Cookie-Einstellungen
Fussball

Mittelalter und Moderne

Von Stefan Rommel
Der Chef und seine Young Guns: Guardiola (2.v.l.) mit Müller, Alaba und Thiago (v.l.)
© getty

Bayern München hat den Transfersommer genutzt und seine zweite Welle an Führungsspielern überragend verstärkt. Hier enteilen die Münchener der europäischen Konkurrenz mit großen Schritten. Immerhin hat Real Madrid die Fährte aufgenommen.

Es ist schon sehr heiß an diesem Morgen in München, am Trainingsgelände der Bayern an der Säbener Straße spenden die Bäume kaum Schutz vor der potent strahlenden Sonne.

Thiago läuft nicht - er positioniert sich

Trainer Pep Guardiola hat eine Übung vorgestellt, die seine Spieler längst kennen. Aber er hat sie modifiziert. Jetzt erklärt er sie, die Augenbrauen zieht er dabei immer wieder schnell nach oben, die Arme fliegen wild.

In einem Rechteck von ungefähr 15 Metern Länge und zehn Metern Breite stehen sich zwei kleine Teams mit je vier Spielern gegenüber, dazu je ein neutraler Spieler an einer der Kopfseiten des Platzes. Und in der Mitte Thiago Alcantara. Das bewegliche Gelenk, der Zielspieler der jeweils ballführenden Mannschaft.

Kein anderer hat in den kurzen, aber intensiven Durchgängen so viele Ballkontakte wie Thiago. Der Zugang sollte jetzt am meisten laufen, könnte man meinen. Aber er läuft nicht viel, im Prinzip läuft er gar nicht. Er positioniert sich.

Während die acht Spieler des Rechtecks jeweils blitzschnell von Angriff auf Verteidigung und wieder zurück umschalten müssen, schult Thiago das wichtigste Element des modernen Spitzenfußballs: Das schnelle und zielgerichtete Auflösen einer komplexen Drucksituation.

Der ewige Vergleich mit Barcelona

Es ist viel geschrieben worden über Thiago Alcantara in den letzten Wochen. Über seinen Transfer und die Begleitumstände. Dass Pep Guardiola eigentlich keinen Spieler seines Ex-Klubs FC Barcelona nach München locken wollte, dass Peps Bruder Pere zufällig auch der Agent Thiagos ist und der Deal deshalb angeblich ein bisschen anrüchig sei.

Und natürlich: Der Wechsel des begehrten Talents von Barcelona nach München unterstreiche die sportliche Wachablösung im Weltfußball nun auch auf einer anderen Ebene. Die Sommerpause ist an sich keine gute Zeit, um darüber zu diskutieren. Im Mai werden die Trophäen vergeben, damit wäre dann eigentlich alles auch schon gesagt.

Die besondere Konstellation mit den beiden deutschen Mannschaften im Champions-League-Finale und dem bei Barca besten Trainer der Welt, der zu den Bayern wechselt, verlangt aber offenbar nach den immer gleichen Fragen. Und die Spieler antworten brav.

"Die jetzige Periode verbindet man immer noch mit Barcelona. Deshalb werden wir uns auch nicht zufriedengeben und jetzt ausruhen", sagt Philipp Lahm dem "Kicker" und unterstellt seinem Klub damit überraschenderweise, auch in Zukunft erfolgreich sein zu wollen.

Überragende Voraussetzungen

Sein Kollege Bastian Schweinsteiger hat die Katalanen in der kommenden Saison besonders auf dem Schirm, wenn es um den Titel in der Königsklasse geht. "Für mich ist Barcelona der große Favorit", sagt Schweinsteiger und antwortet auf die Frage, ob er Barca weiter als Nummer eins in Europa sehe: "Ich schon."

Die Bayern dürften noch ein paar Jahre benötigen, um sich einen ähnlichen Status zu erarbeiten wie es dem FC Barcelona im letzten Jahrzehnt gelungen ist. Allein: Die Voraussetzungen dafür sind so gut wie schon lange nicht mehr.

Im Kader der Münchener tummeln sich keine zugekauften Spieler, die im Prinzip nur aufgestockt haben, ohne dem Team den großen Qualitätsschub zu bringen. Spieler wie Edson Braafheid, Christian Lell, Alexander Baumjohann, Jose Ernesto Sosa, Jan Schlaudraff oder Takashi Usami.

Der Kader ist exzellent und homogen besetzt und wird in der dritten Reihe durch Spieler aus der eigenen Jugend ergänzt. Darin unterscheidet er sich nicht von Kadern der europäischen Konkurrenz. Aber die Bayern haben spätestens mit diesem Transfer-Sommer die zweite Welle überragend ausgebaut.

Titel erst dank einer gewissen Reife?

Barcelonas Kaderstruktur weist Spieler im fortgeschrittenen Alter auf den Schlüsselpositionen auf. Torhüter Victor Valdes ist 31 Jahre alt, Abwehrchef Carles Puyol ist 35, Spielgestalter Xavi 33 und Andres Iniesta 29. Es gibt Experten, die Spaniens Erfolge auf Klub- und Verbandseben eng verknüpfen mit der "Generation 28".

