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Coronavirus - Sportmediziner Prof. Dr. Wilhelm Bloch im Interview: Geisterspiele "werden eher zunehmen als abfallen"

Von JP Wiewer
Muss bald jeder Gast im Stadion auf Corona-Symptome wie hier in der Serie A getestet werden?

Die ersten Geisterspiele in der Bundesliga sind perfekt, darunter das Revierderby zwischen dem BVB und Schalke 04 am kommenden Samstag. Wie viele Spiele ohne Fans drohen in den nächsten Wochen und Monaten? Im Interview mit SPOX und Goal erklärt Prof. Dr. Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln, warum Geisterspiele zunehmen werden und welche Empfehlungen er für Sportler und Fans hat.

Prof. Dr. Wilhelm Bloch trat 2004 am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) eine Professorenstelle für Molekulare und Zelluläre Sportmedizin an. Bis Juni 2016 war Bloch Vorsitzender des Wissenschaftsrats der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention.

Herr Prof. Dr. Bloch, müssen Bundesligaspiele und generell alle Sportveranstaltungen angesichts der Coronakrise aus Ihrer Sicht abgesagt werden?

Prof. Dr. Wilhelm Bloch: Nein, das würde ich nicht sagen. Wo keine Krisengebiete sind, ist es auch nicht nötig, ein Spiel direkt abzusagen.

Warum empfiehlt dann Gesundheitsminister Jens Spahn die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern?

Prof. Dr. Bloch: Dies ist eine reine Vorsichtsmaßnahme für maximale Sicherheit. Das Risiko besteht auch an Bahnhöfen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Risiko ist bei einer Sportveranstaltung also nicht größer. Die Entscheidungsträger müssen aber alle Möglichkeiten abwägen, um die Ausbreitung des Virus so langsam wie möglich zu gestalten.

Reicht das überhaupt? Oder müssen alle größeren Menschenansammlungen zeitweise abgesagt werden - und warum genau?

Prof. Dr. Bloch: Die Frage ist, wie weit dies praktikabel ist, da sich zum Beispiel bereits in einem Zug einiges an Viruslast befindet. Man muss sich aktuell auf einen längeren Prozess des Virus einstellen, da es nicht möglich war, den Virus innerhalb von wenigen Wochen einzudämmen. Die Besonderheit des Virus ist, dass er unglaublich leicht übertragbar und hoch infektiös ist.

Bloch: "Wirtschaftlicher Druck wird über Absagen entscheiden"

Welche Maximalanzahl für Zuschauer würden Sie empfehlen? Müssen zum Beispiel auch Kreisliga-Derbys unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt werden?

Prof. Dr. Bloch: Das ist sehr variabel und kommt auf die Rahmenbedingungen an. In jedem Stadion herrscht das gleiche Risiko, es kommt darauf an, wie nah die Menschen zusammenkommen. Wenn in Dortmund beispielsweise 80.000 Zuschauer auf 2.000 bereits Infizierte treffen, kann sich die Tröpfcheninfektion enorm ausbreiten. Bereits bei einmaligem Niesen ist die Umgebung kontaminiert. Man müsste Personen, die schon Krankheitssymptome besitzen und in die Risikogruppen einzuordnen sind, empfehlen, Besuche bei jeglichen Sportveranstaltungen zu meiden. Man weiß mittlerweile, dass bis zum 40. Lebensjahr das Risiko eines schwerwiegenden Krankheitsverlauf relativ gering ist, wenn man keine zusätzlichen Erkrankungen hat. Ich würde Menschen im hohen Alter mit Grunderkrankungen allgemein raten, Veranstaltungen mit dichten Menschenansammlungen zu meiden. Dies macht mehr Sinn, da ein individueller Schutz für die Gesundheit gewährleistet ist. Herr Spahn muss das gesamte Gesundheitssystem betrachten, um den Virus und den Infektionsverlauf in der Gesellschaft in Kontrolle zu bekommen.

Wie lange wird dies andauern? Gibt es bis Saisonende nur Geisterspiele?

Prof. Dr. Bloch: Das kann aktuell niemand sagen. Es wird davon abhängen, wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Aktuell gibt es noch keinen Abfall der Infektionen: Solange die Zahlen ansteigen, werden diese Maßnahmen eher zunehmen als abfallen. Letztendlich wird ein wirtschaftlicher Druck entstehen, ob man weiter absagen kann oder nicht. Es ist noch kein Ende der Infektionen in Sicht, deshalb ist eine Prognose aktuell unmöglich.

Und in den Sommer gedacht: Sind die Olympischen Spiele und die EM in Gefahr?

Prof. Dr. Bloch: Grundsätzlich ja. Bezüglich der EM wird das Ende April entschieden. Ob die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden, kann ebenfalls aktuell niemand prognostizieren.

Coronavirus: Gefahr für Spieler im Stadion geringer als für Zuschauer

Sollte man jeglichen Mannschaftssport einstellen, wenn man in engen Kontakt kommt?

Prof. Dr. Bloch: Dort wo enger Körperkontakt ist, ist natürlich auch die Gefahr der Ausbreitung des Virus größer. Bei allen jungen Sportlern sehe ich kaum eine gesundheitliche Gefahr, aber die Ausbreitungsgefahr ist natürlich gegeben. Beispielsweise sind 22 Spieler, die in einem mit 50.000 Zuschauern gefüllten Stadion spielen, sicherer als die Zuschauer, die sich auf engem Raum aufhalten.

Haben Sie Empfehlungen für Sportler und Sportfans?

Prof. Dr. Bloch: Allgemeine Hygiene-Maßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen sind sehr hilfreich. Ansonsten würde ich allen Sportlern aus Selbstschutz empfehlen, möglichst Außenkontakt zu vermeiden. Die große Tour durch die Fangemeinde oder Abklatschen macht derzeit wenig Sinn, das ist für Sportler ein unnötiges Risiko.

Die NBA hat beispielsweise Abklatschen schon verboten. Wäre dies auch sinnvoll für die Bundesliga?

Prof. Dr. Bloch: Absolut. Das sind Maßnahmen, die keinen großen Aufwand benötigen, außerdem reduzieren sie ganz einfach das Risiko der Ausbreitung. Zusammenfassend sollten Personen, die im hohen Alter sind und bereits eine Vorerkrankung haben, auf einen Stadionbesuch verzichten.

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