Fussball

Werder Bremen inmitten der Verletztenmisere: Patchwork mit entführten Spielern

Florian Kohfeldt muss derzeit auf beinahe eine gesamte Elf verzichten.

Werder Bremen ist von Verletzungen geplagt und hat nun auch noch den gefährlichsten Stürmer Niclas Füllkrug verloren. Florian Kohfeldt wollte sich nach der 0:3-Niederlage gegen RB Leipzig dennoch nicht beklagen - und hielt am Saisonziel fest.

Etwas angeknockt hatte man Bremen im Spiel gegen RB Leipzig schon erwarten können. Der Eindruck der Verletzung von Niclas Füllkrug war noch frisch, erst am Vortag hatte sich Werders gefährlichster Angreifer eine Minute vor dem Ende des Abschlusstrainings einen Kreuzbandriss zugezogen und damit den vorläufigen Höhepunkt für die massive Verletzungsmisere der letzten Wochen geliefert.

Gegen den Tabellenführer fehlten Ludwig Augustinsson, Fin Bartels, Sebastian Langkamp, Kevin Möhwald, Niklas Moisander, Yuya Osako, Nuri Sahin, Ömer Toprak, Milos Veljkovic und eben Füllkrug - fast genau eine komplette Mannschaft, darunter fast die komplette Viererkette und die beiden bisher besten Scorer. Mit "Patchwork" wäre die Startelf fair beschrieben.

Angeknockt wirkten die Bremer auf dem Feld trotzdem nicht. Die Mentalität stimmte, phasenweise auch der Zug nach vorne, bis zum 0:3 in der 83. Minute steckte Werder nie auf. Mit der Souveränität der Leipziger, speziell im Abschluss, konnte man jedoch nicht mithalten, gerade in der zweiten Hälfte hätte RB sogar noch mehr Tore schießen können, als Werder zunehmend aufmachte.

Florian Kohfeldt: Weder Kritik noch Pathos

"Man muss fairerweise sagen, dass wir bei der Verletztenmisere des Gegners einfach mehr Qualität auf dem Platz hatten", betonte RB-Sportdirektor Markus Krösche, genau wie seine Spieler Willi Orban und Marcel Sabitzer und Julian Nagelsmann zollte er Werder gleichzeitig aber auch Respekt.

Auch Florian Kohfeldt wirkte nach dem Spiel im Gespräch gefasst - nicht begeistert, aber eben auch nicht angeknockt. Man habe die richtige Mentalität gezeigt, ein, zwei Gelegenheiten gehabt, das Spiel in seine Richtung zu kippen, es habe eben nicht geklappt. "Weder Kritik noch übertriebenen Pathos" habe es in seiner Ansprache ans Team nach dem Spiel gegeben.

Einzig beim Thema Füllkrug fuhr seine Stimme hoch. "Jeder, der auf dem Platz war, hat gesehen, da ist was Schlimmes passiert", beschrieb Kohfeldt die Verletzung. "Eine Minute vor Trainingsschluss geht er in einen Zweikampf, bei dem keiner was für kann, und was nichts mit dem zu tun hatte, was er vorher am Knie hatte, gar nichts, und reißt sich das Kreuzband. Und dann liegt er da. Das ist irre."

Florian Kohfeldt: Bei Werder Bremen "wird keiner klagen"

Füllkrug hatte aufgrund eines Knorpelschadens im Knie weite Teile der vorigen Saison bei Hannover 96 verpasst, am 2. Spieltag gegen Hoffenheim spielte er erstmals wieder über 90 Minuten in der Bundesliga und sammelte für Werder bisher drei Scorerpunkte. Nun stehen wieder sechs Monate Reha an.

"Jetzt ist auch Schluss. Jetzt ist vorbei mit dieser ganzen Scheiße. Das war jetzt die Krönung, das war der Höhepunkt, jetzt ist Schluss. Das ist Wahnsinn", sagte Kohfeldt, nun doch ein wenig fassungslos. Für einen kurzen Moment, danach versuchte er, den Blick wieder positiv nach vorne zu richten. "Hier wird keiner klagen", beteuerte der 36-Jährige.

