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Fussball

Zwei nächste Schritte

Thomas Tuchel hat Borussia Dortmund wieder zurück in die Erfolgsspur geführt
© getty

Borussia Dortmund hat unter Trainer Thomas Tuchel die zweitbeste Hinrunde seiner 106 Jahre alten Vereinsgeschichte gespielt. Tuchel hat die Mannschaft des BVB erfolgreich mit seinen Werten vom Fußball infiziert - und sich damit selbst etwas bewiesen.

"Ich bin froh, wie sich die Mannschaft Tag für Tag entwickelt. Die guten Ergebnisse sind das Resultat einer besonderen Haltung. Wir alle wissen, wie wichtig die täglichen Trainingsinhalte sind. Sie sorgen dafür, dass wir zu einer Gewinner-Mannschaft werden", sagte Thomas Tuchel.

Der Trainer von Borussia Dortmund hatte sich in den letzten Tagen nahezu gesträubt, vorab ein kleines Zwischenfazit seiner ersten fünfeinhalb Monate beim BVB zu ziehen. Die bittere 1:2-Pleite im letzten Spiel des Jahres 2015 gegen den 1. FC Köln sorgte zwar für einen Stimmungsdämpfer, ein bisschen Resümee gab's dann aber also doch noch.

Dass Tuchel nach eigenen Angaben nun eine Gewinner-Mannschaft trainieren würde, hatte sich im Grunde genommen bereits lange im Vorfeld abgezeichnet. Genauer gesagt vor allem während der gesamten Vorsaison. Damals schwebte Tuchel bei zahlreichen Klubs, von Hamburg nach Stuttgart über Leipzig bis Schalke, wie ein Phantom über dem Vereinsheim.

Tuchel: Kann das überhaupt funktionieren?

Jeder wollte ihn unter allen Umständen bekommen, denn es schien vollkommen klar: Tuchel sorgt auf Anhieb für Besserung und beseitigt allen Kummer im Handumdrehen. Doch es gab zu dieser Zeit auch Vorbehalte. Der ehemalige Mainzer Coach sei kein einfacher Kerl, vielmehr ein verkopfter Tüftler, der zum Lachen in den Keller gehe.

Mit diesem Ruf, der sich automatisch verfestigte, den Tuchel mit seiner Vorgehensweise im Sabbatjahr aber auch eigenhändig ein wenig kultivierte, unterschrieb er letztlich beim BVB. Das war die vermeintlich schwerste Aufgabe, die er bekommen konnte. Wer tritt schon freiwillig die Nachfolge des den gesamten Klub seit Jahren überstrahlenden Jürgen Klopp an? Zumal Klopp an Tuchel eine Borussia übergab, die die größte sportliche Delle der letzten Spielzeiten mit in die Sommerpause genommen hatte.

Es war daher schon irgendwo nachvollziehbar, dass zu Tuchels Befugnis als Dortmund-Trainer Fragen aufkamen. Fachlich unbestritten kompetent, aber bislang eben auch nur Übungsleiter beim kleinen FSV aus Mainz. Dazu der Druck des Klopp-Erbes, die Nachwirkungen der vergangenen Saison, der Umgang mit den Stars beim BVB, die geringe Erfahrung in internationalen Wettbewerben - kann das überhaupt funktionieren?

30 Spiele, 22 Siege, 85 Tore

Blickt man nun zum Jahresausklang auf die erste Halbserie unter dem neuen Coach, so hat dieser nichts anderes getan, als Borussia Dortmund wieder in die Erfolgsspur zurückzuführen. Nach 30 Pflichtspielen weist die Bilanz 22 Siege und 85 geschossene Tore aus. Der Verein überwintert mit hervorragender Ausgangslage in allen drei Wettbewerben, hat kaum Verletzte zu beklagen und zahlreiche Spieler wie Pierre-Emerick Aubameyang (27 Treffer, sechs Vorlagen in 27 Pflichtspielen) und Henrikh Mkhitaryan (15 Tore, 16 Vorlagen in 28 Pflichtspielen), die unter Tuchel extrem aufblühen.

Es sind somit gleich zwei nächste Schritte, die Dortmund unter Tuchel gegangen ist. Zum einen die taktische Weiterentwicklung der Mannschaft, die ihre individuellen Fähigkeiten nun in einem auf Ballbesitz und -zirkulation ausgelegten Spielsystem zum Tragen bringt.

Zum anderen hat sich Tuchel bewiesen, dass er wie bereits in der letzten Saison an vielen Standorten vermutet in der Lage ist, auch bei einem großen deutschen Klub schnell zu funktionieren. Ihm gelang es, bei Spielern und Verantwortlichen auf Anhieb mit seinen Werten vom Fußball zu punkten, ja bisweilen sogar zu begeistern.

