"Nur die Bayern investieren mehr"

Fredi Bobic wurde im Sommer 2010 Sportdirektor beim VfB Stuttgart
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SPOX: Timo Werner ist nur ein Jahr älter als Ferati und eine feste Größe bei den Profis. Nervt Sie die Aufregung um ihn?

Bobic: Der Hype stört mich weniger, das ist ja in solchen Fällen nichts Neues. Die Hauptsache ist, dass Timo damit cool umgeht. Er ist ein sehr geerdeter Junge, der extrem professionell arbeitet. Uns geht es vor allem darum, den Hype nicht weiter zu überhitzen und den Zirkus nicht mitzumachen. Der Rest wird sich beruhigen.

SPOX: In der Jugend war Werner eine Tormaschine, in der Bundesliga wiederum kommt er über die Flügel. Wie lässt er sich einordnen?

Bobic: Timo ist ein typischer zweiter Stürmer, der am besten mit einem großen Mittelstürmer harmoniert. Wobei er ebenfalls auf den Halbpositionen sehr gut klar kommt und es viel schneller erlernt hat als erwartet, sich in der Bundesliga defensiv gut zu verhalten. Die Position auf dem Flügel bringt ihm sehr viel, weil er dort gezwungen ist, sich taktisch in einer ungewohnten Rolle weiterzuentwickeln.

SPOX: Neben Werner einer der Gewinner: Antonio Rüdiger. Aber es fehlt der letzte Glaube, dass aus ihm ein verlässlicher Innenverteidiger wird. Verstehen Sie die Zweifel?

Bobic: Toni weiß selbst nur zu gut, was er verbessern muss. Er hat den einen oder anderen Aussetzer dabei. Dennoch sind wir felsenfest von ihm überzeugt. Wie er sich trotz der Rückschläge in der ersten Mannschaft festgespielt hat, ist überzeugend. Und ich glaube, dass nicht nur wir, sondern mittelfristig auch die Nationalmannschaft so einen Typen wie ihn gut gebrauchen kann. Jemanden wie ihn gibt es in Deutschland nur sehr selten. Toni kann sehr physisch arbeiten und körperlich sehr stark agieren. Solche Innenverteidiger fehlen uns, daher besitzt er eine tolle Perspektive.

SPOX: Im Gegensatz zu den Genannten verließ Joshua Kimmich den VfB im Sommer und ging für 500.000 Euro zu RB Leipzig, wo er starke Leistungen bringt. Stimmt es, dass Sie ihn 2015 für 750.000 Euro zurückkaufen können?

Bobic: Wir hatten im Sommer ein Überangebot im zentralen Mittelfeld, daher ergab es Sinn, dass er nach Leipzig wechselt. Er macht es dort hervorragend und hinterlässt derzeit einen sehr guten Eindruck. Ein herausragendes Talent, auf dessen Werdegang wir in den nächsten eineinhalb Jahren sehr gespannt sind. Wir beobachten ihn genau und dann werden wir sehen, was wir machen.

SPOX: Wie bewerten Sie die Anstrengungen von RB? Im Winter wurde mit Wolfsburgs Stürmer Federico Palacios-Martinez das nächste deutsche Top-Talent verpflichtet.

Bobic: Ich sehe Leipzig in einigen Jahren in der Bundesliga. Red Bull setzt alle Mittel ein, um das zu erreichen - und sie werden es erreichen. Wenn sie es mit dem Abwerben hier und da übertreiben und es too much wird, dann werde ich es auch zukünftig weiter laut ansprechen.

SPOX: Wäre es legitim, wenn Leipzig im Falle eines Aufstiegs von der DFL die Lizenz für die 2. Liga erhält?

Bobic: In der Frage sollten nicht die Vereine vorpreschen. Es ist die Aufgabe der DFL, sehr genau hinzuschauen, was in Leipzig vor sich geht.

SPOX: Wenn die DFL nichts beanstandet?

Bobic: Ich habe großes Vertrauen in die DFL.

SPOX: Im Gegensatz zu Leipzig gehört Stuttgart zu den Traditionsklubs. In den nächsten Monaten soll allerdings eine grundlegende Modernisierung der Vereinsstruktur eingeleitet werden mit der Ausgliederung des Lizenzspieler-Bereichs. Die Führung wird den Mitgliedern dies empfehlen. Haben Sie keine Befürchtungen, dass es im Chaos endet wie in Hamburg?

Bobic: Die Situation beim HSV wird mir zu negativ gesehen. Es ist doch schon mal positiv, dass sich die Basis auf ein Modell geeinigt hat. Obwohl man nicht sicher weiß, ob dieses Modell bei der finalen Abstimmung durchgeht, war es als Signal wichtig. Bei uns ist die Lage nicht vergleichbar. Wir möchten alle Empfehlungen in Ruhe vorbereiten und den Mitgliedern unsere Ideen vorstellen. Es bringt nichts, so eine wichtige Entscheidung über das Knie zu brechen.

SPOX: Obwohl die letzten Bundesliga-Ergebnisse Sorgen bereiten, strahlt der VfB eine gewisse Ruhe aus. Wie hat sich die Stimmung in der Geschäftsstelle geändert, nachdem mit Bernd Wahler als Präsident und Dr. Jochen Schmidt als Aufsichtsratsboss eine neue Spitze gefunden wurde?

Bobic: Die Atmosphäre ist sehr zielorientiert und sehr leistungsorientiert - aber zugleich sehr angenehm. Wir arbeiten gemeinsam daran, die Marke und den Wiedererkennungswert "VfB Stuttgart" wiederherzustellen. Auch wenn wir aktuell in einer schwierigen Situation stecken: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Seite 1: Bobic über den bisherigen Saisonverlauf und seine Supertalente

Seite 2: Bobic über Timo Werner, Antonio Rüdiger und die Konkurrenz mit RB Leipzig

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