Dafür bleibt den Bremern auch nicht wirklich Zeit. Am Samstag muss Werder nach Dortmund, in der Woche darauf wartet ein Gastspiel in Frankfurt, bevor die nächste Länderspielpause ansteht. Werder braucht diese Pause - abgesehen von Möhwald und Füllkrug könnten danach im Idealfall alle derzeit verletzten Spieler wieder voll belastbar sein.

Werder Bremens Saisonstart: Die Ergebnisse 2019/20

WettbewerbRundeHeimGastErgebnis
DFB-Pokal1DelmenhorstWerder1:6
Bundesliga1WerderDüsseldorf1:3
Bundesliga2HoffenheimWerder3:2
Bundesliga3WerderAugsburg3:2
Bundesliga4Union BerlinWerder1:2
Bundesliga5WerderLeipzig0:3

Luc Ihorst: Aus dem Reserve-Bus entführt

In der Zwischenzeit muss Kohfeldt von Woche zu Woche schauen, wer zurückkehrt, wer wie viele Minuten gehen kann. Gegen Leipzig kehrten Maxi Eggestein und Philipp Bargfrede zurück, auch wenn beide noch nicht bei 100 Prozent waren. Milot Rashica war wieder im Kader, mehr als zehn bis 15 Minuten hätte man ihn jedoch nicht einsetzen wollen, aufgrund des Spielstands blieb er draußen.

Kohfeldt verschaffte dafür dem 20-Jährigen Benjamin Goller sein Startelfdebüt in der Bundesliga, der frühere Schalker war im Spiel nach vorn auch durchaus ein Lichtblick. In der 80. Minute wechselte er zudem erstmals den 19-Jährigen Luc Ihorst ein, der am Vortag noch aus dem Mannschaftsbus von Werder II auf dem Weg nach Havelse heraustelefoniert werden musste.

"Wir haben Konrad [Fünfstück - Trainer 2. Mannschaft, Anm. d. Red.] angerufen, der sicherlich auch mal wieder gedacht hat, ich will ihn verarschen", grinste Kohfeldt. "Der sitzt im Bus und denkt, dass er da wenigstens sicher ist. Luc wurde auf einer Raststätte rausgelassen und dann hat unser Teammanager ihn abgeholt. Ich hoffe, die machen jetzt nicht auf Dauer ihre Handys aus." Es könnte ja sein, dass bald wieder Bedarf besteht.

Keine Opfer-Rolle für Werder Bremen

Dass angesichts der personellen Fluktuation Automatismen verloren gegangen sind, ist offensichtlich. Gerade in der Verteidigung von Standards ist das eklatant, das 0:1 durch Orban war bereits der vierte Gegentreffer nach einer Ecke in dieser Saison. Nahezu alle gelernten Innenverteidiger fehlten zuletzt, natürlich ist auch dadurch Sicherheit verloren gegangen.

"Wir haben derzeit die schwierigste Phase, die ich in meiner Zeit hier erlebt habe, weil wir nichts Verlässliches mehr haben", sagte Kohfeldt. Dennoch sei es viel zu früh, das ursprüngliche Saisonziel Europa League zu korrigieren, auch wenn man angesichts der anstehenden Aufgaben gut und gerne mit nur sechs Punkten nach sieben Spieltagen dastehen könnte.

"Dass die Saison bisher nicht optimal läuft? Es wäre albern, wenn ich da etwas anderes erzählen würde", sagte Kohfeldt. "Aber wie wir mit der Situation umgehen, macht mir Mut, und es wird auch wahrgenommen. Wenn sich bei 0:3 in der 88. Minute das Stadion erhebt und klatscht, dann sind wir hier immer noch auf dem richtigen Weg." Eine Opfer-Rolle will man in Bremen nicht annehmen.

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