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Fussball

Schalke-Legende Youri Mulder im Interview: Klaas-Jan Huntelaar? "Er sah fast aus wie Zlatan Ibrahimovic"

Von Daniel Nutz
Klaas-Jan Huntelaar kehrt zum FC Schalke 04 zurück.

Youri Mulder trug von 1993 bis 2002 das Trikot des FC Schalke 04, ist eine Klublegende und bangt wie alle Königsblauen derzeit um den Verbleib in der Bundesliga. Im Interview mit SPOX und Goal spricht der "Eurofighter" über den neuen Hoffnungsträger Klaas-Jan Huntelaar und wie dessen Entscheidung, ein halbes Jahr vor Karriereende in die Bundesliga zurückzukehren, in der Heimat aufgenommen wird.

Außerdem verrät er, warum ihn der "Hunter" an Zlatan Ibrahimovic erinnert und auf welche Weise der mittlerweile 37-Jährige ihn während seiner Zeit als Twente-Trainer zutiefst beeindruckte.

Herr Mulder, Sie kennen sowohl Ihren Ex-Klub Schalke als auch Klaas-Jan Huntelaar seit seiner Rückkehr in die Eredivisie bestens. Nun soll er im Alter von 37 Jahren helfen, die Knappen vor dem Abstieg zu bewahren. Doch stellt er rein sportlich gesehen noch eine Verstärkung für den Bundesligisten dar?

Youri Mulder: Ja, das denke ich schon. Jede Hilfe kann man aktuell gebrauchen. Wenn man sich die Statistiken anschaut, steht Schalke in Bezug auf die Tormöglichkeiten deutlich besser da, als es die tatsächlich geschossenen Tore vermuten lassen. Das zeigt, dass man im Abschluss Bedarf hat. Ich habe Huntelaar im letzten Jahr oft gesehen und er hat sehr gut getroffen. Sieben Tore in 383 Minuten sprechen für sich. Natürlich ist es eine schwächere Liga, aber er kennt die Bundesliga ja bestens und seine Torgefahr ist nach wie vor unumstritten. In Holland fragen sich die Leute, was er dort will, weil er ein Spielertyp ist, der am stärksten um den Sechzehner herum ist und Schalke den Fokus erstmal auf die Defensive legen wird. Aber diese Leute verstehen auch nicht, was es für ein Schalker Herz bedeutet, Schalke zu helfen.

Was dürfte aktuell konkret in Huntelaars Kopf vorgehen?

Mulder: Das ist für mich das Allerschönste. Ich konnte es schon bei seinem Interview nach dem Spiel gegen Twente in seinen Augen sehen. Er macht es nicht für sich, um sich vielleicht unsterblich zu machen. Er macht es nur, um zu helfen, dass Schalke nicht absteigt. Mit dieser Vereinsliebe kann ich mich auch bestens identifizieren. Wenn dein ehemaliger Verein in solchen Problemen steckt, dann will man gerne helfen.

Und stellt das eigene Ego ohne zu zögern hintenan?

Mulder: Für ihn wäre es einfacher gewesen, bei Ajax zu bleiben. Dort spielt er in einer tollen Mannschaft, schießt gemessen an seiner Einsatzzeit viele Tore, kann noch einmal Meister werden und auch international spielen. Doch das stellt er alles hinten an, um Schalke zu helfen. Das ist eine noble Geste von ihm - aber ich kann es verstehen und würde es genauso machen.

Schalke-Abstieg? Das sagt Legende Mulder

Ist der Mythos Schalke greifbar, um solche Entscheidungen erklären zu können?

Mulder: Es geht um die Menschen in der Region, die alles für den Verein übrig haben und aktuell sehr leiden müssen. Ein Abstieg ist das Schreckensszenario für alle in Gelsenkirchen. Es muss alles getan werden, um das zu verhindern. Wenn man als Schalker dann einen kleinen Teil dazu beitragen kann, überlegt man nicht lange. Genau das macht Huntelaar. Es wird oft übertrieben, wenn es bei Vereinen um Familie geht, aber in diesem Fall fühle ich es einfach. Auch ich muss nun übertreiben und sagen, es ist einfach eine Liebe für den Verein da. Das liegt an den Leuten und an den Fans, das hat nichts mit den Verantwortlichen zu tun. Es geht um die große Gemeinschaft, die aktuell gefährdet ist.

Schalke braucht allerdings schnellstmöglich Ergebnisse. Ist Huntelaar körperlich fit genug, um eine sofortige Hilfe zu sein?

