Fussball

RB Leipzig - Julian Nagelsmann im Interview: "Ich könnte mir vorstellen, Outdoortouren anzubieten"

Von Timon Saatmann
Julian Nagelsmann trainiert seit 2019 RB Leipzig.

Julian Nagelsmann kämpft derzeit mit RB Leipzig um die direkte Qualifikation für die Champions League. Am Freitag tritt er mit den Roten Bullen zum Auftakt des 31. Spieltags in der Bundesliga bei der TSG Hoffenheim an (ab 20.30 Uhr live auf DAZN).

Im Interview mit DAZN und SPOX spricht Nagelsmann über die zuletzt durchwachsenen Leistungen in Heimspielen und erklärt, was den Leipzigern zu einer Spitzenmannschaft wie dem FC Bayern noch fehlt.

Außerdem verrät er, welcher Trainer ihn besonders beeindruckt hat, wie er seine Zukunft als Trainer sieht und wie er die Zeit abseits vom Fußball verbringt.

Herr Nagelsmann, RB Leipzig hat seit der Coronapause in allen drei Heimspielen unentschieden gespielt, die zwei Auswärtsspiele wurden gewonnen. Ist es auswärts gerade leichter?

Julian Nagelsmann: Das wirkt so, wenn man die Ergebnisse sieht. Ich glaube aber, das hat wenig mit Corona zu tun. Grundsätzlich waren wir sehr heimstark in der Hinrunde, das war nicht so verkehrt. In der Rückrunde haben wir schon vor Corona unnötigerweise ein paar Punkte liegenlassen. Eine hundertprozentige Erklärung dafür habe ich noch nicht, wir haben zu Hause in jedem Spiel so viele Chancen, dass wir die Spiele gewinnen könnten. Ich hoffe, dass es in den letzten zwei Heimspielen der Saison anders wird. Wenn wir die gewinnen, wäre die Heimbilanz ganz ordentlich.

Sie waren nach der Vorrunde vier Punkte vor den Bayern, in der Rückrundentabelle sind Sie aktuell Vierter. Wo ist das Problem in der Rückrunde?

Nagelsmann: Es ist für eine junge Mannschaft nicht so einfach, immer an die Grenze gehen zu müssen. Leistungsschwankungen sind bei jungen Spielern normal. Und: Wir müssen in jedem Spiel, in der Champions League, aber auch in der Bundesliga, immer an die Grenze gehen, um erfolgreich zu sein. Das unterscheidet uns schon ein bisschen von Teams wie Dortmund oder Bayern, die in der Liga nicht in jedem Spiel 100 Prozent gehen müssen und trotzdem erfolgreich sind. Wir sind noch nicht so weit und kriegen es noch nicht immer umgesetzt, dass wir auch mal mit angezogener Handbremse Spiele gestalten können. Wenn wir solche Spiele hatten wie Mainz in der Hinrunde, wo wir nach 51 Minuten 7:0 führen, dann ist es trotzdem in den Jungs drin, dass sie bis zum Schluss Vollgas geben. Da fehlt uns noch die Abgeklärtheit, Erfahrung und Souveränität, um Gas rauszunehmen.

Nagelsmann: "Die Delle gibt es eine ganze Weile"

Und das ist schlecht?

Nagelsmann: Das ist auch positiv, weil es heißt, dass die Jungs immer bereit sind, Vollgas zu geben. Aber es wirkt sich eben aus, je länger die Saison geht. Dann kam die Pandemiepause, die für die jungen Spieler auch nicht einfach war. Wenn du 30 bist und deine Familie oder deine Freundin bei dir wohnt und du dein normales Umfeld um dich hast, hat sich für dich während der Pandemie vielleicht nicht so viel verändert. Wenn du aber ein 20-jähriger Franzose oder 20-jähriger Österreicher bist und drei, vier Monate nicht nach Hause und deine Freundin und Familie nicht sehen kannst, dann ist das nicht so einfach. Dann trifft es junge Teams anders als erfahrene.

Vor dem Hinspiel war Ihr Wiedersehen mit Hoffenheim natürlich ein großes Thema. Wie ist es jetzt? Wird es normaler?

Nagelsmann: Es wird normaler, weil keine Zuschauer da sind. Es wäre schon etwas Besonderes gewesen, zum ersten Mal wieder in dem Stadion, in dem ich dreieinhalb Jahre Trainer war, nicht nur zu spielen sondern auch von den Fans empfangen zu werden. Jetzt ist es immer noch einen Tick besonderer als andere Spiele für mich, weil ich die alten Mitarbeiter wiedertreffe, weil ich neun Jahre in der Region war. Aber mit Fans wäre es schon noch was anderes gewesen. Darauf hatte ich mich auch sehr gefreut.

