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Fussball

Tony Mamodaly von der TSG Hoffenheim im Interview: "Du fällst in ein Loch und weißt nicht, woran du dich festhalten sollst"

Von Louis Loeser

Im Alter von 16 Jahren wurde Tony Mamodaly in die Jugend der TSG Hoffenheim geholt und galt als verheißungsvolles Talent. Doch trotz Einladungen zu den U-Nationalmannschaften des DFB schaffte er weder in Hoffenheim noch beim KSC oder bei Dynamo Dresden den Durchbruch.

Während Mamodaly für die Nationalelf seines Vaterlands Madagaskar Länderspiele vor 50.000 Zuschauern bestritt, durfte er in Dresden nur für die Oberliga-Mannschaft auflaufen. Nachdem der Vertrag des gebürtigen Mannheimers bei Dynamo ausgelaufen und ein Wechsel nach Nürnberg am Deadline Day geplatzt war, beendete er seine Spielerkarriere im Alter von 20 Jahren.

In den USA wagte Mamodaly einen Neuanfang, schloss in Miami ein Bachelor-Studium mit 1,0 ab und machte an der renommierten Columbia University sowie der St. Thomas University seinen Master. Heute führt der 30-Jährige eine Beratungsagentur, die gescheiterten europäischen Talenten zu einer zweiten Chance verhilft und ist in Hoffenheim als Head of International Operations tätig.

Im Interview mit SPOX und Goal erklärt Mamodaly, wie er sich aus dem Loch seiner gescheiterten Spielerkarriere befreite und heute seine Erfahrungen an junge Spieler weitergibt. Zudem verrät er, wie ihn die Zeit in den USA als Mensch geprägt hat und welche komplexen Aufgaben seine Rolle bei der TSG umfasst.

Herr Mamodaly, was ist Ihre schönste Erinnerung an Ihre Zeit als aktiver Fußballer?

Tony Mamodaly: Das war das Länderspiel am 5. Oktober 2010 mit der Nationalmannschaft von Madagaskar in der Qualifikation für den Afrika-Cup. Wir haben vor 50.000 Zuschauern gegen Nigeria gespielt und ich durfte nach dem Spiel mein Trikot mit John Obi Mikel tauschen. Das Trikot habe ich noch heute zuhause im Schrank hängen. Vor dem Spiel die Nationalhymne zu hören, war der schönste Moment meiner Karriere.

Wie muss man sich die Länderspielreisen mit Madagaskar vorstellen?

Mamodaly: Deutlich rudimentärer, als man es aus Europa kennt. Es war immer spannend, weil von 23 Spielern 20 aus dem Ausland kamen - zum Großteil aus Frankreich, aber auch Spanien oder England. Ich kam als einziger aus Deutschland. Wir sind meistens zunächst nach Madagaskar gereist, wo es eine große Zusammenkunft gab. Das war fernab von dem, was wir aus Deutschland kennen. Es gab keine Privatjets oder ähnliches, stattdessen flogen wir in der zweiten Klasse.

Wie sind die Bedingungen im Vergleich zu dem, was man in Europa gewohnt ist?

Mamodaly: Die Bedingungen sind sehr schlecht, was vor allem daran liegt, dass die Infrastruktur im Land selbst sehr marode ist. Man kommt von der Hauptstadt kaum in kleinere Städte, weil die Wege sehr schwer zu befahren sind. Madagaskar gehört immer noch zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Da kann man sich vorstellen, dass das wenige Geld nicht in den Fußball investiert wird.

Was hätten Sie damals nach dem Spiel gegen Nigeria gedacht, wenn man Ihnen gesagt hätte, dass Sie bereits im Alter von 20 Jahren Ihre Karriere an den Nagel hängen, zehn Jahre später bei einem Bundesligisten in der Administration arbeiten und eine eigene Agentur führen würden?

Mamodaly: Meine erste Aktion im Spiel war ein Kopfball gegen Danny Shittu. Das war wahrscheinlich so ein Moment, in dem ich dachte, ich bin nicht ganz klar im Kopf. Über ein baldiges Karriereende hätte ich zu diesem Zeitpunkt niemals nachgedacht. Ich glaube, jeder Fußballer kennt das: Während deiner Karriere hast du die Scheuklappen auf. Du schaust weder rechts noch nach links und es zählt nur, wie du am Wochenende erfolgreich sein oder spielen kannst. Deswegen hätte ich sowas niemals auf dem Schirm gehabt.

Ihre kurze Karriere war geprägt von Rückschlägen. Weder in Hoffenheim noch in Karlsruhe oder Dresden schafften Sie den Durchbruch. Als 20-Jähriger waren Sie vereinslos und ein letzter Wechselversuch nach Nürnberg platzte am Deadline Day. Wann haben Sie realisiert, dass der Traum von der Profikarriere geplatzt ist?