Mulder: Abgesehen von seiner kleinen Wadenverletzung, die ihn zuletzt plagte, sah er in letzter Zeit sehr fit aus. Er sah fast aus wie Zlatan Ibrahimovic! Sehr austrainiert, äußerst ehrgeizig, ist in den Spielen mit einem unglaublichen Willen aufgetreten und vor allem sah er fit wie ein Turnschuh aus. Physisch sehe ich bei ihm keine Probleme.

Was kann eine solche Verpflichtung intern auslösen?

Mulder: Man hat es nach der Ankunft von Sead Kolasinac gegen Hoffenheim beim 4:0-Sieg sehen können. Es gab sofort einen Aufschwung. Die Aufmerksamkeit lag voll und ganz auf ihm und weniger auf dem Rest der Mannschaft, dem es ohnehin an Selbstvertrauen mangelt. Bei Huntelaar wird es ähnlich sein, er bringt frischen Wind in die Truppe und trägt nicht nur Negatives mit sich herum. Mannschaftsintern wird er jemand sein, der die Wahrheit knallhart anspricht. Er ist ein Gewinnertyp.

Wie macht sich das bemerkbar?

Mulder: Ich erinnere mich an ein Spiel, als ich als Twente-Trainer auf Schalke traf. Zur Halbzeit lagen wir 2:0 in Führung. Im zweiten Durchgang hat Klaas-Jan alles in die Hand genommen, um das Spiel noch zu drehen. Er hat im Mittelfeld geackert, seine Mitspieler angemacht und einfach alles gegeben, um den Umschwung zu schaffen. Es ist ihm gelungen, wir haben 2:3 verloren. Solche Spieler braucht man auf dem Platz und in der Kabine - unabhängig von der sportlichen Qualität. Natürlich zählen in der aktuellen Situation hauptsächlich Tore, aber die anderen Faktoren darf man nicht unterschätzen.

Mulder über Zweifel in Holland: "Huntelaar geht es um Schalke"

Wie wird seine Entscheidung in Holland bewertet?

Mulder: Die Presse und auch viele Experten verstehen es nicht, aber sie können den Mythos Schalke auch nicht nachvollziehen. Sie sehen die Situation nur aus seiner Perspektive und fragen, warum er sich diese Aufgabe antut. Er kann ihrer Meinung nach dort nur verlieren, aber darum geht es überhaupt nicht. Es geht ihm nicht um seine Person, es geht darum, Schalke zu helfen.

Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass Huntelaar gemeinsam mit Kolasinac und dem neuen Trainer Christian Gross Schalke doch noch zum Klassenerhalt führen kann?

Mulder: Schalke steigt nicht ab! Dafür haben sie einfach zu gute Spieler wie Suat Serdar oder Amine Harit. Auch Benito Raman gefällt mir. Generell finde ich die Abwehr und die Torhüter nicht so schlecht, wie es oft dargestellt wird. Die Mannschaft hat definitiv Qualität, deshalb ist die Aufgabe nicht unmöglich. Zuletzt fehlte die Einheit auf dem Platz, aber die neuen alten Spieler stellen in dieser Hinsicht natürlich eine große Hilfe dar, denn sie kennen Schalke bestens. Sie werden vorangehen!

Und möglicherweise war es Schalkes einzige Chance.

Mulder: Für Schalke ist es schwierig, aktuell externe Leute von einem Wechsel überzeugen zu können - auch aus finanziellen Gründen. Mario Mandzukic haben sie auch gefragt, doch der forderte viel Geld. Ob er dann die nötige Identifikation mitgebracht hätte, weiß niemand. Das geforderte Geld wäre ohnehin nicht vorhanden gewesen, es brauchte also kreative Lösungen. Spieler mit einem Bezug zu Schalke waren da der richtige Ansatz, lediglich Mesut Özil hätte ich mir noch gewünscht. (lacht)

Youri Mulder im Steckbrief

geboren23. März 1969 in Brüssel (Belgien)
NationalitätNiederlande
PositionMittelstürmer
starker Fußrechts
Stationen als SpielerSDO Bossum Jugend, Ajax II, SDO Bossum, Twente Enschede, FC Schalke 04, De Tubanters
Bundesligaspiele/-tore177/32
Stationen als Co-TrainerTwente Enschede (2007/08), FC Schalke 04 (2008/09), Twente Enschede (2011 - 2015)
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