"Plötzlich kamen Sitzschalen geflogen"

Markus Pröll hatte immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen
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SPOX: So ist es Ihnen auch in der angesprochenen Saison passiert, als Sie einen Rippenbruch erlitten, der zunächst nicht entdeckt wurde.

Pröll: Das war die schwierigste Zeit meiner Karriere.

SPOX: Was war los?

Pröll: Der Bruch war kein glatter, sondern die Rippe war haarförmig durchbaut und die Teile standen zueinander. Das war, als wenn man einen Bleistift bricht und wieder zusammensetzt. Ich habe alle Untersuchungen gemacht, die man machen kann, von Röntgen über CT über MRT - alles Mögliche. Weil die Rippe auf den Bildern ganz war, hat man das nicht erkannt.

SPOX: Aber Sie hatten trotzdem Schmerzen.

Pröll: Es war unerträglich. Wenn ich mit der Handfläche außen gedrückt habe, ist hinten an der Wirbelsäule eine Art Schmerzballon aufgegangen. Ich habe mein Schmerzbild erklärt, aber man hat nichts gesehen. Jedenfalls war es so, dass ich immer zwei Wochen pausiert habe. Dann bin ich wieder ins Training eingestiegen, nach einem Ball gesprungen, habe keine Luft mehr bekommen und hatte das Gefühl, dass mir jemand ein Messer in die Brust rammt. Also habe ich wieder pausiert. Jemand hat mir gesagt, meine Wirbelsäule sei nicht gerade. Jemand anderes hat vermutet, es sei ein Tumor.

SPOX: Wie sehr hat diese Ungewissheit an Ihnen genagt?

Pröll: Ich habe angefangen, an mir zu zweifeln. Wenn ich nachts über die Stelle gerollt bin, saß ich senkrecht im Bett, weil ich dachte, ich rolle über ein Messer. Ich bin hart im Nehmen, aber mit diesem Schmerz konnte ich nicht umgehen. Schließlich bekam ich den Tipp, eine Szintigrafie zu machen.

SPOX: Was ist das?

Pröll: Es wird ein Mittel gespritzt, das sich überall dort im Körper festsetzt, wo Heilungsprozesse ablaufen. Danach kreist ein Automat um Dich herum, der die entsprechenden Areale anzeigt.

SPOX: Und dabei ist die gebrochene Rippe aufgefallen?

Pröll: Der Arzt sagte, meine zehnte Rippe sei nicht in Ordnung. Er hat sie genauer untersucht und den Bruch festgestellt.

SPOX: Wird man durch so eine Erfahrung demütiger?

Pröll: Ich blicke sowieso mit viel Demut zurück. Ich hätte gerne länger gespielt, aber ich bin in keiner Weise undankbar. Der liebe Gott hat mir die Kraft gegeben, ganz oben zu spielen. Ich sitze heute hier und sage ganz ehrlich: Für höher hätte es nicht gereicht.

SPOX: Selbst ohne die vielen Verletzungen?

Pröll: Wenn mein Charakter ein anderer gewesen und ich nicht so besessen gewesen wäre, hätte ich vielleicht gar nicht so hoch gespielt. Mir war völlig egal, ob da ein Stollen kommt, ich habe mich überall reingeschmissen. Das hat mich dahin gebracht. Wenn ich in der einen oder anderen Situation etwas vorsichtiger gewesen wäre, hätte ich vielleicht mal ans Tor zur A-Nationalmannschaft geklopft. Ich hatte gute Phasen, in denen ich mich über eine Einladung gefreut hätte, aber ich bin hochzufrieden damit, wie alles gelaufen ist.

SPOX: Ihre sportlich erfolgreichste Zeit hatten Sie bei Eintracht Frankfurt. Mit den Fans dort verband Sie ein besonderes Verhältnis. Bei Ihrem Abschied wurden Sie frenetisch gefeiert.

Pröll: Das war sehr emotional. Sie wussten, dass ich immer Vollgas gegeben und mich für die Eintracht zerrissen habe. In diesem Moment habe ich es genossen, dass das von den Fans auch zurückkam. So eine Verbindung gibt es nicht oft.

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SPOX: Zum Abschluss Ihrer Karriere sind Sie noch einmal kurz nach Griechenland gewechselt. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Pröll: Das war insofern eine wichtige Erfahrung, dass man die Bedingungen in Deutschland wieder neu zu schätzen gelernt hat. Organisation, Pünktlichkeit in Gehaltszahlungen, Strukturen, Fans - es war ein ganz anderes Leben dort. Vor allem musstest Du mit sehr viel Gewalt in den Stadien klarkommen.

SPOX: Was haben Sie diesbezüglich erlebt?

Pröll: Während des Spiels gab es Situationen, in denen es fünf Minuten dauerte, bis ein Eckball gespielt werden konnte. Plötzlich kamen Sitzschalen geflogen, dann Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper. Wenn man in Deutschland mitbekommt, weswegen im Stadion Durchsagen gemacht werden, denkt man sich: 'Fahr mal zwei Wochen nach Griechenland, dann siehst Du das ganz anders.' Ich hätte noch ein Jahr in Griechenland bleiben können, aber ich war an dem Punkt, dass es mir die körperlichen Strapazen nicht mehr wert war. Ich habe jahrelang Raubbau an meinem Körper betrieben und es war Zeit für einen Schlussstrich.

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SPOX: Bereits seit 2009 haben Sie Fußballmanagement studiert. Haben Sie während dieser Zeit bereits an Ihr Karriereende gedacht, obwohl Sie erst Ende 20 waren?

Pröll: Mir war immer wichtig, nicht nur als Fußballer abgestempelt zu werden. In mir schlummerte mehr. Ich hatte zuvor ein Fernstudium an der Uni Hagen begonnen, für das ich allerdings nie die nötigen Kapazitäten hatte. Mir fällt nichts in den Schoß. Wenn ich etwas lerne, ist das für mich Arbeit und ich knie mich voll rein. Das war nicht mit dem Fußball zu vereinbaren. Also habe ich Ausschau gehalten, wie ich mich anderweitig weiterbilden kann. Darauf habe ich am IST-Institut in Düsseldorf den Fußballmanager gemacht und sehr ordentlich abgeschlossen.

SPOX: Nach Ihrer Karriere haben Sie sich die Spielerberaterlizenz geholt und Ihre Firma gegründet.

Pröll: Genau. Aber diese Lizenz ist mittlerweile ja gekickt worden. Jetzt kann das jeder machen. Das macht den Markt nicht unbedingt einfacher. Die Beraterbranche steht nicht unbedingt im besten Licht. Aber es muss auch Berater geben, die es seriös machen.

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