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Fussball

Kevin-Prince Boateng bei Hertha BSC: Letzter Ausweg Spieler-Co-Trainer?

Von Justin Kraft
Hertha BSC hat ein großes Problem: Auch Kevin-Prince Boateng wird aus Spielern wie Vladimir Darida keine Führungsspieler mehr machen.

Hertha BSC hat ein großes Problem: Auch Kevin-Prince Boateng wird aus Spielern wie Vladimir Darida keine Führungsspieler mehr machen. In der Bundesliga droht deshalb der Absturz.

Was haben der AFC Richmond und Hertha BSC gemeinsam? Moment mal, der AFC wer? In der Comedyserie "Ted Lasso" wird die Geschichte eines amerikanischen, aber erfolglosen Football-Coaches erzählt, der nach England zieht, um dort eine Fußballmannschaft zu trainieren: den AFC Richmond.

Teil dieses Teams ist mit Roy Kent eine Figur, die mit großer Vergangenheit glänzt. Champions-League-Sieger, große nationale Erfolge, eine riesige Beliebtheit bei den englischen Fußballfans - Kent ist ein Star. Doch sein Problem ist, dass er an seine ehemaligen Leistungen nicht mehr herankommt und so zunehmend in Frage gestellt wird.

Zu langsam, zu träge, zu verletzungsanfällig - in der Realität hat auch Hertha BSC diese Sorgen. Nämlich mit Kevin-Prince Boateng. Der gebürtige Berliner ist im vergangenen Sommer in die Heimat zurückgekehrt und hat damit zumindest in der Hauptstadt einen großen Hype ausgelöst.

Seine Vita ist schillernd, er spielte für große Klubs wie Milan oder den FC Barcelona, wo er jeweils auch die Meisterschaft gewann. Eintracht Frankfurt verhalf er 2018 in tragender Rolle zum sensationellen Pokalsieg. Zwar war man sich in Berlin stets bewusst darüber, dass er in den vergangenen Jahren kaum überzeugt hatte, aber dennoch weckte die Rückkehr große Hoffnungen und Erwartungen.

Boateng realistisch: Nicht mehr 25

Boateng selbst schätzte die Situation immer realistisch ein. Im Oktober sagte er: "Ich bin hier nicht hergekommen als 25-jähriger Prince Boateng, der jedes Spiel alleine gewinnt und ein Tor und einen Assist macht. Das wusste ich vorher, das wusste der Verein vorher. Das war ganz klar abgestimmt."

Und so stehen nach 18 Spieltagen zwölf Einsätze für den 34-Jährigen zu Buche, in denen er an keinem Tor direkt beteiligt war und lediglich auf 387 Minuten Einsatzzeit kam. Manager Fredi Bobic bezeichnete ihn als Spieler "für Phasen". Dass es für Hertha BSC nicht läuft, wird aber trotzdem gern einmal an Boateng festgemacht.

Natürlich weckt ein Spieler dieses Kalibers automatisch Hoffnungen, dass die durch Misserfolge gebeutelte Hertha in der Tabelle wieder etwas klettern kann. Diesen wurde Boateng objektiv betrachtet nicht gerecht.

Ekkelenkamp: Von Boateng lernt man viel als junger Spieler

Subjektiv sehen das die Verantwortlichen bei Hertha anders. Immer wieder wird betont, wie sehr seine Erfahrung dem Team helfe und dass er als Persönlichkeit gebraucht werde.

Tatsächlich schwärmen im Umfeld von Hertha viele von der Art und Weise, wie er insbesondere mit den jüngeren Spielern umgeht. Jurgen Ekkelenkamp, der 21-jährige Sommerneuzugang, sagte dem niederländischen TV-Sender NOS beispielsweise: "Bei Ajax hattest du Blind und Tadic, in Berlin hast du Kevin-Prince Boateng. Von solchen Jungs lernst du sehr viel als junger Spieler."

Das ist authentisch und es bestätigt, was Bobic im Saisonverlauf immer wieder betonte: Dieser Transfer war nicht ausschließlich eine PR-Nummer. Es gibt lediglich eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen und der internen Erwartungshaltung.

Hertha BSC fehlen die Anführer

Dass Herthas Probleme häufig auf dem Rücken Boatengs abgeladen werden, ist vielsagend. Denn das viel größere Problem ist, dass dem Klub vergleichbare Spielertypen fehlen. Solche, die intern und nach außen hin Verantwortung übernehmen. Das gestand sich Bobic selbst ein, als er dem RBB verriet: "Ich habe nicht viele Führungsspieler in der Mannschaft."

Bei aller Bedeutung, die jemand wie Boateng innerhalb der Kabine hat, fehlt Hertha mindestens ein Spieler, der das auch auf dem Platz konstant einbringen kann. Boateng war das einmal, aber er ist es nicht mehr.

Und deshalb wäre es auch nicht richtig, die Probleme an ihm festzumachen. Insbesondere auf seiner Position im Mittelfeld stimmt die Mischung nicht. Vladimir Darida ist kein Lautsprecher, Lucas Tousart und Santiago Ascacibar sind nicht erfahren, aber auch sportlich nicht konstant genug, um die Rolle eines echten Führungsspielers einzunehmen.

Was kann Boateng sportlich noch geben?

