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Fussball

"Passspiel nicht als Selbstzweck"

Frank Wormuth leitet die Trainerausbildung beim DFB und coacht die deutsche U 20
© getty

SPOX: Deutschland spielte trotz der vielen Spieler des FC Bayern nicht den Bayern-Stil unter Pep Guardiola. Es wurde weniger auf Ballbesitz und Kontrolle wertgelegt, dafür nach Ballgewinn schneller der Abschluss gesucht. Sollten sich die Bayern am DFB-Team orientieren, um nicht in der Champions League wieder so überrollt zu werden wie gegen Real Madrid?

Wormuth: Wenn ich jetzt darauf antworte, dann habe ich morgen in irgendeiner anderen Website wieder Pep Guardiola kritisiert oder noch besser, ihm vorgeschlagen, wie er spielen soll. So wie beim letzten Mal, als ich die Bayern im Magazin "Focus" positiv analysiert habe und ein einziger Satz aus dem Zusammenhang herausgerissen worden ist, welcher am Ende zu "Wormuth kritisiert Pep" wurde. Selbst Ihre Leser hatten böse Kommentare für mich übrig, obwohl diese eigentlich wissen müssten, dass ich analysiere und nicht kritisiere. Immerhin habe ich in meinen bisherigen Interviews bei SPOX dieses Feedback erhalten. Wir sind leider in einem Zeitalter, in dem anonyme Beschimpfungen über das Internet Mode geworden sind. Herrschaften, einfach nur lesen, seine eigene Meinung reflektieren und auch dagegen halten. Aber argumentativ und völlig wertfrei. Wir reden über Fußball, der unsere Freizeit füllt und nicht über diesen Typ, der uns gerade die Zeit geklaut hat.

SPOX: Also reden wir weiter über Fußball und bleiben beim Ballbesitz. Der war nicht der Grundsatz vieler Mannschaften. Dafür gab es viele Spiele mit hohem Tempo, hoher Intensität und vielen Umschaltaktionen. Umgangssprachlich würde man wohl vom offenen Schlagabtausch sprechen. Ist diese Spielweise auch in der Bundesliga zu erwarten?

Wormuth: Die konditionellen Voraussetzungen hätten unsere Bundesligisten, aber ich denke, dass diese Art des Spiels kein Trainer gerne sieht. Ein offener Schlagabtausch entsteht fast immer, wenn Räume vorhanden sind, die nach Ballgewinn genutzt werden können. Also gab es bei Ballbesitz kein Nachrücken und Zuordnen des Gegners. Und gesellt sich im Ballbesitzspiel noch ein erhöhtes Passrisiko hinzu, dann geht es immer hin und her. Dem Zufall ist dann Tür und Tor geöffnet. Das kann nicht Ziel eines Trainers sein. Und da unsere Bundesligatrainer alle gut geschult sind, werden sie diesem Spiel abgeneigt sein. Gegen Ende, wenn es um hopp oder top geht, das Risiko aus Zeitgründen erhöht werden muss, dann nehmen Spieler und Trainer diese Spielweise eher in Kauf.

SPOX: Selbst die Holländer spielten unter Van Gaal nicht typisch holländisch, sondern vertrauten auf eine kompakte Defensive und die individuelle Klasse in der Offensive. Dafür hat Van Gaal in mehreren Spielen das System gewechselt und damit Erfolg gehabt. War er der mutigste und modernste Trainer des Turniers?

Wormuth: Solange die Spieler in den Trainingseinheiten damit konfrontiert werden, unabhängig ob in Theorie oder Praxis, und sie dieses Wechselspiel der Systeme auf den Platz übertragen können, sehe ich keinen Grund zu etwas Mutigem. Modern würde ich schon eher sagen, weil diese Form der Veränderungen erst in den letzten Jahren Teil des Gedankenguts der Trainer wurde. Wir in der Trainerausbildung müssen auch mal aus dem Kreis der Normalität heraus, um Gedanken anzuregen. Wir gehen sogar soweit zu fragen, ob es Sinn ergibt, bei Ballgewinn bzw. bei Ballverlust in unterschiedliche Systeme zu gehen. Ein Beispiel: Können wir von einem 5-4-1 in der Defensive zu einem 2-3-2-3 in der Offensive wechseln? Immerhin würde dann der Innenverteidiger zum Sechser, der Zehner zum Neuner werden. Spielen Sie es mal im Geiste durch.

