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Fussball

Wolken über dem Paradies

Von Haruka Gruber
Die Coface-Arena: Seit diesem Sommer spielt der FSV Mainz 05 im neuen Stadion
© Getty

Im Pokal weiter, in der Bundesliga in der Krise. Und Mainz 05 plagt eine zweite große Sorge: Einige Fans haben sich vom Klub entfremdet, es formiert sich ein Widerstand. Die Vereinsspitze versucht sich in Diplomatie - aber sorgt auch ob der Abstiegsgefahr für Irritationen. Nach vier Heimniederlagen in Folge muss gegen Werder Bremen zuhause endlich wieder ein Erfolgserlebnis her (Sa., 18.15 Uhr im LIVE-TICKER).

Harald Strutz betrat mit hehren Vorsätzen die Mitgliederversammlung seines FSV Mainz 05. Der Abend solle "Fannähe und Authentizität" bieten und dabei helfen, "die Wirtschaftlichkeit des Klubs und die Tradition zusammenzuführen", sagte der Präsident hoffnungsvoll.

Doch die folgenden Ereignisse des 19. September im Kurfürstlichen Schloss von Mainz lösten bei ihm und der FSV-Führung Empörung aus. Die Verlesung der finanziellen Eckdaten wurde von den 305 anwesenden Mitgliedern noch bejubelt, "bis plötzlich die Veranstaltung gnadenlos aus dem Ruder lief", wie es zumindest die "Mainzer Rhein-Zeitung" beobachtete.

Bei der eher nebensächlichen Wahl des vom Vorstand vorgeschlagenen Andreas Krafft ins Präsidium fühlten sich einige der Mitglieder derart übergangen und schlecht informiert, dass es zu einer lautstarken Diskussion kam. Wie es selbst auf der offiziellen Klub-Homepage heißt, reagierte die Spitze um Strutz "ausgesprochen nachdenklich und teilweise sogar sehr emotional" auf die Vorwürfe.

Überregional beachtete zwar kaum jemand diese Episode, trotzdem illustriert sie eine Entwicklung, die dem FSV ähnlich große Sorgen bereitet wie die angespannte sportliche Situation. Analog zum Aufschwung der vergangenen beiden Jahre stieg die Erwartung der Fans nach attraktivem und zugleich erfolgreichem Fußball.

Der Umzug und die Folgen

Eine Erwartung, die die Mannschaft trotz des Weiterkommens im Pokal bei Hannover 96 nach acht sieglosen Bundesliga-Partien und nur zwei Siegen derzeit nur bedingt zu erfüllen imstande ist - was wiederum in Enttäuschung beim mittlerweile nervösen Publikum umschlägt.

Der Umzug aus dem wenig rentablen, dafür gemütlichen Bruchweg-Stadion rein in die Coface-Arena mag wirtschaftlich die einzig sinnvolle Entscheidung gewesen sein, aber es bedingte auch eine gewisse Entfremdung zwischen dem Verein und der Basis.

Es ist ein äußerst diffiziles Thema, bei der die Verantwortlichen auf den Misstand hinweisen wollen, gleichzeitig aber behutsam vorgehen müssen, um keine weiteren Animositäten zu schüren. So beeilte sich Strutz zu betonen, die vier Heimniederlagen in Serie "nicht aufs Stadion zu schieben".

Gleichzeitig sagt er in der "Bild": "Am Bruchweg waren die Fans eine verschworene Gemeinschaft, haben die Mannschaft gepusht, auch wenn es nicht so lief. Jetzt haben wir nicht mehr 20.000 Fans, sondern 14.000 neue dazubekommen. Eine bunt gemischte Gesellschaft. Die 34.000 müssen erst zusammen wachsen. Das braucht Zeit."

Heidel: "Erstmals für Mainz-Fans geschämt"

Aber liegt es tatsächlich nur an der Zeit der Umgewöhnung, warum die Mannschaft nicht mehr so inbrünstig angefeuert wird wie gewohnt?

Die fehlende Unterstützung vor allem bei Rückständen schadet der Mannschaft, die nach den Abgängen von drei Leistungsträgern und dem Formtief der verbleibenden Stützen um jede Hilfe dankbare wäre. Nur: Vom spektakulären Spielstil des letzten Jahres verwöhnt, reagieren einige Zuschauer auf den Absturz des FSV von Platz eins (zweiter Spieltag) auf Platz 15 (zehnter Spieltag) mit Gleichgültigkeit, Ungeduld oder gar Wut.

