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Fussball

Fußball-Kolumne: Darum geht Christian Streich niemals zum FC Bayern

Christian Streich feiert im Dezember sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Chefcoach des SC Freiburg.

Christian Streich steht kurz vor seinem zehnjährigen Jubiläum als Trainer des SC Freiburg auf dem Höhepunkt des Erfolgs und fährt als ungeschlagener Tabellendritter zum Spitzenspiel beim FC Bayern. Bei all den Lobeshymnen findet man nur wenige kritische Stimmen, die ihn für einen "unfairen Schauspieler" halten. Die Fußball-Kolumne.

Christian Streich hat keine großen Spuren hinterlassen in der südbadischen Heimat. Die Spvgg Märkt-Eimeldingen, wo er Anfang der 1970er Jahre mit dem Fußballspielen begann, musste die erste Herrenmannschaft diese Saison aufgrund der "schlechten Gesamtsituation" sogar vom Spielbetrieb abmelden.

Die einstige "Landmetzgerei Streich" im Ortszentrum von Eimeldingen im Landkreis Lörrach, in der der heute prominente Metzgerssohn damals tatkräftig mithelfen musste, wurde bereits 1992 mangels familiärer Nachfolge verkauft und heißt seitdem Landmetzgerei Senn.

Auch auf der Website des 2500-Einwohner-Ortes im Markgräfler Land findet man nichts zum bekanntesten Sohn, und als Christian Streich Ende 2017 vom Fachmagazin kicker als Mann des Jahres ausgezeichnet wurde, erklärte sich der hocherfreute Bürgermeister Oliver Friebolin zum "Nicht-Fußballexperten".

Freiburg-Coach Christian Streich: ein "typischer Markgräfler"

Zumindest einen hat die Oberbadische Zeitung seinerzeit aber noch gefunden, der sich sowohl im Fußball, als auch bei der Person Christian Streich auskannte: Dessen Großcousin Christoph Huber, der gemeinsam mit dem Nachbarsjungen aufgewachsen ist und bei der Spvgg gespielt hat. Er bezeichnet Streich als "typischen Markgräfler". Was das genau bedeutet? "Das ist eine besondere Art und Weise des Charakters", sagt Huber jetzt im Gespräch mit SPOX und Goal über Streich: "Er ist unverstellt, offen, ehrlich und sagt seine Meinung."

Dieser Feststellung würde bei Christian Streich wohl niemand widersprechen. Denn der 56-Jährige meldet sich in seinem unverkennbaren badisch-alemannischen Dialekt immer wieder zu Wort, auch und gerade abseits des Sports. Zum Beispiel zur Flüchtlingsproblematik, zur Ausländerfeindlichkeit, zum Erstarken der AfD, zur Impfdebatte oder jüngst zum umstrittenen Besitzerwechsel bei Newcastle United.

Die Sorge, dass man ihn als Dampfplauderer kritisieren würde, muss Streich dennoch nicht haben. Zum einen, weil er selten selbst die Öffentlichkeit sucht neben den verpflichtenden Pressekonferenzen beim SC Freiburg. Zum anderen kann ihm niemand vorwerfen, er solle sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren. Denn auf dem Platz ist der Sport-Club so erfolgreich wie lange nicht.

SC Freiburg: Zu 87 Prozent in der Champions League

Als Tabellendritter reisen die als einziger Bundesligist noch ungeschlagenen Breisgauer zum Spitzenspiel am Samstag beim FC Bayern (15.30 Uhr im LIVETICKER). Statistisch gesehen, hat der kicker errechnet, liegt die Wahrscheinlichkeit der erstmaligen Teilnahme an der Champions League in der nächsten Saison bei 87 Prozent, die auf den Meistertitel bei immerhin 42 Prozent.

Noch höher ist die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt, nach wie vor das erklärte Saisonziel. Und auch wirtschaftlich steht der SC unter Streich glänzend da angesichts eines Transferüberschusses in seiner Amtszeit seit 2012 von mehr als 70 Millionen Euro und einer Steigerung von Gewinn, Eigenkapital und Umsatz nach der vergangenen Saison - Corona zum Trotz.

