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Fussball

Wie bei einem PC-Spiel

Von Florian Bogner / Christoph Köchy
Wolfsburg-Stürmer Grafite traf gegen den FC Bayern per Hacke zum 5:1-Einstand
© Getty

Der VfL Wolfsburg putzt den FC Bayern, Grafites Solo machte die Demütigung perfekt - nur Magaths Wechselspielchen störten. Trotz aller Meistersignale baut der Trainer weiter auf Understatement. Dabei hat er längst eine titelwürdige Truppe beisammen.

Selbst Uli Hoeneß musste sich das noch mal ansehen. Während Grafite zum Jubeln abdrehte und Klinsmann neben ihm auf der Bank um Fassung rang, bewunderte der Bayern-Manager das Wolfsburger 5:1 noch mal in aller Ruhe auf der Videowand der Wolfsburger Arena.

Ein Tor - so leicht und so dreist - hatte zuletzt vielleicht Jay-Jay Okocha verbrochen. Vor 15 Jahren gegen den KSC. Diesmal war der FC Bayern Gegner.

Und die Art und Weise, wie Grafite vier Bayern zu Slalomstangen degradierte und den Ball mit gefühlten 3 km/h an den Füßen von Breno und Andreas Ottl vorbeimogelte, setzte der Demütigung der Bayern an diesem Tag die Krone auf.

Von hinten gepustet

"Das ist definitiv das schönste Tor, das ich bisher geschossen habe", grinste sich Grafite eins und scherzte sogar noch darüber, mit welch betonter Langsamkeit der Ball die Linie passierte: "Andrea Barzagli meinte zu mir, er hätte von hinten pusten müssen, damit der Ball über die Linie rollt."

5:1. Gegen die Bayern. Und dennoch sah sich weiter keiner der Wolfsburger dazu bemüßigt, das Wort Meisterschaft im direkten Zusammenhang mit dem VfL zu setzen. Nur Grafite nahm das M-Wort in den Mund - allerdings einschränkend. "Wir haben meisterlich gekämpft", sagte der 20-fache Torschütze den Journalisten: "Ob wir auch meisterlich gespielt haben, müsst ihr entscheiden."

De facto hat der VfL nun acht Siege in Folge eingefahren. Mit einer solchen Serie ist der VfB Stuttgart 2007 Meister geworden. Dem FC Bayern hat der VfL in neun Rückrundenspielen zwölf Punkte abgenommen. Warum spricht also niemand aus, was auf der Hand liegt?

Der einfachste Ansatz ist: Weil die Spieler auf Felix Magath hören. Wenn dieser sagt, die Meisterschaft ist weiter Tabuthema, dann ist das in seinem Team Gesetz. Diese Mannschaft ist Magaths Baby.

Wie beim Bundesliga-Manager-Spiel

Manchmal muss sich der VfL-Trainer wie in einem PC-Spiel vorkommen. Bis auf Ersatz-Keeper Andre Lenz und Alexander Madlung (die beide nach der Saison wohl weg sind) hat Magath alle Spieler selbst verpflichtet und dabei penibel darauf geachtet, dass sie a) jünger als 26, b) erfolgshungrig und c) systemkompatibel sind.

Andrea Barzagli, Josue und Grafite sind aufgrund ihres Alters die Ausnahmen, zugleich aber die wichtigsten Stützen des Teams. Barzagli ist ein kompromissloser wie unauffälliger Abwehrchef, Josue wohl der am meisten unterschätzte "Sechser" der Liga, Grafite den Top-Torjäger der Liga.

Dazu hat Magath mit Zvjezdan Misimovic den besten Vorbereiter (17 Assists) und mit Edin Dzeko einen kongenialen Partner von Grafite. Das Grundgerüst ist solide, die drei Offensivkräfte statten den VfL mit Extra-Klasse aus.

Magath will keinen Druck aufbauen

So fügt sich das Magath-Puzzle Stück für Stück. Mit seiner Fertigstellung hat der Trainer jedoch noch nicht in dieser Saison gerechnet. Er weiß: Eigentlich braucht die Mannschaft noch Zeit. Den Druck, sich selbst als Meisterschaftsfavoriten zu sehen, will er seinen Spielern nicht aufbürden.

Und so wurde Magath auch nach der Demonstration gegen Bayern nicht müde, den Grafite-Streich als einmalige Sache hinzustellen ("So was geht nur einmal im Leben") und das Ergebnis als viel zu hoch abzutun ("Fast jede Aktion nach vorne haben wir mit einem Tor abgeschlossen" und "Wir waren in der ersten Halbzeit klar unterlegen").

Seine Mannschaft habe sich vielmehr in der zweiten Halbzeit "in einen Rausch gespielt". Herrn Magath sei gesagt: 60 Minuten lang gegen einen direkten Konkurrenten wenig zulassen und dann vier Tore in 14 Minuten erzielen - auch das zeugt von Klasse.

Dzeko: "Bayern hatte kaum eine Chance"

"Dass wir erst in Führung gehen, dann den Ausgleich bekommen, so was schmeißt uns eigentlich um", ließ sich Magath zumindest rauslocken. Diesmal fiel der VfL nicht, auch wenn es laut Dzeko leichte Zweifel gab.

"Die Bayern hatten heute kaum eine Chance, doch erst beim 4:1 war ich mir sicher, dass wir auch gewinnen", sagte der zweifache Torschütze, der ankündigte, den Kantersieg trotz aller Zurückhaltung ordentlich feiern zu wollen.

Die Feierstimmung trüben konnte nicht mal Magaths fragwürdige Aktion, den Torhüter in der 88. Minute zu tauschen. Den Gegner treten, wenn der schon am Boden liegt? Das wollte sich Magath nicht nachsagen lassen.

"Mir war bewusst, dass der ein oder andere das in den falschen Hals bekommen könnte. Ich wollte mit dieser Auswechslung aber niemanden provozieren", so der VfL-Coach. Vielmehr habe er Ersatzkeeper Lenz nach dessen Leistungen zu Beginn der Rückrunde, als er Diego Benaglio gut vertrat, weitere Einsätze in Aussicht gestellt.

Lenz "völlig überrascht"

"Im Gegensatz zu anderen Spielern ist der zweite Torhüter nicht derjenige, der am meisten verdient, sondern einer, der sich über eine Einsatzprämie besonders freut", sagte Magath mit einem Schmunzeln.

Dass er dieses Versprechen jedoch gegen den FC Bayern einlösen wird, war selbst Lenz nicht bewusst.

"Ich war völlig überrascht, als es zum Wechsel kam", sagte der Keeper gegenüber SPOX, "das erlebt man in Freundschaftsspielen öfter, aber in Meisterschaftsspielen hab ich das noch nie erlebt."

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