Fussball

Rainer Calmund plädiert für Salary Cap: "Vereine müssen Schrauben enger stellen"

Von Dennis Melzer
Rainer Calmund plädiert für einen Salary Cap im Fußball.

Der ehemalige Leverkusen-Manager Reiner Calmund hat sich im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal für eine Gehaltsobergrenze im Fußball ausgesprochen und die wegen der Coronakrise drohenden wirtschaftlichen Auswirkungen mit der Insolvenz der Kirch-Mediengruppe vor 18 Jahren verglichen. Diese sei aus "rein buchhalterischer Sicht schlimmer gewesen".

"Bei den Einnahmequellen im Fußball gestaltet sich das Ganze wie folgt: Quelle Nummer eins ist das Fernsehgeld, Nummer zwei kommt über Werbung rein, dann, an Stelle drei und vier, stehen Sponsorengelder und Zuschauereinnahmen", erklärt Calmund und führt aus: "Davon wurden in dieser Saison bereits 75 Prozent kassiert. Sprich: 25 Prozent könnten wegfallen. Dann müssen die Vereine die Schrauben eben etwas enger stellen."

Generell plädiert der mittlerweile 71-Jährige für eine Gehaltsobergrenze im europäischen Spitzenfußball. "Aus meiner Sicht wäre es richtig, wenn wir im europäischen Fußball einen Salary Cap einführen würden. In vielen US-Sportarten gibt es dieses Modell bereits."

Calmund gab allerdings zu bedenken: "Aber das ist nicht diskussionsfähig, weil die EU-Gesetzgebung eine Deckelung der Gehälter nicht zulässt. Man hat schon vor 18 Jahren behauptet, dass die Blase platzen würde. Aber, wissen Sie was? Sie ist nicht geplatzt, sie hat sich vervielfacht."

Anlass für Calmunds Vorschlag ist die aktuell prekäre Lage, die Informationen des kicker zufolge etliche deutsche Profi-Fußballklubs in die Insolvenz treiben könnte, sollte es zu einem Abbruch der Saison wegen Corona kommen. Insgesamt auf rund 750 Millionen Euro an TV-Geldern und Sponsorenzuwendungen müssten die Vereine nämlich verzichten. Bereits vor 18 Jahren hatte die Bundesliga mit ganz ähnlichen Kalamitäten zu kämpfen: Die Pleite der Kirch-Mediengruppe und der daraus resultierende Wegfall der Fernsehgelder machte den Protagonisten schwer zu schaffen.

Calmund: Coronakrise? Kirch-Pleite "rein buchhalterisch schlimmer"

"Die Kirch-Pleite betraf damals die TV-Gelder für die komplette Saison 2002/03", erinnert sich Calmund und schiebt nach: "Das war ein richtiger Donnerschlag, der Betrag lag bei rund 300 Millionen Euro." Unter heutigen Gesichtspunkten eine vergleichsweise kleine Summe, im Verhältnis aber gravierender als die drohenden Einbußen wegen Corona, wie Calmund deutlich macht. "Rein buchhalterisch und wirtschaftlich war die Krise für den deutschen Fußball damals schlimmer."

Medienmogul Leo Kirch, zu dessen Imperium unter anderem der Pay-TV-Sender Premiere zählte, hatte im Jahr 2000 für drei Milliarden D-Mark die Bundesliga-Rechte bis 2004 erworben. Im Frühling 2002 meldete er Insolvenz und somit Zahlungsunfähigkeit an, was die Liga in große Ungewissheit stürzte.

Als Calmund zu jener Zeit im ZDF-Sportstudio von Moderator Michael Steinbrecher befragt worden sei, habe er erst einmal erklären müssen, was die Kirch-Pleite überhaupt für Deutschlands Beletage bedeutet hätte. "Viele Zuschauer dachten damals vermutlich, Insolvenz sei ein Tanzlokal", scherzt Calmund. Letztlich sei es aber gelungen, den finanziellen GAU abzuwenden, die gute Kooperation zwischen Liga, Politik und TV-Anstalten habe die Krise gelöst, sagt der Ex-Funktionär.

Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison: DFL vertagt Entscheidung

Calmund sei sich natürlich auch im Klaren, dass die Coronakrise mehr Aufmerksamkeit erregt als die Insolvenz des einstigen Rechteinhabers Kirch. "Obwohl wir - Stand jetzt - von 25 und nicht 100 Prozent an Einbußen sprechen, wird die Coronakrise als deutlich schwerwiegender eingestuft als die Situation damals", sagt Calmund. "Weil derzeit nicht nur der Fußball, sondern die komplette Gesellschaft betroffen ist. Ganz besonders der Gesundheits- und Wirtschaftssektor."

Wie und ob es mit der laufenden Bundesliga-Saison weitergeht, steht nach wie vor in den Sternen. Die DFL hatte ursprünglich angekündigt, am Dienstag über die weiteren Schritte zu beraten, vertagte die Sitzung allerdings auf den 23. April. "Ziel der Verschiebung ist es, Klubs und DFL zusätzliche Zeit zur weiteren intensiven Vorbereitung bevorstehender Entscheidungen zu geben", hieß es in einer Pressemitteilung.

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