Dass er inzwischen als Personifizierung des Freiburger Erfolgsmodells gilt, hätte der in Weil am Rhein direkt an der Schweizer Grenze geborene Streich zu Beginn seiner Karriere wohl selbst kaum für möglich gehalten. Als Spieler brachte es der Linksfuß, der sich kürzlich als fußballerischen "Holzbock" beschrieb, gerade mal auf 64 Zweitliga- und zehn Bundesligaspiele.

Ex-Trainer über Spieler Streich: "Bist a lang­same Schnecke"

Das war beim FC Homburg, mit dem er 1989 ins Oberhaus aufgestiegen war. Doch das Urteil seines damaligen Coaches Slobodan Cendic fiel laut des Magazins 11Freunde wenig schmeichelhaft aus: "Bist a lang­same Schnecke und hast dünne Beine. Geh nach Hause und mach anstän­digen Beruf."

Gesagt, getan: Der gelernte Industriekaufmann beendete 1990 seine Profikarriere, machte das Abitur nach und studierte Germanistik, Sport und Geschichte an der Uni Freiburg. Parallel dazu spielte Streich, der in einer WG zusammen mit dem heutigen SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach lebte, noch vier Jahre in der Oberliga Baden-Württemberg beim Freiburger FC, wo auch seine Senioren-Karriere 1983 begonnen hatte.

Zu dieser Zeit war der FFC der bedeutendere Verein in der 230.000-Einwohner-Stadt, beim bis zum überraschenden Bundesliga-Aufstieg 1993 unter Volker Finke weniger wichtigen Sport-Club hatte Streich nur eine Saison gespielt, 1987/88 unter anderem mit dem damaligen Torjäger Jogi Löw.

Deutscher Meister mit den Freiburger A-Junioren

Trotzdem fragte er den langjährigen SC-Präsident Achim Stocker 1995 nach einem Job im Nachwuchs und dieser beschied ihn, er könne "mal in der C-Jugend vorbeischauen". Wenig später übernahm Streich dann die A-Junioren und feierte dort im Laufe der kommenden Jahre beachtliche Erfolge: 2006, 2009 und 2011 gewannen die Badener mit ihm als Coach den DFB-Junioren-Vereinspokal und 2008 beinah sensationell die deutsche A-Jugendmeisterschaft.

Robin Dutt, der Finke 2007 nach 16 Jahren abgelöst hatte, machte Streich zusätzlich zum Co-Trainer bei den Profis, was er auch unter Nachfolger Marcus Sorg 2011/12 blieb. Als sich die Freiburger dann nach verkorkster Hinrunde im Dezember vom heutigen DFB-Coach trennten, lehnte Streich zunächst zweimal die angebotene Rolle als Cheftrainer ab.

"Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht machen kann, weil ich es nicht aushalte", erklärte er 2012 der Basler TagesWoche. "Ich habe mir ausgemalt: diese Verantwortung, was passiert, wenn wir nicht gut kicken, erste oder zweite Liga, die Zerreißprobe, die Arbeitsplätze. Ich kenne ja jeden, der im Verein ist. Ich glaubte, dieser Verantwortung nicht gerecht werden zu können."

Sein Meinungsumschwung hing maßgeblich mit dem von Finke schon Ende der 90er vor fast allen anderen Vereinen ins Leben gerufenen Nachwuchsleistungszentrum zusammen: "Ein neuer Trainer hätte neue Leute mitgebracht, und wir dürfen eines nicht vergessen: Wir haben eine Fußballschule, und das ist wahnsinnig wichtig für den SC Freiburg. Die Frage war: Wie verbinden wir das? Das stand auf dem Spiel."

