Fussball

"kicker meets DAZN - Der Fußball-Podcast" mit Oliver Kahn: "Tradition kann ein Hemmschuh sein"

Von SPOX
Oliver Kahn (r.) im Gespräch mit DAZN-Moderator Alexander Schlüter.

Erst der Über-Torhüter, der Titelsammler, der Titan, mittlerweile Vorstand beim FC Bayern München: Oliver Kahn schreibt nach seiner aktiven Zeit an den nächsten Kapiteln seiner Bilderbuchkarriere.

In der neuen Folge von "kicker meets DAZN- Der Fußball Podcast" auf SPOX lässt Kahn seine bisherige Laufbahn Revue passieren, spricht über die Herausforderungen seines neuen Jobs und das aktuelle Reizthema der Fan-Proteste.

Oliver Kahn über ...

... seine ersten Tage als Vorstand bei den Bayern: "Im Trainingslager war ich dabei und habe mich der Mannschaft vorgestellt. Dann kamen auch recht schnell die ersten Gespräche in den unterschiedlichen Bereichen. Da musste ich erstmal die Kulturen und Herausforderungen verstehen, die es auf diesen Ebenen gibt. Es stehen jetzt noch einige Workshops an, um den Kontakt zu den Mitarbeitern weiter zu vertiefen und einzutauchen in die Welt des FC Bayern. So bekomme ich Stück für Stück ein Gefühl für das große Ganze."

... die Herausforderungen beim FC Bayern: "Zwischen meinem Karriereende 2008 und heute hat sich der Klub noch einmal sehr stark entwickelt. Die Mitarbeiter- und Mitgliederzahlen, die Umsatzentwicklung - es ist sehr viel passiert. Man muss deshalb auch vorsichtig sein. Es hilft, wenn man mal als Spieler in einem Verein war und Erfolge gefeiert hat. Aber das reicht nicht aus, diese Zeiten sind vorbei. Dafür ist dieses Geschäft viel zu komplex und anspruchsvoll geworden. Ich hoffe, beides zusammenbringen zu können: Die sportliche Welt mit der Business-Welt um den FC Bayern herum. Es ist wichtig, die wirtschaftliche Seite zu verstehen. Der Kern von allem bleibt aber der Sport. Wir müssen uns Gedanken machen, wie der FC Bayern auch in Zukunft auf diesem Niveau bleiben und Erfolge fortschreiben kann. Und: Was muss er dafür tun?"

... die Bayern-Familie und das Mia san Mia: "Es war schon immer eine Stärke des FC Bayern, in den verantwortlichen Bereichen auch sportliche Kompetenz zu haben. 'Lokalmatadore' sind ein wichtiger Faktor, deswegen stecken wir so viel Energie in das Nachwuchsleistungszentrum. Es ist schön, Spieler aus der eigenen Umgebung zu haben. Aber auch diese Internationalität ist schön. Die Welt entwickelt sich weiter, wir sind sehr international unterwegs. Wir sind zum Beispiel auch sehr froh, einen Spieler mit dem Talent von Joshua Zirkzee in unseren Reihen zu haben. Tradition ist wichtig. Aber ich habe das Gefühl, dass immer weniger Vereine daraus auch wirklich etwas machen. Wenn Tradition dazu führt, dass sie wie ein Ballast, wie ein Hemmschuh auf einem Verein liegt und Weiterentwicklung verhindert, weiß ich nicht, ob das so positiv oder optimal ist. Der FC Bayern fußt auf seiner Heimat. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in der ganzen Welt Fans haben. Und das möchte der FC-Bayern-Fan im Grunde doch auch: Dass sein Verein auf der ganzen Welt Bekanntheit genießt."

... die Konkurrenz mit Investoren-Klubs: "Beim FC Bayern ist Vieles schon auf einem sehr guten Weg. Im Zentrum stehen bei uns immer die Fans. Wir wollen aber auch Spitzenfußball auf höchstem Niveau bieten. Es gibt dafür die klassischen Einnahmequellen, die ein Klub so hat. Aber wir müssen auch schauen, was sich sonst noch so entwickelt. Wie kann ich Quellen generieren, die andere nicht generieren können? Da liegt im europäischen Kontext der Vorteil. Wir sehen bei Juventus Turin, dass die eine eigene Vereinswährung ihren Mitgliedern anbieten. Das sind Dinge, mit denen wir uns beschäftigen müssen und abwägen, ob wir das wollen oder nicht. Die Geschwindigkeit der digitalen Welt wird nicht am Fußball vorbeigehen."