Platz zwei scheint zementiert

Die Dortmunder Angestellten haben im letzten halben Jahr an zahlreichen Stellen bestätigt, wie bereitwillig sie die Neuerungen aufgenommen haben, die Tuchel in den Verein brachte. Jedwede Skepsis schien im Keim erstickt worden zu sein, da Tuchel seine Beweggründe für die diversen Maßnahmen offenbar mit überzeugenden Argumenten unterfüttern konnte. Beim BVB wird sich seit Sommer anders ernährt, es wird anders regeneriert und anders gespielt - angesichts des großen Klopp-Einflusses der vergangenen sieben Jahre zu diesem frühen Zeitpunkt alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Herausforderer der vier besten Teams des Vorjahres wolle er mit seiner Mannschaft sein, sagte Tuchel bei seinem Amtsantritt. Von dieser Zielsetzung rücken sie beim BVB auch nicht ab, selbst wenn Tabellenplatz zwei mittlerweile beinahe zementiert scheint.

Tuchel sträubt sich gegen die immer wieder aufkeimenden Fragen, ob seine Elf denn nun der Jäger des bärenstarken FC Bayern München sei. Dieses Nachbohren dürfte sich nach der Niederlage in Köln und den damit verbundenen acht Punkten Rückstand auf den Tabellenführer zwar wieder beruhigen, doch Tuchel kann momentan aus ganz anderen Gründen nichts mit diesen Vergleichen anfangen.

Kinderkrankheiten in der Entwicklung

Ihm ist es neben aller mannschafts- und individualtaktischen Entwicklung des Teams enorm wichtig, auch die Mentalität - oder die Haltung, wie er es gerne nennt - seiner Spieler so zu formen, dass Gegner, Tabellenstände oder Wettbewerbe keinerlei Einfluss auf die eigene Herangehensweise haben. Tuchels Mannschaften sollen permanent Lust auf Leistung verkörpern.

Zur Verdeutlichung dieser Thesen bedient er sich auch bei anderen (Einzel-)Sportarten wie Tennis oder Skifahren und sucht dort allgemeingültige Anleihen, die im Fußball sowohl auf den Einzelnen, als auch auf die Gesamtheit übertragbar sind.

Tuchels Ansicht nach benötigt es beim Miteinander eines Profiteams eine gesunde Mixtur aus seinen oft bemühten Vokabeln Haltung, Mentalität, Demut, Bescheidenheit, Fleiß und Beharrlichkeit, um Leistungssport auf höchstem Niveau dauerhaft und vor allem erfolgreich ausüben zu können.

Doch während Trainer und Mannschaft für sich jeweils bereits einen Schritt nach vorne gemacht haben, stecken in der Gesamtentwicklung naturgemäß noch einige Kinderkrankheiten. Sieben Teams kassierten in der Bundesliga weniger Gegentreffer als der BVB, der aktuell bei 23 steht. Der Tabellenletzte aus Hoffenheim hat lediglich zwei Buden mehr hinnehmen müssen.

Rückstände in 13 von 30 Partien

Die überragend aufgelegte Offensive überstrahlte Dortmunds Leistungen schon mehrfach, ein für Konter anfälliges, leicht zu überspielendes defensives Mittelfeld besitzen die Westfalen weiterhin.

In ganzen 13 Begegnungen gerieten die Westfalen unter Tuchel in Rückstand. Manche Male ließ sich Tuchels favorisierte Elf vom Außenseiter ein leidenschaftlich-intensives Vorgehen aufzwängen, das die eigene Spielweise hemmte. Teilweise verlor die Borussia dann komplett den Faden.

Andere Male gab der Truppe selbst eine Führung keine Sicherheit, da anschließend Mut und Zielstrebigkeit in der Offensive abhanden kamen - im Bewusstsein darum, nun etwas verlieren zu können, wie Tuchel bereits mutmaßte.

Tuchel: Kennenlernphase dauert an

Hinzu kommen personelle Auffälligkeiten. Spieler wie die neu verpflichteten Joo-Ho Park, Adnan Januzaj oder auch Jonas Hofmann scheinen Tuchels Ansprüchen langfristig nicht zu genügen, ihre Einsatzzeiten haben sich auf ein Minimum eingependelt.

Wenn auch der Platz für Verbesserungen vermutlich nie ausgehen wird, läuft bereits erstaunlich viel bei Tuchels BVB zusammen. Geht es nach ihm, scheint gerade erst ein winziger Anfang gemacht worden zu sein.

"Niederlagen wie in Köln gehören dazu, um zusammenzuwachsen. Wir sind noch dabei, uns kennenzulernen", meint der Coach.

Wenn sie sich bei Borussia Dortmund eines Tages einmal alle gut genug kennen, sollte man nach den bisherigen Erkenntnissen noch einiges von Tuchels Elf erwarten können.

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