Zehn Jahre könne er sich aber nicht vorstellen, den kräftezehrenden Job zu machen, erklärte der oft als Workaholic bezeichnete Streich nach der Beförderung Ende Dezember 2011 - nächsten Monat wird er nun genau dieses Jubiläum begehen und damit weiter den Abstand auf den 16 Jahre beim SC tätigen Rekordtrainer Finke weiter verkürzen.

Freiburg unter Streich eine einzige Positivgeschichte

Aus sportlicher Sicht ist die zurückliegende Dekade fast durchgängig eine Positivgeschichte angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen beim selbst ernannten Ausbildungsverein. Zunächst führte Streich die Freiburger beinahe sensationell zur Rettung und ein Jahr später sogar in die Europa League. Einziger Schönheitsfehler bleibt der Abstieg 2015, der aber prompt als Zweitligameister im Jahr darauf wettgemacht wurde.

Seitdem haben sich die Badener fest im Oberhaus etabliert, zudem zahlreiche Spieler aus dem eigenen Nachwuchs integriert - aktuell sind es zwölf im Profikader - und stehen für einen gepflegten Offensivfußball. "Wir arbeiten weniger gegen und mehr mit dem Ball. Im Grundsatz wollen wir immer agieren, wollen mitkicken, wollen vorne draufgehen", hatte Streich schon kurz nach der Amtsübernahme seine und die Idee der Freiburger Fußballschule beschrieben.

Inzwischen ist Streich so etwas wie Everybodys Darling im deutschen Fußball geworden, sowohl bei Kritikern der Kommerzialisierung als auch bei Hardcorefans bis hin zu Trainern und Funktionären aus der Bundesliga einschließlich Uli Hoeneß ("Den liebe ich"). Ganz abgesehen von den durchgängigen Lobeshymnen in nahezu allen Medien. "Der deutsche Fußball hat eine neue Lichtgestalt", schrieb beispielsweise die Welt 2017.

Streich-Kritiker gibt es auch: "Unverschämt, brutal, respektlos"

Und dennoch finden sich unter all den Jubelarien auch noch einige, wenngleich wenige Kritiker. Etwa den ehemaligen Nürnberger und Bochumer Trainer Gertjan Verbeek, der Streich schon 2014 massiv für dessen Verhalten in der Coachingzone attackiert hatte. "Wenn man sieht, wie der Trainer mich beschimpft hat, das ist unverschämt, brutal, respektlos", sagte der Niederländer damals.

Auch wenn Streich die Angriffe vehement zurückwies, so gibt es bis heute immer wieder Scharmützel am Spielfeldrand mit der gegnerischen Bank oder dem vierten Schiedsrichter. 2015 etwa wurde er vom DFB-Sportgericht mit einer Geldstrafe belegt, weil er Verantwortliche der TSG Hoffenheim als "Schweine" bezeichnet hatte. "Am Spielfeldrand wirkt er eher wie Rumpelstilzchen. Streich ist immer noch ein Irrwisch an der Linie, er brüllt, gestikuliert, man macht sich Sorgen um seinen Blutdruck, wenn man ihn so sieht", urteilte die FAZ vor Jahren - daran hat sich nichts geändert.

Doch irgendwie werden die Verhaltensauffälligkeiten als Teil des "Kulttrainers" Streich akzeptiert, zumal er sich meistens relativ schnell danach entschuldigt, wenn er wieder mal übertrieben hat. Manche allerdings sehen Streichs Benehmen nach wie vor mit Argwohn, wenngleich sie das nicht öffentlich sagen wollen.

"Verbeek hatte damals Recht", erklärt ein Trainer, der ihn noch aus Jugendzeiten kennt. "Streich ist ein sehr guter Coach, aber nicht fair an der Linie. Er geht voll auf die Kollegen. Doch er ist ein großer Schauspieler und alle Journalisten fallen darauf rein."