SPOX: Die Entwicklung geht also weiterhin in die Richtung flexibel einsatzbarer Spieler?

Wormuth: Der Schlussgedanke ist in der Tat der, dass es Spieler auf dem Platz geben muss, die verschiedene Positionen in verschiedenen Systemen spielen sollten. Ein Innenverteidiger in der Defensive wird dann zum Sechser in der Offensive. Ein Zehner in der Defensive wird zum Neuner in der Offensive. Hollands Dirk Kuyt hat gegen Mexiko auf drei Positionen in drei unterschiedlichen Systemen mit unterschiedlichen Verhaltensweisen gespielt - am Ende erfolgreich.

Dirk Kuyts Heatmap im Spiel gegen Mexiko

SPOX: Joachim Löw hat im letzten Test vor dem Turnier erstmals auf 4-3-3 umgestellt und Philipp Lahm im Mittelfeld aufgeboten. War dies eine entscheidende Erweiterung des eigenen Repertoires?

Wormuth: Glauben Sie mir, es spielt keine Rolle, ob man 4-3-3 oder 4-2-3-1 spielt. Diese zwei Systeme vermischen sich im Spiel ständig. Wenn wir über Systeme diskutieren, dann unter anderem, ob die Positionen flexibel besetzt sind oder fix. Philipp Lahm wurde immer als Sechser bezeichnet, aber wir haben ihn sehr oft auch im Strafraum gesehen. Dann übernimmt eben ein anderer Spieler diese Position. Und bei genauer Betrachtung hatten wir manchmal zwei oder drei Spieler vor der Viererkette. Wenn alle Spieler bei Ballverlust nach hinten arbeiten, dann spielt die defensive Grundordnung nicht mehr die große Rolle, sondern die Kompaktheit. Und die war in unserem Spiel eine entscheidende Erweiterung der Spielidee. Kompaktheit in Offensive und Defensive - das war auch ein Erfolgsfaktor.

SPOX: Bei Deutschland wurden die Positionen im Mittelfeld und im Angriff recht variabel interpretiert. War diese Flexibilität auch ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen Teams?

Wormuth: Auf dieser Ebene der Leistungsfähigkeit sind es die Kleinigkeiten, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Deshalb war es kein großer Vorteil, aber immerhin die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, den Gegner zu verunsichern, ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Eine hohe Rotation der Spieler bewirkt auch Veränderungen in der Raumstruktur beim Gegner, was wiederum zur Folge hat, dass sich vermehrt Räume für Schnittstellenpässe öffnen und man somit den Ball hinter die Abwehrreihe bringen kann.

SPOX: Am erstaunlichsten im deutschen Spiel war die Viererkette mit vier Innenverteidigern. War das nur der speziellen Situation geschuldet oder ist das ein Modell, das auch in der Bundesliga Schule machen könnte?

Wormuth: Achtung, jetzt kommt eine berühmte Weisheit: Vorne werden die Spiele gewonnen und hinten das Turnier. Wenn die Null steht und man vorne auch noch eine hohe Wahrscheinlichkeit hat, Tore zu erzielen, dann ist man bis zum Schluss dabei. Vier Innenverteidiger in der Kette bedingen aber noch lange nicht, dass das Spiel defensiv gestaltet wird. Fakt ist, dass Auftaktgegner Portugal insbesondere über die Außen durch Ronaldo oder Nani sehr konterstark war. Also hat unser Bundestrainer starke defensive Spieler auf die Außen gestellt. Damit war die Spielidee der Portugiesen zerstört. Als Trainer möchte man dann ein siegreiches Team ungern auseinanderreißen, zumal auch Ghana gut im Konterspiel war. Taktisch der Situation geschuldet und dann als Erfolgsfaktor erkannt, das war der Ablauf. Vielleicht überlegt sich die Bundesliga nun, ob die Bedeutung der offensiven Außenverteidiger in den letzten Jahren überbewertet wurde und stellt um? Warten wir es ab.

