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Fussball

Niebaum: "Für den Verein war es besser so"

Von Interview: Andreas Rebmann
Dr. Gerd Niebaum war 18 Jahre lang Präsident von Borussia Dortmund
© Getty

Dr. Gerd Niebaum war 18 Jahre lang Präsident von Borussia Dortmund. In seiner Amtszeit machte er den BVB zur besten Vereinsmannschaft der Welt, führte den Verein allerdings auch beinahe in den Ruin. Niebaum spricht vor dem EL-Auftritt des BVB gegen Paris Saint-Germain (18.45 Uhr im LIVE-TICKER) über die Gründe für die Dortmunder Finanzkrise und persönliche Anfeindungen und erklärt, wie die 50+1-Regelung erfunden wurde.

SPOX: Herr Niebaum, Sie haben 1984 als Vizepräsident zusammen mit Reinhard Rauball einen sogenannten Notvorstand bei Borussia Dortmund gebildet. Wie sind Sie als Anwalt überhaupt zu diesem Amt gekommen?

Dr. Gerd Niebaum: Der Verein befand sich damals in einer Krise. 1984 trat der Vorstand zurück, so dass vom Amtsgericht ein Notvorstand gebildet werden musste. Rauball hat mich angesprochen und gefragt, ob ich in diesen Notvorstand eintreten möchte, da ich auch aus beruflicher Sicht die notwendigen Voraussetzungen mitbrachte. Ich wollte eigentlich gar nicht, aber er hat mich überredet. Er meinte, es wäre doch nur für drei Wochen und man müsse nur kurz in die Bücher gucken. Aus diesen drei Wochen wurden zwei Jahre. Als Rauball 1986 zurücktrat, wollte ich das auch tun, da wir gemeinsam angefangen haben und ich der Meinung war, dass man auch gemeinsam aufhören sollte.

SPOX: Wieso haben Sie dann letztlich als Präsident weitergemacht?

Niebaum: Weil es keinen anderen gab. (lacht) Der Verein war weiterhin nicht auf Rosen gebettet und spielte in der Relegation. Die Mannschaft galt als nicht unbedingt wettbewerbsfähig. Man hat sich damals nicht darum gerissen, Präsident des BVB zu werden. Letztlich habe ich gesagt, nun gut, wenn es keinen anderen gibt, dann mache ich es halt. Dabei war für mich mit entscheidend, dass ich mit Ernst Breer als Vizepräsident einen langjährigen Freund gewinnen konnte, im Präsidium an meiner Seite mitzuwirken.

SPOX: Während Ihrer Amtszeit hat sich der Klub zu einem der besten Vereine in Europa entwickelt. Plötzlich konnte man ganz andere Summen in die Hand nehmen.

Niebaum: Dazu muss ich von ganz vorne anfangen: Ich habe die erfolgreiche Zeit der Borussia in den 1950er und 1960er Jahren als Kind und Jugendlicher hautnah miterlebt. Diese Zeit war geprägt durch drei deutsche Meisterschaften, einen DFB-Pokalsieg und einen Europapokalsieg. 1988 habe ich bei einer Hauptversammlung gesagt, dass es uns gelingen müsste, an diese erfolgreiche Zeit anzuknüpfen und den "Mythos Borussia" wieder voll zur Geltung zu bringen, indem man sich anspruchsvolle Ziele setzt. Am Ende meiner Amtszeit standen dann ebenfalls drei deutsche Meisterschaften, ein DFB-Pokalsieg und ein Europapokalsieg. Das war eine frappierende Wiederholung der Ereignisse. Natürlich hätte ich nicht im Traum damit gerechnet.

SPOX: Was war aus Ihrer Sicht der Hauptgrund für den Erfolg?

Niebaum: Einer der Schlüssel war, endlich Kontinuität auf der Trainerposition zu bekommen. Früher war die Verweildauer eines Dortmund-Trainers kaum länger als eine Saison. Ottmar Hitzfeld war sechs Jahre tätig. Die gesamte Erfolgsgeschichte ist zudem in Etappen zu sehen. Als wir 1989 den Pokal gewonnen haben, waren noch nicht die ganz großen Summen im Spiel. Wir haben zwar den 19-jährigen Andreas Möller für zwei Millionen Mark geholt, das war damals eine ordentliche Stange Geld. Die Rückholaktion der "Italiener" wie Karl-Heinz Riedle, Matthias Sammer, Stefan Reuter oder Jürgen Kohler gelang dank des spektakulären UEFA-Cup-Jahres 1993, wo wir leidenschaftlich bis ins Pokalendspiel gegen Juventus Turin stürmten. Da haben wir den gesamten Fernsehtopf leer gemacht und dieses Geld in sportliche Substanz reinvestiert. Dadurch wurde der Grundstein für die folgenden zwei Meisterschaften und den Gewinn der Champions League gelegt.

SPOX: Waren das für Sie die Highlights Ihrer Präsidentenkarriere?