Demzufolge sei das Höchstmaß an Leistungsfähigkeit und Erfahrung im so genannten besten Fußballeralter erreicht, die Spanier hätten also vor 2008 auf Verbandsebene gar nichts gewinnen können. Ganz von der Hand zu weisen ist die Theorie nicht, oder ist es doch nur ein Zufall, dass die Generation Neuer (27), Lahm (29), Schweinsteiger (28), Robben (29), Ribery (30) jetzt erst den ersten großen internationalen Titel feiert?

Alaba-Thiago-Götze für Schweini-Lahm-Ribery

Die Bayern jedenfalls - und das unterscheidet sie nicht nur vom FC Barcelona - sind für die nahe Zukunft bestens aufgestellt. Mit den Zugängen des Sommers haben die Münchener ihr Durchschnittsalter auf 25,3 gedrückt.

Von den vier Champions-League-Halbfinalisten ist nur Borussia Dortmunds Mannschaft noch jünger. Der BVB hat seinen Schnitt mit 24,9 nochmal ein wenig gedrückt. Real Madrid steht bei 26,0 Jahren, Barcelonas Kader ist im Schnitt 26,7 Jahre alt.

Neben den absoluten Zahlen dürfte den Bayern aber der genauere Blick auf die Anfangzwanziger, die den mittleren Altersabschnitt abdecken, besonders erfreuen. Diese Generation wird es sein, die in ein paar Jahren die Schweinsteiger-Lahm-Ribery-Reihe verdrängen wird.

Das Gute an ihr ist, dass sie ausnahmslos aus Spielern besteht, die jetzt schon entscheidende Positionen innerhalb der Mannschaft einnehmen oder einnehmen werden. Bei den Bayern sind Spieler unterhalb der durchschnittlichen Altersgrenze tragende Säulen - und nicht nur hoffnungsvolle Talente, die herangeführt werden müssen und nur sporadisch Einsatzzeit bekommen.

Fünf Spieler, fünf Hoffnungsträger

David Alaba ist derzeit vielleicht der beste Linksverteidiger der Welt und erst 21 Jahre alt. Alaba hat den von Louis van Gaal eingeschlagenen Weg auf der Position nach einer kurzen Pause verfolgt und sich nach Lahms Rückkehr auf die rechte Seite unentbehrlich gemacht.

Toni Kroos hatte durchwachsene Jahre, startete in der abgelaufenen Saison aber bis zu seiner schweren Verletzung befreit durch. Der mittlerweile 23-Jährige spielt gefühlt schon seit zehn Jahren auf Top-Niveau, gewann schon 2007 den Goldenen Schuh des besten Spielers bei der U-17-Weltmeisterschaft und ein Jahr später die Fritz-Walter-Medaille in Gold.

Thomas Müller spielte die beste Saison seiner Karriere mit 22 Toren und 18 Assists in 46 Pflichtspielen für die Bayern. Vor drei Jahren wurde er Torschützenkönig und zum "Besten Jungen Spieler" der WM in Südafrika gewählt.

Thiago (22) und Mario Götze (21) komplettieren den Kreis. Die Bayern haben den aufregendsten deutschen und spanischen Nachwuchsspieler unter Vertrag. Götze, von halb Europa gejagt und den Bayern 37 Millionen Euro wert, ist neben dem Brasilianer Neymar in seiner Altersklasse wohl der Beste der Welt.

Thiago sollte beim FC Barcelona die Nachfolge der Institution Xavi antreten und wurde bei der U-21-Europameisterschaft zum besten Spieler des Turniers gewählt.

Real Madrid geht einen ähnlichen Weg

Die Anhäufung an jungen, über die Maßen talentierten und dennoch schon erfahrenen Spielern ist mittlerweile nirgends so hoch wie in München. Man kann auf gekünstelte Bedeutungsschwere verzichten, messbar sind derlei Erkenntnisse ohnehin nicht. Gefühlt bewegen sich die Bayern hier aber in einer anderen Liga.

In England oder Italien sucht man eine vergleichbare Konstellation vergeblich und der FC Barcelona wird den unweigerlichen Umbruch etwas holpernder gestalten müssen. Dass jetzt ausgerechnet Real Madrid einen ähnlichen Weg geht, ist umso verblüffender.

Die Königlichen steuern einen Paradigmenwechsel an. Sieben Spieler hat Real bisher verpflichtet oder aus dem eigenen Unterbau nach oben gezogen. Der Älteste von ihnen ist Nacho Fernandez, 23 Jahre alt.

Die restlichen Zugänge Daniel Carvajal, Casemiro, Asier Illarramendi, Isco, Jese und Alvaro Morata sind zwischen 20 und 23 Jahren alt. Eine einzigartige Verjüngungskur in der jüngeren Geschichte des Klubs.

Das ist der FC Bayern München

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung