Fussball

Fortuna Düsseldorfs Sportvorstand Lutz Pfannenstiel im Interview: "Ich habe mir von Spielern Geburtsurkunden besorgt"

Von Stefan Zieglmayer
Seit 2019 ist Lutz Pfannenstiel Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf.

Seit 2019 ist Lutz Pfannenstiel als Vorstand Sport beim Bundesligisten Fortuna Düsseldorf tätig. Zuvor bewies der 46-Jährige als Leiter internationale Beziehungen und Scouting bei der TSG Hoffenheim ein gutes Auge für Talente. In der Branche wird er bereits mit erfolgreichen Funktionären wie Fredi Bobic verglichen. Im Interview mit SPOX und Goal verrät er seine Transfer-Philosophie und erzählt von der Entdeckung des heutigen Liverpool-Stars Roberto Firmino.

Der ehemalige Torhüter erklärt auch, warum er sich von Spielern teilweise sogar die Geburtsurkunde besorgt und was Niklas Süle mit Rugby-Legende Jonah Lomu gemeinsam hat. Außerdem erzählt er vom kuriosen Transfer des 18 Jahre alten Kelvin Ofori, der ohne Schuhe in Düsseldorf ankam.

Herr Pfannenstiel, Sie waren zwischen 2011 und 2018 für Bereich internationale Beziehungen und Scouting bei der TSG Hoffenheim verantwortlich. Zuvor hatten Sie als Vereins- und Nationaltrainer in Namibia gearbeitet. Wie wurde 1899 auf Sie aufmerksam?

Lutz Pfannenstiel: Ich stand durch meine Afrika-Erfahrung bei der WM 2010 in Südafrika mehr im Fokus. Außerdem bekam ich während dieser WM beim ZDF die Chance, als TV-Experte zu arbeiten. Alexander Rosen, der damals NLZ-Leiter war, stellte den Kontakt zu Ernst Tanner her, dem damaligen Hoffenheimer Sportchef. Irgendwann vor der Winterpause tauschten wir uns zu dritt aus. Für mich war es eine Grundsatzentscheidung, zu Hoffenheim zu gehen.

Inwiefern?

Pfannenstiel: Mir lagen damals mehrere Angebote als Trainer in Afrika vor. Ich musste entscheiden, ob ich in Deutschland in einem komplett anderen Bereich arbeiten oder im afrikanischen Trainer-Karussell landen will.

Was heißt "afrikanisches Trainer-Karussell"?

Pfannenstiel: Es gibt eine Gruppe von Trainern, die über die Jahre von Land zu Land wechseln. Das ist wie eine Spirale, aus der man schwer wieder herauskommt.

Lutz Pfannenstiel: "Ich hatte Firmino schon vorher gesehen"

Wie gestaltete sich 2010 der Schritt zurück nach Deutschland?

Pfannenstiel: Ich war 20 Jahre lang im Ausland. Ich musste mich erst wieder an Deutschland gewöhnen, an den Umgang, die Kultur, das Umfeld. Das war schon eine Herausforderung. Beruflich war es der ideale Übergang. Ich war zuerst für das internationale Scouting zuständig, vor allem in Südamerika und Afrika, wo ich bereits gute Kontakte hatte.

Einer der ersten Transfers in Ihrer Ära in Hoffenheim war der von Roberto Firmino im Winter 2010/11. Wie ist die TSG auf ihn aufmerksam geworden?

Pfannenstiel: Er wurde uns von der Berater-Agentur ROGON empfohlen. ROGON verfügt über eines der besten Netzwerke in Brasilien. Mit Carlos Eduardo und Luiz Gustavo hatte sie bereits zwei absolute Top-Spieler nach Hoffenheim gebracht. Ich hatte Firmino schon vorher spielen sehen, nur kannte ich seinen Namen nicht.

Erklären Sie.

Pfannenstiel: Roberto spielte genau wie ich in Santa Catarina. Dort sah ich ihn schon als Teenager live. Die Jugendspiele waren meist einen Tag vor unseren. In der Campeonato Catarinense (Staatsmeisterschaft von Santa Catarina, d. Red.) stach er heraus. Nur war ich damals noch kein Scout, sondern Torwart.

Drei Jahre später erfuhren Sie also auch seinen Namen. Wie reagierten Tanner und Co. auf Firmino?

Pfannenstiel: Roberto spielte in keiner Jugendnationalmannschaft. Er war ein unbeschriebenes Blatt, weil er in Brasilien nur beim Zweitligisten Figueirense spielte. Nach der Scouting-Analyse war klar, dass er etwas Besonderes ist. Es war für den Verein ein wichtiger Schritt.

Lutz Pfannenstiel: "Für mich ist Firmino der MVP von Liverpool"

Was macht den Charakter von Firmino so besonders?

Pfannenstiel: Roberto kommt ursprünglich aus dem Nordosten Brasiliens. Maceio ist eine harte Stadt, ein sozialer Brennpunkt. Er hatte Glück, nach Santa Catarina zu kommen. Dort ist alles sehr europäisch, sehr italienisch und deutsch angehaucht. Deshalb war Figurense der perfekte Zwischenschritt für ihn. Trotzdem hatte er die ganz normalen Anlaufschwierigkeiten wie die meisten Südamerikaner. Er kam im Alter von 19 Jahren als schmächtiger Junge nach Hoffenheim, konnte kein Deutsch. Aber in dieser Zeit kam sein spezieller Charakter zum Vorschein. Er arbeitete viel mehr als die meisten, schob immer Extraschichten auf dem Platz oder im Kraftraum und entwickelte sich körperlich brutal schnell weiter. Er hatte den unbedingten Willen.

Firmino spielte dreieinhalb Jahre bei Hoffenheim, schoss 49 Tore und bereitete 36 Treffer vor. Wie nahmen Sie seine Entwicklung wahr?

Pfannenstiel: Er vereinte nach und nach das Beste aus beiden Fußballphilosophien: viel Arbeit gegen den Ball, Disziplin und brasilianische Spielfreude. Er wurde besser und besser. Dass irgendwann der Wechsel zu einem Top-Verein folgen würde, war völlig nachvollziehbar. Dass es dann Liverpool wurde und er später mit Jürgen Klopp einen Trainer bekam, der einen klaren Plan mit ihm verfolgt, ist wie ein Sechser im Lotto. Alle reden immer über die Tore von Sadio Mane und Mohamed Salah, aber für mich ist Firmino der MVP der Mannschaft. Wie er Lücken reißt und mit nach hinten arbeitet - das ist der perfekte Fit.

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