Wir haben vorhin kurz Oliver Mintzlaff getroffen, der meinte, dass nach dem 1:1 gegen Paderborn schon eine kleine Stimmungsdelle zu spüren gewesen war ...

Nagelsmann: Die Delle gibt es schon eine ganze Weile. Wir sind alle ambitioniert und wollen erfolgreich sein und natürlich stehen wir unter Druck, Erfolg haben zu müssen. Der Klub will unbedingt in die Champions League.

Aber die Spieler und Trainer wollen doch auch in die Champions League?

Nagelsmann: Natürlich, ja, das ist unser Anspruch. Und ich gehe fest davon aus, dass wir es schaffen. Ich glaube, dass Leverkusen oder Gladbach gerne mit uns tauschen würden. Wieso reden wir immer vom fünften Platz? Wir sind auf dem dritten Platz und haben alles in eigener Hand.

Nagelsmann: "Die Saison wird schon extrem lang"

Ist es für Sie überhaupt schon greifbar, dass die Champions League irgendwann fortgesetzt werden wird?

Nagelsmann: Ja, durchaus. Natürlich wollen wir nach den guten Auftritten in der Champions League weiterspielen. Aber es ist natürlich schwer zu planen, weil man überhaupt nicht weiß, wann und wie genau es weitergeht. Das ist auch für die UEFA tricky, weil es für jede Liga ein Worst-Case- und Best-Case-Szenario gibt. Für uns wäre ein Turnier Anfang August ungünstig, weil die Saison Ende Juni vorbei ist und wir dann einen ewig langen Übergang von vier Wochen für das nächste Spiel hätten. Für andere Ligen könnte es andererseits sehr schwierig werden, wenn das Turnier Mitte, Ende August stattfinden sollte. Man muss versuchen, Termine zu finden, die es Trainern und Spielern erlauben, auch ein bisschen Urlaub zu machen. Nächste Saison wird ja nicht weniger kompliziert, wenn die Spielzeit später startet, womöglich später aufhört und danach noch eine EM gespielt werden muss. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Sportler auch mal ein bisschen erholen können.

Welche Auswirkungen hätte so ein Champions-League-Turnier im Sommer auf die Vorbereitung auf die nächste Saison und die Kaderplanung?

Nagelsmann: Wenn wir im August spielen, würden wir zwei bis drei Wochen freimachen, uns dann drei Wochen vorbereiten. Das erste Saisonspiel wäre dann in der Champions League, was auch schwierig wäre, weil man wohl keine Testspielgegner finden würde, da diese entweder noch im Ligabetrieb oder schon im Urlaub wären. Es würde dann vielleicht ein internes Testspiel herhalten müssen, um anschließend das Champions-League-Viertelfinale zu spielen. Und auch danach wirst du keinen Urlaub machen können, weil ja womöglich am 11. September die Bundesliaga wieder starten wird. Die Saison wird schon extrem lang - plus dann eine EM! Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, weil wir über eine Branche sprechen, der es grundsätzlich sehr gut geht.

Was würde das Champions-League-Turnier für die Kaderplanung bedeuten? Spielt man womöglich im August mit einem Kader die Champions League zu Ende, der ein ganz anderer ist als der aktuelle?

Nagelsmann: Wenn die Verträge so bleiben, wie sie sind, dürfte ein Spieler, dessen Vertrag am 30.6. endet, rein theoretisch ab dem 1.7. für eine neue Mannschaft spielen. Da ist die FIFA am Zug. Ich persönlich finde die Idee interessant, dass Spieler am 1.7. zu ihren neuen Klubs gehen und dann für die Champions League die gleichen Regeln gelten sollten wie bei Nationalmannschaftsabstellungen. Sprich, dass der neue Klub den betreffenden Spieler für die Champions-League-Spiele an den alten Verein abstellen müsste. Dann könnte es zwar zu wirren Szenarien kommen, aber es wäre für mich sehr seltsam, wenn es zur Situation kommen sollte, dass du plötzlich gegen deinen eigenen Spieler spielst.

Also wäre Ihr Vorschlag, dass Timo Werner, sollte er wechseln, die Champions-League noch für Leipzig zu Ende spielen sollte?

Nagelsmann: Wenn ein Spieler einen Verein verlässt, wäre das für mich eine sinnvolle Lösung, ja.

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