Was auch daran liegen könnte, dass Streich in seinem badischen Biotop in relativer Ruhe schalten und walten kann, wie er will. Im Verein liegt man dem Heilsbringer aus nachvollziehbaren Gründen zu Füßen und medial herrscht in der boulevardfreien Schwarzwald-Metropole ebenfalls ein eher freundliches Klima. Gerade im Vergleich zur deutlich aggressiveren Presselandschaft bei den meisten Großstadtvereinen.

Streich: Schalke, Gladbach und Bayern waren interessiert

Weil Streich das vermutlich selbst am besten weiß, hat er allen externen Anfragen in den vergangenen Jahren abgesagt. Angesichts seiner bemerkenswerten Arbeit war es wenig verwunderlich, dass Topteams wie Borussia Mönchengladbach, Schalke 04 und angeblich auch Borussia Dortmund konkret über Streich nachgedacht haben. Sogar beim FC Bayern war er 2018 bei der Suche nach einem Nachfolger von Jupp Heynckes ein ernsthaftes Thema. "Ich habe mal eine Zeit lang darüber nachgedacht, ob das nicht einer für uns wäre", gab der damalige FCB-Präsident Uli Hoeneß kürzlich bei Antenne Bayern zu, der darüber auch mit dem ehemaligen SC-Boss Fritz Keller sprach.

Beim einstigen Anhänger des Rekordmeisters ("Ich schäme mich nicht, ich war Bayernfan") landete die Information über das Münchner Interesse allerdings damals nicht, ohnehin kann ihn sich praktisch niemand woanders als in der Heimat vorstellen. Denn Freiburg und Streich kennen sich in- und auswendig, dort akzeptieren sie seine Marotten, seine Sprache und anscheinend auch seine Unzulänglichkeiten. In der Fremde hingegen würde der Alemanne mit seinem Dialekt, seiner unorthodoxen "Markgräfler" Art und seinen emotionalen Ausbrüchen gerade im Misserfolgsfall auf deutlich mehr Gegenwind und auch Unverständnis stoßen.

"Dass ich heute da stehe, wo ich stehe, ist purer Luxus. Es war und ist für mich ein Glücksfall, dass ich beim SC Freiburg anfangen konnte. Und ich bin dankbar, dass ich als Bundesligatrainer in meiner Heimat arbeiten darf. Das ist ein großes Glück", sagte er im Mai der Badischen Zeitung.

"Hat mehrfach Gelegenheit gehabt, wegzugehen"

Daher ist sich sein Großcousin Christoph Huber sicher, dass Streich bleibt, wo er hingehört: "Er hat mehrfach die Gelegenheit gehabt, wegzugehen. Aber das macht er nicht. Weil er woanders nicht so erfolgreich arbeiten kann wie in Freiburg. "

Sollte tatsächlich eines derzeit noch sehr fern erscheinenden Tages der Zeitpunkt für einen Trainerwechsel beim SC kommen, wird man schon eine gütliche Einigung finden - zumal Streich auch auf einem anderen Posten in der sportlichen Leitung oder im Nachwuchsbereich sicher ein Gewinn für den Verein wäre.

Ansonsten erscheint nur der FCB eine realistische Option zu sein - gemeint ist allerdings nicht der FC Bayern, sondern die Schweizer Variante. Denn der FC Basel prägte den fußballbegeisterten jungen Streich am meisten. "In einem Familienbetrieb, wo rund um die Uhr gearbeitet wurde und man nie rauskam, waren die Besuche im Joggeli der Höhepunkt, klar", erzählte er vor Jahren der TagesWoche. "Freiburg gab es damals in meiner Wahrnehmung als Bub nicht. Nur Basel."

Bundesliga: Die obere Tabellenhälfte

PlatzVereinSpieleToreDifferenzPunkte
1.Bayern München1038:102825
2.Borussia Dortmund1027:151224
3.SC Freiburg1017:71022
4.Bayer Leverkusen1023:16717
5.1. FSV Mainz 051014:10416
6.1. FC Union Berlin1015:15016
7.VfL Wolfsburg1011:12-116
8.RB Leipzig1021:101115
9.TSG Hoffenheim1019:15414
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