Mamodaly: Der Gedanke kam schleichend. Wenn du aus der U19 kommst und nicht den Sprung in die erste Mannschaft schaffst, bist du als junger Spieler in dem Wertesystem und der Welt, in der du aufgewachsen bist, gedanklich gescheitert. Nachdem mein geplanter Wechsel vom KSC zum schottischen Erstligisten Dundee United im Sommer 2009 nicht zustande gekommen war, war ich mental bereits in einer Stimmung des Scheiterns. Dann kam ich über Umwege nach Dresden und merkte auch dort, dass ich mich nicht durchsetzen kann. Gleichzeitig war ich aber in der paradoxen Situation, dass es immer wieder Hoffnungsschimmer wie das Länderspiel gegen Nigeria gab. Momente, in denen ich gemerkt habe, dass ich auf diesem Niveau spielen kann. Der Sargnagel war für mich schließlich der gescheiterte Wechsel nach Nürnberg am letzten Tag der Transferperiode im Jahr 2012. Dieser Tag war gleichzeitig der prägendste Moment für meine heutige Karriere, ich habe damals viel gelernt über die Menschen, die im Fußballbusiness arbeiten. Gerade die Berater, mit denen ich zusammenarbeitet hatte, hatten wenig mit Integrität zu tun. Als junger Spieler werden dir Versprechen gemacht, die du in deiner Naivität glaubst, die aber niemals eingehalten werden können. Das war für mich auch einer der Anstöße, eine eigene Agentur zu gründen.

Der Wechsel nach Nürnberg schien bereits in trockenen Tüchern zu sein, doch Ihr Berater kümmerte sich am Deadline Day um einen anderen Klienten und ließ den Deal platzen. Auch davor gab es häufiger Personen, die Ihrer Karriere im Weg gestanden waren. Gab es im Nachhinein mit jemandem eine Aussprache?

Mamodaly: In den Nachwuchsleistungszentren gibt es eine hohe Qualität und es ist aus mathematischer Sicht gar nicht möglich, dass mehr als eine gewisse Anzahl von Spielern den Sprung in den Profibereich schaffen. Das verstand ich damals relativ schnell und vor damaligen Trainern wie Guido Streichsbier, David Wagner oder Markus Kauczinski habe ich den größten Respekt. Deshalb gibt es für mich kein böses Blut. Ganz im Gegenteil: Gerade die drei Genannten waren so fair, dass sie ehrlich zu mir waren. Bis ich 17 Jahre alt war, habe ich parallel Fußball und Handball auf einem hohen Niveau gespielt. Wenn man sich heute ansieht, dass bei Borussia Dortmund drei bis vier 17-Jährige bei den Profis mitspielen, kann man sich vorstellen, dass man nicht das nötige Top-Level erreicht, wenn man in diesem Alter noch zweigleisig fährt.

Welche Entscheidung bereuen Sie im Nachhinein?

Mamodaly: Ich bin großer Fan von Simon Sinek, der die Theorie aufgestellt hat, dass es im Leben zwei Arten von Spielen gibt, die sich in ihrer zeitlichen Begrenzung unterscheiden: Das Finite Game und das Infinite Game. Im Finite Game sind die Spieler, die Dauer und die Regeln bekannt. Außerdem ist bereits früh klar, wer die Gewinner und die Verlierer sind. Im Infinite Game sind die Spieler hingegen unbekannt, die Regeln sind veränderbar und es gibt keinen klaren Endpunkt. Diese beiden Modelle lassen sich auf das Business oder die Politik, aber auch das Leben allgemein beziehen. Wenn ich betrachte, wie ich das Finite Game damals gespielt habe, habe ich verloren. Betrachte ich aber das Infinite Game und sehe meine Erfahrung damals als Vorbereitung für meine heutige Karriere, habe ich jeden Rückschlag und jede negative oder positive Erfahrung gebraucht, um in der Position zu sein, in der ich heute bin.

Und dass Sie das Finite Game Ihrer Profikarriere verloren haben, war Pech?

Mamodaly: Ich gehe zu 100 Prozent in die Eigenverantwortung und bin damit einverstanden, die Schuld bei mir zu suchen, sofern man von Schuld sprechen kann. Hätte ich früher mit dem Handball aufgehört, hätte ich die gleiche kognitive und athletische Grundausbildung gehabt, da sich die beiden Sportarten bis zu einem gewissen Zeitpunkt auch gegenseitig befruchtet haben. Wenn man auf zwei Hochzeiten tanzt, ist es dennoch verständlich, wenn ein Trainer sagt: "Wieso soll ich einen Spieler mitnehmen, der am Freitag nicht beim Training ist, weil er noch etwas anderes macht?" Ein Trainer hat seine eigenen Ziele, für die er die Verantwortung trägt. Ich bin der Überzeugung, dass meine Chancen deutlich höher gewesen wären, wenn ich früher die Reißleine gezogen und mich für den Fußball oder den Handball entschieden hätte. Ob ich den Sprung dann geschafft hätte, sei dahingestellt.

Nach dem geplatzten Wechsel nach Nürnberg waren Sie laut eigener Aussage am Rande der Depression. Wie haben Sie sich nach den immer wiederkehrenden Rückschlägen motiviert?

