Fussball

Bayerns NLZ-Chef Jochen Sauer im Interview: "Wir brauchen einen roten Faden"

Der FC Bayern hat seinen Campus offiziell im August 2017 eröffnet

SPOX: Welche Rolle spielt in Ihrer Betrachtung das Thema Relative Age Effect, dem zufolge im Nachwuchsfußball innerhalb eines Jahrgangs frühgeborene Spieler systematisch bevorzugt werden? Auch beim FC Bayern spielen in den Teams im Leistungsbereich, also U19, U17 und U16, überwiegend Spieler, die im ersten Halbjahr ihres Jahrgangs geboren sind.

Sauer: Ich bin der Meinung, man sollte grundsätzlich nicht zu starr in Jahrgängen denken. Man muss sich alle paar Wochen und Monate die individuelle Entwicklung eines Spielers anschauen. Wenn einer das aktuelle Niveau völlig intus hat und vielleicht sogar unterfordert ist, muss man ihm schnellstmöglich die nächste Stufe zumuten, egal in welcher Mannschaft er in seinem Jahrgang eigentlich spielen müsste. Bei der U16 beispielsweise sehe ich das Problem nicht, weil wir im eigentlichen 2002er Jahrgang schon sieben 2003er haben.

SPOX: Das sind aber auch wieder Spieler, die früh in ihrem Jahrgang geboren wurden, das Problem bleibt also, oder?

Sauer: Man kann aber auch sagen, dass diese Spieler quasi "sehr spätgeborene" 2002er Spieler sind...! Bei der ganzen Diskussion um den Relative Age Effect bleibt das Wichtigste, ganz individuell auf die Spieler einzugehen. Das ist zwar viel mehr Arbeit, weil man nicht pro Jahrgang einfach so drüberfahren kann, aber ich kann den Relative Age Effect komplett an die Seite stellen, wenn ich sage, man muss dem Spieler so früh wie möglich die nächste Entwicklungsstufe "zumuten".

SPOX: Die übergreifende Fragestellung im Jugendbereich ist: Fördern wir die richtigen Talente und fördern wir sie richtig? Eine Studie besagt, dass weniger als ein Prozent der Spieler den Weg von der U9 bis zum Profi in einem Verein gehen. Heißt das nicht, dass man entweder etwas anders machen müsste oder den unteren Bereich sogar abschaffen könnte?

Sauer: Nein, das sehe ich nicht so. Wir reden nicht darüber, den unteren Bereich abzuschaffen. Aus meiner Sicht kommen sehr viele Spieler relativ weit nach oben bis zur U15 oder U16. Ich glaube, man muss die Spieler in München schon so früh wie möglich zum Verein holen, um größtmöglichen Einfluss auf die Ausbildung zu nehmen. Wenn du einen roten Faden hast, ist es doch ein Vorteil, die Spieler selbst auszubilden.

SPOX: Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit Partnervereinen zusammenzuarbeiten und diese mit inhaltlichem und personellem Knowhow auszustatten. Das würde die Basis der Ausbildung verbreitern.

Sauer: Diese Möglichkeit ist sicherlich zu diskutieren und überlegenswert. Wir wollen natürlich die besten Talente Bayerns bei uns auf dem Campus versammeln, aber für viele Spieler, die nicht aus München kommen, ist das mit hohem Aufwand verbunden. Wir stellen zwar Fahrdienste, aber wir müssen auch immer beobachten, welche Auswirkung dieses ständige Auf-der-Straße-sein auf die schulische und sportliche Leistung hat. Ist das sinnvoll? Oder ist es sinnvoller in der Ausbildung vor Ort einzugreifen.

SPOX: Auch beim Thema zweite Mannschaften der Profiklubs gibt es unterschiedliche Ansätze. Der frühere Technische Direktor des FC Bayern, Michael Reschke, hält die zweite Mannschaft als Übergang zu den Profis für nicht mehr zeitgemäß. Wie denkt der FC Bayern?

Sauer: Wir schaffen die zweite Mannschaft sicher nicht ab. Damit die Verbindung zwischen Nachwuchs und Herrenbereich klappt, müsste man eine brutal gute Idee haben. Die U23 soll zukünftig wieder ein wichtiger Baustein werden, um Spieler nach oben zu bringen. Man muss aber darüber nachdenken: Wie strukturiere ich die U23? Welche Liga ist die richtige Spielklasse für die Entwicklung? Wie schaut die richtige Altersstruktur im Kader aus? Wen will ich fördern, wie will ich ihn fördern, auf welchem Niveau will ich ihn fördern?

SPOX: Gibt es hier schon konkrete Ansätze?

Sauer: Nehmen wir den Aspekt der Ligazugehörigkeit. Die 3. Liga ist super, aber um dort wettbewerbsfähig zu sein, muss die Kaderstruktur eine andere sein als in der Regionalliga. Ist es realistisch, mit einer kompletten U19 3. Liga zu spielen? Wenn das klappt, ist es super. Für eine ganz junge Mannschaft kann aber auch die Regionalliga zunächst ein guter Einstieg in den Herrenbereich sein. Wir müssen den Jungs die richtige Plattform bieten, mit der sie anfänglich immer leicht überfordert sind, um sich zu verbessern.

SPOX: Ihre klare Aufgabe ist es, mit dem Campus Spieler für die erste Mannschaft zu entwickeln. Wie lange haben Sie sich Zeit gegeben, bis der erste bei den Profis spielen sollte?

Sauer: Wir haben uns keinen Zeitrahmen gesetzt, weil das nicht planbar ist und auch von der Situation bei den Profis abhängt. Ist oben gerade ein Kaderplatz auf einer bestimmten Position frei? Hat sich ein Spieler verletzt und ein junger Spieler bekommt eine Chance? Wir haben bereits gute Jahrgänge hier und Jahrgänge, die wir noch verstärken werden. Unser Ehrgeiz ist es, dass wir in jedem Jahrgang mindestens einen Spieler haben, den wir mit gutem Gewissen zum frühestmöglichen Zeitpunkt oben anbieten können. Wenn wir das hinkriegen, haben wir sehr ordentliche Arbeit geleistet.

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