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Fussball

FC Bayern München - Serge Gnabry im Interview: "Ich bin nicht zufrieden mit mir"

Der Mannschaft gibt Gnabry eine 2-. Mit sich selbst ist er aber nicht zufrieden.

Nicht nur auf der Trainerbank tut sich einiges. Mit David Alaba, Jerome Boateng und Javi Martinez verlassen drei verdiente Spieler den Verein. Alaba ist einer Ihrer besten Freunde. Wie gehen Sie damit um?

Gnabry: Es ist schade für mich, wenn Leute den Verein verlassen, mit denen ich sehr eng befreundet bin. Du gewöhnst dich über die Jahre einfach daran, mit so Typen wie David, Jerome oder Javi zusammen zu sein, die Umkleide mit ihnen zu teilen und auch privat viel miteinander zu unternehmen. Ich bin sehr traurig darüber - und werde sie jeden Tag vermissen.

Nicht wenige Fans ärgern sich über die Art und Weise des Abschieds von Alaba, haben Ihn nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen mit dem FC Bayern als geldgierig betitelt. Wird er missverstanden?

Gnabry: Ich denke, wir Fußballer werden oft missverstanden. In der Öffentlichkeit weiß doch niemand genau, was hinter den Kulissen vor sich geht, worüber gesprochen worden ist, was letztlich die Motive für den Abschied sind. Am Ende sagen die Leute "Den Fußballern geht's doch eh nur ums Geld", aber ich denke nicht, dass es immer nur ums Geld geht. Als Außenstehender ist man in einer anderen Position und urteilt nach dem, was man hört und liest, aber das heißt nicht, dass man damit automatisch Recht hat.

Mit Alaba geht der Chef der Abwehr. Lucas Hernandez könnte seine Rolle einnehmen. Was halten Sie von ihm?

Gnabry: Lucas hat sich in den vergangenen Monaten enorm entwickelt. Als Stürmer ist es verdammt hart, gegen ihn zu spielen. Er ist sehr aggressiv und wachsam, lässt dir nach Ballannahme kaum Zeit und Platz.

DFB-Team - Gnabry: "Wollen Löw perfekten Abschied bereiten"

Am 15. Juni treffen Sie mit Deutschland beim ersten EM-Gruppenspiel auf ihn.

Gnabry: Ja, wir haben im Training schon ein bisschen darüber gescherzt. Es wird ein schwieriges Spiel, aber wir freuen uns sehr, uns direkt mit einem Gegner wie Frankreich messen zu können.

Für Sie wird es das erste große Turnier mit Deutschland sein, für Joachim Löw hingegen das letzte. Der Bundestrainer hat einmal gesagt: "Serge Gnabry spielt bei mir immer." Wie groß ist Ihre Motivation, Ihrem Förderer einen gebührenden Abschied zu bereiten?

Gnabry: Für mich ist es eine tolle Sache, einen Trainer zu haben, der so eine hohe Meinung von mir hat. Aber wir alle wollen ihm einen perfekten Abschied bereiten und ein starkes Turnier spielen, nicht nur ich. Denn: Jeder weiß, was Joachim Löw für den deutschen Fußball getan hat. Er ist einer der erfolgreichsten Bundestrainer aller Zeiten.

Die Zahl an Löws Kritikern ist in den vergangenen Jahren rapide angestiegen. Generell könnte die Stimmung in Richtung DFB und Nationalmannschaft besser sein.

Gnabry: Wir können nichts gegen die schlechte Stimmung von außen machen - außer zu gewinnen. Das ist unser Job. Wenn uns das gelingt, wenn wir uns nicht so Ausrutscher leisten wie zum Beispiel gegen Nordmazedonien, wird sich auch die allgemeine Stimmung wieder bessern.

DFB-Team - Gnabry: "Müller zu Recht bei der EM dabei"

Thomas Müller steht im EM-Kader. Was kann er der Mannschaft neben seiner fußballerischen Klasse geben?

Gnabry: Eine gute Einstellung und Führungsqualitäten. Er ist ein Antreiber, der jeder Mannschaft guttut. Über den Fußballer Thomas Müller brauchen wir nicht zu sprechen. Er hat zwei fantastische Jahre hinter sich und ist zu Recht bei der Europameisterschaft dabei.