Mamodaly: Depression ist ein großes Wort und ich habe mich damals bewusst entschieden, es so zu kommunizieren, da ich wusste, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so ging. Ich war zwei oder drei Jahre lang Jugendnationalspieler im Handball, dann Nationalspieler im Fußball. Ich bin jeden Tag zum Training gefahren und habe das Stadion gesehen, in das am Wochenende 30.000 Leute kommen. Und dann war ich plötzlich in einer Situation, in der ich morgens aufgestanden bin und kein übergeordnetes Ziel mehr gesehen habe. Wichtig war für mich und meine heutige Arbeit die Erkenntnis, dass man sich als Spieler in einer Akademie zu 90 Prozent so entwickelt, wie es der Verein möchte. Es ist eine große Verantwortung, die alle Bundesligisten tragen, weil die Jugendlichen mehr Zeit in der Akademie verbringen als zuhause mit ihren Eltern oder in der Schule. Deine Identität wird dir also zu einem Großteil vom Verein gegeben.

Was bedeutete das für Sie im Zuge des Karriereendes?

Mamodaly: Wenn du dich nicht mehr darüber identifizieren kannst, "Tony von der TSG Hoffenheim" oder "Tony, der Nationalspieler" zu sein, fällst du in ein Loch und weißt nicht, woran du dich festhalten sollst. Ich hatte das große Glück, dass mich Christian Demirtas, den ich aus dem VDV-Camp für vertragslose Spieler kannte und der selbst in der Bundesliga gespielt hatte, anrief. Er erkundigte sich nach mir und fragte, ob ich mittlerweile einen Vertrag hätte. Da meinte ich: "Den einzigen Vertrag, den ich habe, ist mein Handyvertrag und ich weiß nicht, wie lange ich den noch bezahlen kann." Er brachte mich dann auf die Idee, in den USA aufs College zu gehen. Wenn dieser Anruf nicht gekommen wäre, weiß ich nicht, ob ich diesen Strohhalm gefunden hätte, an dem ich mich hochziehen konnte.

Waren Sie nach dem Anruf sofort überzeugt, dass Sie in die USA wollen?

Mamodaly: Christian sagte mir, er habe einen Kollegen, der mich nach Miami vermitteln könne. Schon bei Miami hatte ich abgeschaltet und gesagt: "Wann kann ich anfangen?" Aus meiner Sicht war das die letzte Chance, irgendwie etwas aus meinem Talent und meiner Leidenschaft zu machen. Seit ich sechs Jahre alt war, hatte ich das Ziel, Profi zu werden und musste mit 20 damit abschließen. Einen harten Abnabelungsprozess konnte und wollte ich nicht durchmachen, weshalb mir das College-System so die ideale Möglichkeit bot.

Doch auch der Weg in die USA lief nicht reibungslos, da der Collegeverband NCAA Ihren Vertrag in Dresden als Profivertrag bewertete.

Mamodaly: Ich hatte bereits meinen Stipendienvertrag an der Florida Atlantic University, 30 Kilometer außerhalb von Miami, unterschrieben. Ich war gerade aus dem größten Tiefpunkt meiner Karriere gekommen, hatte mich wieder gefangen und war bereit für einen Neustart. Für den 3. August war mein Flug gebucht, doch vier Tage zuvor rief mich mein Coach an, um mir zu mitzuteilen, dass ich "nicht eligible" für die Division 1 bin. Ich verstand überhaupt nicht, was er von mir wollte und sagte: "Kein Problem, wir sehen uns dann sowieso in ein paar Tagen." Er erwiderte: "'Nicht eligible' bedeutet, dass du nicht spielberechtigt bist und dein Stipendienvertrag nichtig ist. Wenn du hier nicht spielen kannst, kann ich dir auch kein Stipendium in Höhe von 40.000 Dollar geben." Führt man sich vor Augen, dass ich bereits beim ausgebliebenen Wechsel nach Nürnberg am Boden lag, war ich jetzt noch eine Etage tiefer. Das wollte ich nicht akzeptieren. Ich hatte gerade auf die Fresse bekommen, doch ich wollte wieder aufstehen und irgendeine Lösung finden, um mich aus dieser Situation zu befreien. Mein Schlupfloch war, dass es mit der NAIA einen kleineren Collegeverband gibt, über den ich an die St. Thomas University in Miami kam. Das hat mich extrem geprägt, weil ich merkte, dass es immer eine Möglichkeit gibt. Man hat immer die Chance auf eine Situation zu reagieren und nicht zu reagieren ist auch eine Entscheidung. Das hat meine Einstellung insofern verändert, als dass ich die Dinge fortan positiver sah - das Glas war immer halbvoll.

Wie ging es weiter?

Mamodaly: Ich kam an eine kleinere Universität mit 3.000 Studenten abseits des Rampenlichts und es interessierte niemanden, wie wir am Wochenende spielten. Für mich war das eine Chance, etwas aus meinem Talent zu machen und meinen Bachelor abzuschließen. Ich kam aus einer Situation der Dankbarkeit und ich denke, das hat mich weit gebracht.

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