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Fussball

"Deutschland ist die letzte Enklave"

Von Interview: Haruka Gruber
Max Meyer gelang bei seinem Bundesliga-Debüt für den FC Schalke 04 gleich ein Assist
© imago

SPOX: Der englische Fußball-Verband sieht im Futsal eine Möglichkeit, der darbenden Jugendförderung einen neuen Impuls zu verleihen. "BBC Online" veröffentlichte einen Hintergrund-Artikel mit der Überschrift: "Kann Futsal dabei helfen, einen englischen Lionel Messi zu produzieren?" Verschläft Deutschland einen Trend?

Sassi: Ja. England, ebenso Frankreich, sind spät eingestiegen und können entsprechend im Futsal noch nicht in der Weltspitze sein. Trotzdem wurden in den letzten zehn Jahren die ersten Strukturen gelegt und die nationalen Verbände haben sich klar pro Futsal positioniert. Deutschland ist damit die letzte Enklave, die sich dem Futsal verweigert.

SPOX: Woran liegt das?

Sassi: Vor allem am DFB, der sehr schwerfällig agiert und nicht bereit ist für Innovationen. Aus der Futsal-Szene gibt es einige Konzepte, um eine Entwicklung zu beschleunigen, doch der DFB stoppt viele Initiativen und befasst sich nicht damit. Am deutlichsten wird das beim Thema Futsal-Nationalmannschaft. Wir sind die einzige Top-Fußball-Nation der Welt, die keine eigene Futsal-Nationalmannschaft besitzt. Selbst Andorra und die Faröer-Inseln haben eine. Das gibt's doch nicht! Es gibt Bestrebungen aus dem Futsal, etwas aufzubauen, wobei der DFB alle Bemühungen blockiert, weil nur der Verband dazu autorisiert ist, eine Nationalmannschaft zu offiziellen FIFA-Wettbewerben wie der Futsal-WM zu schicken.

SPOX: Liegt es beim DFB nur an der Bürokratie?

Sassi: Nein, ich glaube, dass die Verantwortlichen auch so zurückhaltend sind, weil ihnen die Vorstellung missfällt, nicht sofort zur Elite zu gehören. Am Anfang würde es empfindliche Niederlagen setzen. Und ich vermute: Genau deswegen will der DFB das nicht. Bloß nicht das Gesicht verlieren, sich bloß nicht blamieren. Dabei muss man irgendwann damit anfangen, Futsal an sich zu fördern. Die Türkei hat erst sehr spät eine Nationalmannschaft gegründet und schaffte es dennoch, sich für die letzte EM zu qualifizieren. Es kann sich also relativ schnell etwas entwickeln.

SPOX: Bei der Verleihung der Fritz-Walter-Medaillen im Herbst 2012, als Meyer als zweitbester U-17-Spieler Deutschlands ausgezeichnet wurde, bekam auf dessen Bitte hin auch der PSV Wesel Fördergelder.

Sassi: Es war das erste Mal, dass Futsal offiziell gewürdigt wurde. Das war Max' Idee und seine ganz bewusste Entscheidung und zeigt seine soziale Komponente. Dabei war er im Kindesalter ein schwieriger Typ auf dem Platz, was allerdings auch daran lag, dass er nie gleichwertige Mitspieler hatte. Er war so viel besser als die anderen. Ich wusste jedoch immer, dass er ein guter Junge ist. Das bewahrheitet sich dann in solchen Momenten.

SPOX: Wie waren die Reaktionen?

Sassi: Die Verantwortlichen waren eher verhalten, die Spieler hingegen alle völlig begeistert. Auch Leon Goretzka, der ja offenbar zu Schalke wechseln und dort mit Max im Mittelfeld spielen soll, kam zu mir und sagte, dass er das total interessant findet.

SPOX: Das war ein erster kleiner Schritt, um Futsal überhaupt ins Rampenlicht zu rücken. Von einem Durchbruch kann aber nicht die Rede sein. Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Sassi: Der Schlüssel sind die Vereine. Im Großraum Paris gab es früher nur fünf, sechs Futsal-Vereine. Dann hat RTL Frankreich mit Zinedine Zidane und dem WM-Team von 1998 ein Futsal-Spiel zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Die Folge war ein Boom. Jetzt gibt es 150 Futsal-Klubs in der gleichen Region. Innerhalb von drei, vier Jahren ist die Szene explodiert. Wir müssen die großen Klubs anfixen. Wenn wir in Deutschland so ein Event hätten, gäbe es auch einen entsprechenden Push.

SPOX: An welche Klubs denken Sie denn?

Sassi: Ich glaube ganz fest daran: Wenn Bayern, Schalke und Dortmund eine feste Futsal-Abteilung etablieren würde, so wie sie Eintracht Frankfurt oder Hertha BSC bereits haben, würde das enorm pushen. Diese Klubs bringen die Fans, das Knowhow und die nötige Professionalität mit.

SPOX: Nehmen wir die Bayern als Marktführer. Können Sie sich vorstellen, dass sie Futsal für sich entdecken?

Sassi: Warum nicht? Die Bayern pushen mit dem Basketball aktuell schon eine Hallensportart und Futsal ist genau in der Mitte von Fußball und Basketball. Dazu haben sie mit Pep Guardiola einen Trainer, der im Futsal groß geworden ist. Er nennt Futsal als Inspiration und hat viele Elemente daraus im Fußball eingeführt. Tiki-Taka wird in Spanien nicht umsonst als "Futsal auf dem Großfeld" bezeichnet. Wenn die Bayern von den 40 Millionen für Javi Martinez zehn Prozent gespart hätten, hätten sie jetzt mehrere kleine Max Meyers in der Jugend.

Max Meyer im Steckbrief

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