einrücken und als verkappter Achter spielen darf, in die Ballzirkulation eingebunden ist und an oder in den gegnerischen Strafraum einrückt und selbst zum Abschluss kommt: Dann ist das einer der feinsten Spieler der gesamten Liga. Ein filigraner Techniker mit Tordrang und Kreativität wie ein Zehner, sein linker Fuß eine echte Waffe, ein spielprägender Spieler.

Im Spiel gegen den Ball ein wunder Punkt

Im Spiel gegen den Ball bleibt Guerreiro aber ein wunder Punkt und eine stete Angriffsfläche für den Gegner. Greuther Fürth nutzte das besonders in der ersten Halbzeit immer wieder, nutzte den kleinen Raum zwischen Guerreiro und dem linken Innenverteidiger der Dreierkette Dan-Axel Zagadou für Zuspiele in die Tiefe, die Guerreiro ein ums andere Mal im wahrsten Sinne des Wortes auf dem falschen Fuß erwischten. Auch nach etlichen Jahren als verkappter Verteidiger fehlt es bisweilen am Gespür für den Raum, steht Guerreiro dann nicht in Verteidigungsposition im Raum, sondern ohne große Orientierung.

Und weil es auch ein bisschen an Endgeschwindigkeit und einer gewissen Robustheit im Zweikampf fehlt, hat der BVB auf der linken Seite zwar sehr viel Fußballkultur zu bieten, aber wenig Widerstandsfähigkeit. Das ist nicht der eine, aber auch ein Grund für 51 Gegentore alleine in der Bundesliga in dieser Saison.

Und es fasst das Dilemma ganz gut zusammen: Der BVB kann betörend schönen Fußball spielen und sehr vielen Mannschaften nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in Europa gefährlich werden und ist gleichzeitig so enorm anfällig und wechselhaft in seinen Leistungen.

In den lauten und wiederkehrenden Debatten um Mentalität, Führungsstärke, Willen oder "Haltung", worauf sich die Verantwortlichen seit einigen Monaten offenbar geeinigt hatten, war Guerreiro allenfalls eine Randfigur. Weil er trotz seiner Erfahrung, seiner Erfolge und seines Standings im Klub keinen Führungsanspruch formuliert und diesen wohl auch nicht ausfüllen könnte. Dafür ist der Portugiese zu introvertiert und zurückhaltend in seiner Art.

Guerreiro: "Beim BVB fühle ich mich pudelwohl"

Guerreiro hat in Dortmund noch einen Vertrag bis Sommer 2023 und wenn der BVB bei einem Verkauf des Spielers noch Geld machen will, dann wäre in den kommenden Wochen der passende Zeitpunkt dafür. Vor wenigen Wochen standen die Zeichen noch auf Vertragsverlängerung, Guerreiro selbst hatte sich entsprechend geäußert.

"Wenn ich mich in einem Verein wohlfühle, und das ist beim BVB absolut der Fall, dann bleibe ich gerne. Dortmund ist in meinen Augen ein großer Klub. Ich habe hier eine wichtige Rolle und bin Stammspieler. Bei einem neuen Verein müsste ich mich komplett neu beweisen", so Guerreiro damals. "Wenn ich nicht spiele, fühle ich mich nicht wohl. Beim BVB fühle ich mich pudelwohl. Wenn ein anderer großer Verein kommt, denke ich natürlich nach. Aber ich sehe meine Zukunft aktuell in Dortmund und nicht woanders."

Mittlerweile soll es aber Überlegungen geben, sich nicht nur von Schulz zu trennen. Auch Guerreiro steht angeblich zur Disposition. Dazu häufen sich die Gerüchte um Gladbachs Ramy Bensebaini.

Bald wieder im Mittelfeld - oder bei einem anderen Klub?

"Es gibt Spieler, die den Verein verlassen wollen und es gibt Spieler, die den Verein verlassen müssen. Wir werden dann versuchen, die Gruppe so aufzustellen, dass wir ein gutes Gefühl damit haben, um nächstes Jahr dann ein paar Dinge anzuschieben", sagte Trainer Marco Rose nach der heftigen Klatsche gegen Leipzig Anfang April. Der künftige Sportchef Sebastian Kehl kündigte in einem großen Interview mit der Süddeutschen Zeitung an, er wolle "hier lauter Jungs haben, die aber mal so richtig Bock auf diesen Verein haben, sich zerreißen!"

Der BVB wird sich Mentalität - oder Haltung - zukaufen müssen, nachdem es nun eine Saison lang nicht gelungen ist, diese intern zu entwickeln. Und vielleicht kommen ja tatsächlich gleich zwei linke Verteidiger oder Tom Rothe wird öfter eine Option bei den Profis.

Dann könnte Raphael Guerreiro wieder dorthin wechseln, wo er deutlich besser aufgehoben ist: In eine offensivere Rolle, mit einem Spieler als Absicherung dahinter.

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