Führungsqualitäten bringt auch Ihr langjähriger Kollege und Kumpel Joshua Kimmich mit. Würden Sie der jüngsten Aussage von Javi Martinez zustimmen, dass Kimmich der beste Sechser der Welt ist?

Gnabry: Ja, dem würde ich zustimmen.

Trotzdem diskutiert Fußball-Deutschland fleißig darüber, ob Kimmich bei der EM nicht besser als Rechtsverteidiger aufgehoben sei.

Gnabry: Das ist eine schwierige Entscheidung. Jo kann auf so vielen unterschiedlichen Positionen spielen. Egal wo, er macht seine Sache gut, weil er ein so intelligenter Fußballer ist. Er tut uns als Mannschaft sehr gut, auch aus mentaler Sicht, weil er immer hoch motiviert ist und seine Mitspieler antreibt. Wenn etwas nicht läuft, ist er zur Stelle. Jo ist jemand, auf den du dich verlassen kannst.

Kimmich wird hin und wieder auch als überehrgeizig bezeichnet. Muss man ihn ab und zu bremsen?

Gnabry: Manchmal muss ich ihm schon sagen: "Hey, chill mal!" Aber er ist so, das ist in seinem Blut - und deshalb ist er auch so weit gekommen und einer der besten, wenn nicht sogar der beste Sechser der Welt, wie Javi sagt.

FC Bayern - Gnabry schwärmt von Drogba und Zidane

Sie haben mit Kimmich nahezu alle Nachwuchsteams beim DFB durchlaufen. Anders als er hatten Sie die Möglichkeit, für ein anderes Land außer Deutschland zu spielen: die Elfenbeinküste. Stimmt es, dass der ivorische Verband Sie als Jugendlicher kontaktiert hat?

Gnabry: Ja, das war 2014, als ich bei Arsenal gespielt habe. Der ivorische Verband hat mich kontaktiert und nach einem Treffen gefragt, um mich davon überzeugen, für die ivorische A-Nationalelf zu spielen. Für mich war aber immer klar: Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe für fast alle U-Nationalmannschaften des DFB gespielt, also möchte ich auch für die deutsche A-Nationalelf spielen.

Gab es einen afrikanischen Spieler, den Sie in Ihrer Jugend besonders bewundert haben?

Gnabry: Didier Drogba, ganz klar. Er war nach Zinedine Zidane mein absoluter Lieblingsspieler. Ein großartiger Stürmer.

Wie haben Sie reagiert, als er den FC Bayern im "Finale Dahoam" nahezu im Alleingang besiegt hat?

Gnabry: Für den FC Bayern war das natürlich extrem bitter, aber in der Folgesaison hat es ja zum Glück mit dem Champions-League-Sieg geklappt.

FC Bayern - Gnabry: "Afrika ist auch Heimat für mich"

Welche Bindung haben Sie heute zu Afrika und der Elfenbeinküste?

Gnabry: Das ist auch Heimat für mich. Mein Vater ist von dort, ein Großteil meiner Familie lebt auch noch dort. Ich war schon ein paar Mal zu Besuch und will, wenn die Zeit es zulässt, häufiger dorthin.

Erden einen Fußballstar solche Besuche auch?

Gnabry: Was materielle Dinge angeht: Ja. Andererseits zeigen mir diese Besuche auch, wie glücklich du als Mensch sein kannst, wenn du einfach nur du selbst bist. Ich finde es auch ein bisschen hart, zu sagen: "Ich bin im Vergleich zu Menschen in Afrika ja so gesegnet, ich habe ja ein so gutes Leben." Wenn ich dort bin, habe ich nicht das Gefühl, dass die Menschen total unglücklich sind. Im Gegenteil. Sie sind mit dem glücklich, was sie haben. Sie lachen viel, sie vertreten gute Werte. Das ist inspirierend.

Dennoch spenden Sie einen Teil Ihres Gehalts zu wohltätigen Zwecken.

Gnabry: Ich bin so aufgewachsen: Wenn ich etwas geben kann, dann gebe ich auch etwas. Helfen und teilen, das sind Dinge, die von mir selbst kommen. Ich bin keine eigennützige Person.

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