Immer wieder gibt es Phasen in Herthas Auftritten, in denen alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Jüngst gegen Köln beispielsweise, als man den Gegner rund 20 Minuten gut im Griff hatte und dann plötzlich mehrere Fehler aneinanderreihte, obwohl sich eigentlich nichts verändert hatte. Niemand auf dem Platz war in der Lage, das Ruder vor dem Pausenpfiff noch einmal herumzureißen, Köln wurde unnötig gestärkt. Und so ergab sich Hertha dem Schicksal.

Gerade in Tayfun Korkuts System ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass Boateng sportlich noch eine tragende Rolle einnehmen wird. Selbst wenn er noch einmal richtig fit wird, dürften zwei Faktoren problematisch sein: sein fehlendes Tempo und die mangelnde Absicherung durch Mitspieler.

Zuletzt verteidigten die Berliner in einem 4-4-2. Und sie verteidigten wirklich viel. In drei der bisherigen fünf Partien unter Korkut hatte man deutlich weniger Ballbesitz als der Gegner. Nur gegen Bielefeld (rund 60 Prozent) und Köln (rund 52 Prozent) war das etwas anders. Korkut legt den Fokus auf die Arbeit gegen den Ball und die daraus entstehenden offensiven Umschaltmomente. Tempo, Reaktionsschnelligkeit und viel Laufarbeit sind dafür entscheidend.

Tayfun Korkuts Probleme kann auch Boateng nicht lösen

Boateng kann das nicht mehr anbieten. Wann immer er spielt, offenbaren sich die Zeichen der Zeit. Zu sehr scheinen ihn die vielen Verletzungen beeinträchtigt zu haben. Seine Stärken konnte er im bisherigen Saisonverlauf immer dann aufblitzen lassen, wenn das Spiel insgesamt etwas statischer war. Dann brachte er beispielsweise seine Qualitäten im Passspiel ein. Um ihm das dauerhaft zu ermöglichen, bräuchte es aber einen anderen Ansatz - und wohl auch andere Mitspieler, die über mehr Ballsicherheit und Geduld verfügen.

Korkut-Vorgänger Pal Dardai brachte Boateng zudem das eine oder andere Mal in Schlussphasen, um einerseits das Spiel bewusst zu entschleunigen oder gegen den Ball jemanden zu haben, der sich in jeden Zweikampf wirft. Dafür ist der gebürtige Berliner immer noch gut.

Im flachen 4-4-2 offenbarte Hertha zuletzt große Lücken in der Pressingarbeit. Darida, der eigentlich der Dreh- und Angelpunkt des Spiels sein soll, scheint dieser Aufgabe nicht ausreichend gewachsen zu sein. Auch, weil er nicht der klassische Anker-Sechser ist, der mit und ohne Ball für Stabilität sorgt.

Auch Boateng wird keine Führungsspieler aus dem Hut zaubern

Ein Boateng in Topform wäre das auch nicht, aber er könnte mit all seiner Erfahrung dafür sorgen, dass Lücken wie vor dem 1:0 der Kölner am vergangenen Wochenende nicht entstehen. Denn auch wenn die Abwehrkette beim Pass in die Tiefe nicht gut aussieht, so war es zu Teilen auch die Verantwortung der Mittelfeldspieler, die zu spät herausrückten, um den Passgeber zu stören.

In solchen Momenten werden Abstimmungs- und Kommunikationsprobleme deutlich, die Boateng beheben könnte. Wenn er denn die Form hätte, um regelmäßig auf dem Platz zu stehen. Aber die hat er eben nicht. Seinem fiktiven Pendant Roy Kent gelingt es in der Serie "Ted Lasso", seine Situation irgendwann zu akzeptieren und anderen dazu zu verhelfen, seine Rolle als Führungsspieler auf dem Platz zu übernehmen. An dieser Stelle gehen Fiktion und Realität aber womöglich doch weit auseinander.

Wenn einem Kader die Spielertypen fehlen, die für eine solche Übergabe prädestiniert wären, dann bleibt Boatengs Einfluss nun einmal begrenzt. Auch er wird einen Darida nicht mehr zum Anführer machen.

Führt Boatengs Weg auf die Trainerbank?

Und so liegen Herthas Probleme letztlich ganz woanders. Dass Boateng, der aus der zweiten italienischen Liga nach Berlin wechselte, nicht mehr in der Lage dazu sein wird, den schweren Rucksack der Hertha alleine zu tragen, war absehbar. Vielleicht wurde sein Einfluss von der Bank aus auch überschätzt.

Bobics große Aufgabe für die kommenden Transferperioden wird es jedenfalls sein, dem Kader wieder mehr Spieler zu verschaffen, die beides können: Verantwortung auf und neben dem Platz übernehmen. Es war klar, dass Bobic diese Herausforderung nicht innerhalb eines Jahres meistern würde. Wenn die großen Hoffnungen auf Stabilität durch einen 34-Jährigen am Leben gehalten werden, der längst über seinem Zenit ist, zeigen sich aber die Sorgen, die Hertha in der Kaderplanung hat.

In "Ted Lasso" bleibt Roy Kent seiner Mannschaft schließlich als Co-Trainer erhalten. Vielleicht ist das auch ein baldiger Karriereweg für Boateng, der seiner Hertha schon jetzt viel mehr mit Ausstrahlung und Erfahrung hilft als mit sportlichen Leistungen. Immerhin würde dann der Erwartungsdruck an den Fußballer wegfallen und der Mensch Boateng stünde mehr im Fokus.

Kevin-Prince Boateng: Leistungsdaten in dieser Saison

WettbewerbSpieleToreAssistsEinsatzminuten
Bundesliga12--387
DFB-Pokal1--60
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