... die "Entwicklung" der Fan-Proteste: "Zu meiner aktiven Zeit gab es wohl im größerem Ausmaß rassistische Ausschreitungen und Gewalt. Das ist nichts besonders Neues. Für mich war das auch nicht immer lustig, ins Tor zu gehen und erstmal den ganzen Gemischtwarenladen an Früchten aus dem Fünfmeterraum zu räumen. Klar ist das auf gewisse Art lustig, aber irgendwann ist es schwer zu ertragen. Ich dachte: Irgendwann ist dann auch mal gut. Ich kann mich wohl gut darin hineinversetzen, was es bedeutet, rassistisch angegangen zu werden und wie man sich da fühlt. Was für eine Art der Ausgrenzung und Erniedrigung das für einen Menschen bedeutet. Trotzdem glaube ich, dass es heute anders geworden ist. Wir alle kennen die Begriffe Inklusion, Diversity. Deshalb haben wir heute stärkere Werte als zu meiner Zeit. Wenn einer gegen diese Werte verstößt, erleben wir genau das, was wir im Moment sehen: Diese enorme Empörung gegen das, was wir den Stadien nicht haben wollen. Was wir nicht haben wollen, sind Anfeindungen gegen bestimmte Personen. Da hört der Spaß auf. Deshalb haben wir als FC Bayern gesagt: Ja, jetzt prüfen wir mal, was wir tun können, um solche Dinge wie in Hoffenheim in Zukunft verhindern zu können. Der FC Bayern sucht den Dialog mit seinen Fans und hat das schon immer getan. Trotzdem ist es ganz schwierig, solche Dinge wie zuletzt zu verhindern. Deshalb muss man sich als Verein die Frage stellen, was man tun kann. Und nicht nur schöne Sprüchen machen. Eines ist mir noch ganz wichtig: Jeder der beim FC Bayern arbeitet möchte, dass unsere Fans Freude und Spaß haben an dem, was sie da sehen. Die Fans, die die Stimmung im Stadion machen, sind ein absoluter Wert! Das ist etwas Großartiges und das, was uns von vielen anderen Sportarten unterscheidet. Das gilt es auch zu bewahren. Ich warne vor einer sterilen Atmosphäre! Das wollen wir in Fußballstadien nicht haben. Trotzdem müssen wir gegen die vorgehen, die diese großartige Atmosphäre, die das Spiel, durch solche Aktionen wie zuletzt stören."

... die Verhältnisse in England: "Wir waren ja neulich beim FC Chelsea. Da war keine Fangruppe vom FC Chelsea mehr im Stadion. Klar sind die Zuschauer auch ein bisschen mitgegangen. Aber ich weiß nicht, ob ich das so prickelnd fand."

... seine Vorbereitung auf die Karriere nach der Karriere: "Es macht als Spieler schon Sinn, sich mit dem Thema Geld zu beschäftigen. Es gibt genug Geschichten von Spielern, bei denen das mit dem Geld nicht so gut geklappt hat. Ich habe auch schon in frühen Jahren als Profi auf Anraten meines Vaters versucht, zweigleisig zu fahren."

... seinen Job als TV-Experte: "Es hat mir sehr geholfen, nach der aktiven Karriere im Fußball zu bleiben, mich mit Trends im Weltfußball zu beschäftigen und einen ganzheitlichen Blick auf den Fußball zu bekommen, den man als Torhüter zuvor nicht so hatte. Ich konnte das Geschäft so auch von der anderen, der medialen Seite begreifen. Das waren wichtige Einblicke, die mir in den nächsten Jahren zu Gute kommen werden."

... Angebote nach der aktiven Karriere: "Da waren auch krude Dinge dabei, die nicht zu mir passten. Werbung für Unterwäsche zum Beispiel. Die habe ich dann lieber Cristiano Ronaldo und dessen Bauchmuskeln überlassen. TV-Shows, bei denen ich das Format gar nicht verstanden hatte. Das habe ich alles gelassen. Es war durchaus schwierig, da die richtigen Entscheidungen zu treffen. David Beckham hatte da als 'Marke' ein paar Vorteil weil man da dann sofort weiß, wer man ist und wohin man nach der Karriere will. Das hilft wohl schon, dann letztlich nicht die falschen Dinge zu machen. Denn das kann sehr schnell gehen, auch in Sachen Investments und Beteiligungen."

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