SPOX: Als Folge der vier Innenverteidiger war die Stärke der deutschen Mannschaft bei Standardsituationen durch einen oder gar zwei zusätzliche Zielspieler offensichtlich. Auch die zusätzliche Zweikampfstärke wurde immer wieder betont. Wiegen diese Vorteile mehr als die etwaigen Nachteile im Offensivspiel?

Wormuth: Hatten wir bei den Standards mehr Zielspieler oder war es nicht eher die - nennen wir es einmal - Kreativität der Spieler bei der Ausführung der Standards? Müllers Hinfallen gegen Algerien sah lustig aus, hatte aber seinen Sinn. Wäre der Ball über die Mauer gekommen, hätte Müller unbedrängt sein Tor machen können. Die Zweikampfstärke lag auch darin, dass man - wie bereits erwähnt - sowohl in der Offensive als auch in der Defensive kompakt stand, also die Abstände zu den Mitspielern kurz waren. Dadurch erhöht sich die Möglichkeit der Balleroberung. Man fühlt sich als Zweikämpfer sicherer, weil man weiß, dass der Mitspieler dahinter steht und ein Ausspielen kompensiert werden kann. Mehr Sicherheit im Zweikampf bedeutet eben auch ein verbessertes Zweikampfverhalten. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass dadurch weniger Flanken oder eine reduzierte Teilnahme am Passspiel folgte. Man müsste sich einmal die Statistiken anschauen. Ich glaube, dass unsere Nationalmannschaft in den meisten Bereichen sehr gut war.

SPOX: Laut Opta hat Höwedes während des gesamten Turniers nur zwei Flanken geschlagen und nur 36,5 Pässe pro 90 Minuten gespielt. Nicht viel für einen Außenverteidiger...

Die Opta-Statistiken von Benedikt Höwedes bei der WM 2014

Wormuth: Gegenfrage: Wie viele defensive Zweikämpfe hat er gewonnen? Wie viele Angriffe sind über seine Seite erfolgreich gewesen? Höwedes ist Innenverteidiger, der die linke Seite mit seinen Vorderleuten sehr gut zugemacht hat. Seine Aufgabe war, die Defensive im Griff zu haben und in der Offensive soweit wie möglich zu unterstützen. Und das hat er ausreichend gemacht, um Weltmeister zu werden. Respekt vor seiner Leistung auf einer ihm fremden Position. Aber ich verstehe Ihre Frage. Das Anforderungsprofil eines Außenverteidigers ist in den letzten Jahren anders, einfach
ausgedrückt, offensiver geworden. Man hat immer Philipp Lahm im Kopf: hinten gut verteidigen und vorne Aktionen bringen. Wenn ein Innenverteidiger als linker Außenverteidiger beim Weltmeister auflaufen muss, dann stellen sich zwei Fragen, die wir hier aber nicht beantworten müssen. Wo sind die deutschen Außenverteidiger Marke "Lahm" und hat die Außenverteidigerrolle eigentlich die Bedeutung, die wir bisher gesehen haben?

SPOX: Das können wir in einem anderen Interview gerne weiter vertiefen. Aber muss nicht auch die Bedeutung der Standards nach der WM grundsätzlich neu überdacht werden?

Wormuth: Nein. Es war schon immer so, dass Standards Spielverläufe beeinflusst haben und somit bedeutungsvoll waren. Das werden sie auch immer sein. Nicht umsonst haben sich alle Experten im Vorfeld der WM über die mangelnde Verwertung der Standards bei unserem Team beschwert und sich nachher darüber gefreut, dass endlich auch das Training der Standards bei Jogi Löw optimiert worden ist.

Seite 1: Wormuth über die Erkenntnisse der WM und Deutschlands Tiki-Taka

Seite 2: Wormuth über neue Variabilität und die Neubewertung der Außenverteidiger

Seite 3: Wormuth über die Grenzen von Solisten, Dortmunds Raute und Bayerns Dreierkette

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