Schon in der vergangenen Rückrunde wurde vereinzelt gepfiffen, was für Unverständnis bei Trainer Thomas Tuchel gesorgt hatte. "Wir kamen aus dem Niemandsland. In den 90er Jahren haben wir um eine Flutlichtanlage gekämpft, später dann darum, den Bruchweg auszubauen, und jetzt haben wir eine fantastische neue Arena. Dass wir all diese Jahre zusammengehalten und alles gemeinsam durchstanden haben, hat Mainz 05 immer ausgemacht", appelliert Stutz.

Aber: Teils nimmt die Stimmung sogar aggressive Formen an. Bei der Auswärtspartie in Kaiserslautern (1:3) sang eine Fraktion im Mainzer Block: "Fritz Walter ist tot!", was Manager Christian Heidel fassungslos machte: "Ich habe mich erstmals geschämt für Fans von Mainz 05."

Abstiegskampf oder nicht?

Es ist bei weitem zu früh, um sich von der einzigartigen Mainzer Fußball-Kultur zu verabschieden. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass es dem Verein schwerer fällt als gewohnt, seine eigene Linie zu wahren. Das Verhältnis zu den Fans dient als Indiz. Ein weiteres ist die Art und Weise, wie die sportliche Führung mit der Krise umgeht und sich in der Öffentlichkeit positioniert.

Während in der Vergangenheit Strutz, Heidel und Tuchel eine klare gemeinsame Argumentationslinie verfolgten, sorgt das Trio derzeit für gewisse Irritationen. So unterstreicht Heidel wiederholt, dass es "um den Klassenerhalt geht" und das Erreichen dieses Ziels bereits bemerkenswert sei.

Strutz wiederum weigert sich, über den Abstieg zu reden: "Mit solchen Idioten-Parolen setze ich mich nicht auseinander." Ähnlich äußert sich Tuchel: "Ich glaube nicht an das Konstrukt Abstiegskampf." Ohnehin blicke er nach oben und nicht nach unten: "Wir kämpfen kurzfristig um den Anschluss an das Mittelfeld", sagt der Trainer, nur um hinzuzufügen: "Und mittelfristig kämpfen wir um den Klassenerhalt."

Christian Heidel im SPOX-Interview: "Ist dieser Don Heiteli hier?"

Es fehlen 42 Scorer-Punkte

Der Außenstehende bleibt angesichts der widersprüchlichen Signale irritiert zurück. Erst recht, wenn man die mannigfaltigen Erklärungsversuche für die jüngsten Ergebnisse zusammenfasst.

Die Argumente reichen von Nervenflattern beim Abschluss (Strutz) und die mangelnde Cleverness (Torwart Heinz Müller) über die verloren gegangene "Uns-kann-keiner-was"-Attitüde im Team (Heidel) und die vermisste Gier (Tuchel).

Dass es nach den Abgängen von Andre Schürrle (Vorsaison: 15 Tore, 5 Assists), Lewis Holtby (4 Tore, 10 Assists) und Christian Fuchs (8 Assists) schlichtweg an Qualität fehle, widerspricht Tuchel jedoch vehement.

Vor allem die Kritik an der Abwehr mag er nicht hören, obwohl die Faktenlage eindeutig erscheint: Im Vorjahr nahm der FSV die zweitwenigsten Gegentore hin, in dieser Saison kassiert er die viertmeisten.

Tuchel verweist auf Murphy's Law

Trainer Tuchel sagt jedoch: "Ich stelle in Frage, dass wir vorher in der Summe besser verteidigt haben. Wir werden wenig auskombiniert - und was darunter liegt, ist Murphy's Law: Was schiefgehen kann, geht schief. Das müssen wir akzeptieren."

Auch die weitgehend schwachen Vorstellungen der Defensivspieler Nikolce Noveski, Malik Fathi, Bo Svensson und des als Leistungsträger verpflichteten Zdenek Pospech seien kein Grund zur Aufregung: Vieles wäre dem Zufall geschuldet, denn auch im Vorjahr hätte es "krasse individuelle Fehler" gegeben, die nur nicht auffielen, weil sie nicht zu Gegentoren geführt haben, so Tuchel.

Zumindest räumte der Trainer ein, dass die Unsicherheit beim Torabschluss und im Ballvortrag damit zusammenhängen könnte, dass die Neuzugänge für die offensiven Positionen vom Wirken der abgewanderten Schürrle und Holtby erdrückt werden: "Vielleicht manchen sie sich kleiner, als sie sind."

Tiefer blicken ließ Andreas Ivanschitz, der bereits Mitte September Klärungsbedarf einräumte. "Intern müssen wir einiges ansprechen", sagte der Mittelfeldspieler. Es besteht offensichtlich Gesprächsbedarf - und das nicht nur zwischen den Spielern.

Der Kader, die Spiele, die Statistiken: Mainz im Steckbrief

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