Fussball

Jan Kirchhoffs Kolumne: "Jan Simak, das verkannte Genie"

Von Jan Kirchhoff
Jan Kirchhoff schreibt bei SPOX und Goal eine regelmäßige Kolumne.

Jan Kirchhoff schreibt im zweiten Teil seiner Kolumne bei SPOX und Goal über Jan Simak, der nur im Training zeigte, was er zu leisten im Stande ist.

 

Liebe Fußballfans,

in meiner neuen Kolumne geht es um einen ganz besonderen Fußballer. Um einen genialen Kicker, der nur im Training gezeigt hat, wie gut er eigentlich wirklich war. Um Jan Simak.

Jan ist in meinen Augen ein verkanntes Genie. Als er im Januar 2010 zu uns nach Mainz kam, hat man sofort gesehen, dass er ein Spieler ist, der die Qualität hat, um in der Champions League zu spielen. Das habe ich damals das erste Mal für mich so bewusst wahrgenommen.

Jan hat mich im Training unfassbar beeindruckt. Er hatte eine Qualität, die ich bis dahin noch nicht gesehen hatte, war uns anderen Spielern gefühlt in allen Belangen überlegen. Ballkontrolle, Positionierung, Passspiel, Ballan und -mitnahme, Schusstechnik - bei ihm hat alles gepasst.

Ich kann mich noch gut an eine Szene erinnern, in der wir das Flankenspiel trainiert haben. Das ist eine Übung, bei der es oft zu einem spielerischen Duell zwischen Torhütern und Feldspielern kommt. Die Mannschaft muss dann beispielsweise fünf von 15 Flanken versenken - und das ist schon eine gute Quote -, um keine Liegestütze machen zu müssen. Jan hat die Bälle an diesem Tag von links und rechts mit links und rechts volley und diagonal gegen die Flankenrichtung in die Ecken gehauen. Wir Mitspieler standen nur mit großen Augen und ungläubigen Blicken auf dem Platz und haben uns gefragt: Wie macht er das? Warum kann er das?

Umso erstaunlicher war es, dass das erste DFB-Pokalspiel der Saison 2010/11 sein einziges Startelfspiel der Saison war. In der ersten Runde spielten wir gegen den Berliner AK. Ein Grottenkick, den wir mit Ach und Krach 2:1 gewonnen haben. Nach solchen Partien ist es leider oft so, dass ein Schuldiger gefunden werden muss - und das war in dem Moment eben Jan. Mit diesem Spiel hat er seine Sonderrolle verloren, danach gab es kein Zurück mehr.

Bei Jan war es einerseits jeden Tag eine Freude, ihm im Training zuzuschauen. Andererseits war es auch traurig zu sehen, dass er nicht immer so fokussiert war, um seine Qualität regelmäßig in Pflichtspielen zu zeigen. Man hat gemerkt, dass das Feuer, der Beste zu sein, der man sein kann, bei ihm am Ende seiner langen Karriere nicht mehr so ausgeprägt war, wie es bei anderen Spielern im Kader der Fall war. So zumindest wirkte es auf mich.

Nach dem Spiel gegen den Berliner AK hat Thomas Tuchel Jan also durch Lewis Holtby ersetzt, der deutlich dynamischer und ehrgeiziger war. Letztlich haben diese Eigenschaften gereicht, um Jans fußballerische Qualität zu übertrumpfen.

Man muss dazu sagen, dass die Umstände in Mainz damals besondere waren. Thomas Tuchel als Trainer von all den jungen, ehrgeizigen Spielern, die die Welt einreißen wollten. Da fällt man als 32-Jähriger, der eigentlich keinen Stress mehr haben will, eben ein bisschen ab.

In der Saisonvorbereitung hatte Thomas probiert, Jan seinen Freiraum zu geben, weil er seine fußballerische Qualität gesehen hat. Thomas hat gesagt: 'Ich lass ihn einfach mal machen. Jan muss auch nicht so hart trainieren wie alle anderen. Er soll einfach auf dem Platz stehen und sein Genie zeigen.' Wer Thomas kennt, weiß, dass er solche Sonderrollen nicht gerade gerne verteilt.

Mit Lewis, Andre Schürrle und Adam Szalai haben wir schließlich die ersten sieben Bundesligaspiele gewonnen, waren Tabellenführer und haben selbst die Bayern geschlagen. Rückblickend muss man sagen: Thomas hat es versucht und wenn Jan gegen den Berliner AK performt hätte, würde ich heute vielleicht eine andere Geschichte erzählen.

Die Story zeigt, dass es im Fußball oft auf Kleinigkeiten ankommt. Auf einzelne Spiele oder sogar einzelne Aktionen. All das ändert aber nichts daran, dass Jan für mich immer ein genialer Kicker bleiben wird. Ein verkanntes Genie.

Euer Jan

Jan Kirchhoffs Kolumne, Teil 1: "Gegen ihn zu trainieren bedeutete Schmerzen" - Meine härtesten Gegenspieler

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