Fussball

FC Bayern - Niklas Süle im Interview: "Einmal haben die Nachbarn die Polizei gerufen"

Von Daniel Herzog
Erst Idol und Fan, dann Kollegen: Jerome Boateng und Niklas Süle.

Niklas Süle gilt als bester deutscher Innenverteidiger. Im Interview mit SPOX und DAZN spricht der 24-Jährige vor dem Champions-League-Spiel des FC Bayern bei Tottenham Hotspur (Di., 21 Uhr LIVE auf DAZN und im LIVETICKER) über seinen Weg dorthin. Er erzählt von seiner Vergangenheit als Stürmer und die harte, aber schöne Zeit im Nachwuchsleistungszentrum der TSG 1899 Hoffenheim.

Außerdem dabei: Warum Nachbarn die Polizei alarmierten, was er aus seinem Kreuzbandriss gelernt hat, welchem Trainer er am meisten dankbar ist und wie er über Julian Nagelsmann denkt.

Herr Süle, stimmt es, dass Sie in der Jugend mehr als 100 Tore in einer Saison erzielt haben?

Niklas Süle: Mein Vater hat diese Geschichte mal erzählt, ich selbst bin mir da nicht so sicher. Es stimmt, dass ich viele Tore gemacht habe, aber 100 in einer Saison? Das glaube ich nicht. (lacht)

Ihr Vater war in der E- und F-Jugend bei Rot-Weiß Walldorf Ihr Jugendtrainer. Wie war das für Sie?

Süle: Mein Vater war und ist mein größter Kritiker, er erwartet sehr viel von mir. Ich habe damals immer mit den Jungs spielen dürfen, die ein Jahr älter waren. Das hat mich weitergebracht und in meiner Spielweise wahrscheinlich auch robuster gemacht.

Sie waren schon als Jugendspieler eine beeindruckende Erscheinung. Ihr Vater hat mal erzählt, er habe auf Turnieren teilweise Ihren Pass vorzeigen müssen, um Ihr Alter zu bestätigen.

Süle: Auch da bin ich mir nicht sicher, ob das so stimmt. (lacht) Robust war ich aber tatsächlich schon immer. Ich habe mir erst vor Kurzem mein Spielerprofil aus meiner Zeit in der U15 bei Darmstadt 98 gesehen. Da war ich 1,89 Meter groß und habe 85 oder 87 Kilogramm gewogen, das ist für einen 14-Jährigen schon ganz ordentlich. Damals hieß es oft: 'Der Niklas ist nur wegen seiner Statur so gut. Das wird sich irgendwann ändern.' Zum Glück habe ich mich dann aber auch in den Jahren danach ganz ordentlich entwickelt.

Süle über seine schwierige Anfangszeit in Hoffenheim

Nach Stationen bei Walldorf und Eintracht Frankfurt wechselten Sie 2010 von Darmstadt 98 in die Jugendabteilung der TSG Hoffenheim. Ihre Mutter soll das gewollt haben.

Süle: Das ist eine interessante Geschichte. Meine Mutter wollte, dass ich dort aufs Internat gehe, weil sie dachte, dass meine schulischen Leistungen dadurch wieder besser werden. Dann war das Gegenteil der Fall und sie wollte mich eigentlich wieder zurückholen. Da musste ich kämpfen, dass ich in Hoffenheim bleiben darf. Am Ende habe ich den Realschulabschluss gemacht, obwohl ich in Hessen noch auf dem Gymnasium war und gern mein Abitur gemacht hätte. Vielleicht kann ich das irgendwann nachholen.

War die Zeit im Nachwuchsleistungszentrum fernab von Familie und Freunden die schwierigste Ihrer Karriere?

Süle: Die Anfangszeit war schon richtig schwierig. Ich kam mit 14 in eine Gastfamilie und musste mir ein Zimmer mit einem Jungen teilen, den ich nicht kannte. Natürlich war es hart, meine Heimat, meine Familie und Freunde zu verlassen.

Sie haben die Internatszeit aber auch mal als schönste Zeit Ihrer Karriere beschrieben und gesagt, dass Sie ein Buch darüber schreiben könnten. Welche Anekdoten würden darin vorkommen?

Süle: Die wären nicht alle jugendfrei. (lacht) Nein, im Ernst, eine nette Geschichte kann ich erzählen: Wir haben in Hoffenheim, in diesem kleinen, beschaulichen Dorf, gerne nachts um halb zwei die Flutlichter angeschaltet, weil wir noch ein bisschen kicken wollten. Einmal sind die Nachbarn da ordentlich an die Decke gegangen und haben die Polizei gerufen - und ich durfte am nächsten Tag beim damaligen Manager Alexander Rosen im Büro vorsprechen.

Würde es in Ihrem Buch auch ein Kapitel über Xaver Zembrod geben?

Süle: Auf jeden Fall. Xaver hat mich vom Offensivspieler zum Innenverteidiger umgeschult, er war also schuld. (lacht)

Hatten Sie mit der Umschulung ein Problem?

Süle: Ja, anfangs hatte ich damit tatsächlich ein Problem. Ich habe damals gerne im Mittelfeld gespielt und war meiner Meinung nach ein ziemlich guter Zehner. In der U15 habe ich für Hoffenheim sogar teilweise als Stürmer gespielt und auch ein paar Buden gemacht. Dann kam Xaver auf die Idee, mich in die Innenverteidigung zu stellen - und ich habe meine Sache dort offenbar ganz okay gemacht.

Süle: "Am dankbarsten bin ich Markus Gisdol"

Sie haben in Ihrer noch jungen Karriere schon viele namhafte Trainer erlebt: Holger Stanislawski, Huub Stevens, Markus Gisdol, Julian Nagelsmann, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes, Niko Kovac, Joachim Löw.

Süle: (unterbricht) Und in den U-Nationalmannschaften waren noch weitere große Trainer dabei.

Von wem haben Sie am meisten profitiert?

Süle: Am dankbarsten bin ich Markus Gisdol. Er hat mir mit 17 Jahren die Chance gegeben, in der Bundesliga gegen Dortmund und in den Relegationsspielen zu spielen. Das war nicht selbstverständlich. Unglaublich viel gelernt habe ich von Julian Nagelsmann. Trotzdem muss ich sagen, dass mir jeder Trainer etwas für meine Karriere mitgegeben hat. Deswegen will ich eigentlich niemanden hervorheben.

Unter Gisdol debütierten Sie im Mai 2013 in der Bundesliga im Spiel gegen den Hamburger SV. Wie haben Sie davon erfahren?

Süle: Das war am Spieltag selbst. Danach bin ich direkt in mein Zimmer gerannt und habe meine Eltern angerufen. Eigentlich bin ich ja eher ein ruhiger, entspannter Typ, aber da hatte ich schon leichte Zitteranfälle. (lacht) Das war mit das schönste Gefühl meines Lebens.

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