Niebaum: Nein, das war eindeutig der DFB-Pokalsieg 1989. Der BVB hatte 23 Jahre lang keinen Titel mehr geholt. Die Fans hatten eine unglaubliche Sehnsucht nach Erfolgen. 40.000 Borussen waren damals bei strahlendem Wetter in Berlin. Wir waren krasser Außenseiter gegen Werder Bremen, lagen 0:1 in Rückstand und haben 4:1 gewonnen. Das war ein Sieg der Emotionalität und Leidenschaft. Damals war im Verein alles etwas kleiner dimensioniert. Ich weiß beispielsweise noch, wie wir am Kurfürstendamm mit unseren Fans gefrühstückt haben.

SPOX: Gut 15 Jahre später waren die Fans nicht mehr so gut auf Sie zu sprechen. Zu welchem Zeitpunkt war Ihnen denn klar, dass der BVB in enorme finanzielle Schwierigkeiten geraten ist?

Niebaum: Ich möchte da gar nicht mehr großartig ins Detail gehen. Das Thema ist für mich abgeschlossen. Aus heutiger Sicht und mit dem nötigen Abstand möchte ich aber betonen, dass sicher Fehler gemacht wurden, wir aber auch einen enormen Kraftakt zu bewerkstelligen hatten. Wir waren damals in der Bundesliga führend und durch den Gewinn der Champions League zum Erfolg verurteilt. Wir mussten eine starke und wettbewerbsfähige Mannschaft unterhalten, alles andere nimmt man ihnen auch nicht ab. Wenn wir plötzlich gesagt hätten, dass wir nur einen Mittelfeldplatz anstreben, hätte man uns diese Zielsetzung absolut verübelt. Das wäre schlicht und einfach nicht gegangen.

SPOX: Das große Geld wurde aber meist in ältere als jüngere Spieler gesteckt.

Niebaum: Auch Anfang des Jahrtausends war es noch so, dass man erfahrene, gestandene Spieler brauchte. Wir hatten, was den Etat angeht, eine anspruchsvolle Mannschaft zu unterhalten. Zudem haben wir entschieden, dass wir ohne öffentliche Zuschüsse von Land, Bund und Kommune das Stadion aufstocken, was einem Neubau glich. Dazu haben wir 180 Millionen Euro in die Hand genommen. Das ist ein Kraftakt, der in der Rückschau sehr groß war und unter dem wir gelitten haben.

SPOX: Was schlussfolgern Sie heute daraus?

Niebaum: Hätten wir das Stadion nicht aus eigener Kraft umgebaut, wären wir nicht in diese Schwierigkeiten geraten. Das ist meine feste Überzeugung. Was man aber auch sehen muss: Der Ausbau des Stadions und die Finanzkrise sind insgesamt geschultert worden. Es hat hierzu erhebliche Kraftakte von zahlreichen Personen bedurft. Auch ist den Fans, was ich persönlich sehr bedauere, am Ende eine Leidenszeit zugemutet worden. Immerhin aber hat sich der Verein am Ende behauptet. Das Stadion, das manche für das schönste in Europa halten, steht und die Mannschaft ist wieder wettbewerbsfähig.

SPOX: Sie sagten einmal, dass Sie den Leuten früher hätten sagen sollen, dass der Verein in einer schwierigen Lage ist. Was würden Sie generell in Ihrer Amtszeit anders machen, wenn Sie noch einmal die Chance dazu hätten?

Niebaum: Ich habe immer versucht, das Beste für den Verein zu geben. Im Nachhinein habe ich mir oft die Frage gestellt, ob es überhaupt richtig war, das Stadion ohne öffentliche Zuschüsse als Verein selbst auszubauen. Wenn wir das nicht getan hätten, hätte möglicherweise zur Weltmeisterschaft 2006 die Kommune einen solchen Kraftakt getätigt, und die öffentliche Hand hätte den Bau an unserer Stelle gestemmt. Aber es ist nun einmal so gelaufen. Wenn man es per Saldo sieht, war der Ausbau des Stadions richtig.

SPOX: Der Verein ist unter Ihrer Führung zudem an die Börse gegangen. Wie erklären Sie sich, dass bisher noch kein anderer deutscher Verein diesem Beispiel gefolgt ist?

Niebaum: Das liegt ganz einfach daran, dass die Erfahrungen nicht positiv waren.

SPOX: Konnte man das nicht schon vorher absehen?

Niebaum: Ein Fußballverein an der Börse hat immer etwas Experimentelles. Wenn man dann - wie wir im Jahre 2001 - in ein solch raues Börsenklima kommt, ist es natürlich auch nicht gut für den Aktienkurs eines Börsenneulings. Außerdem ist es auch eine gänzlich ungewohnte Erfahrung, dass sich ein Fußballverein den Analysten und Finanzmärkten stellen muss.

SPOX: Mal ganz einfach gefragt: Was war überhaupt der Hauptgedanke hinter diesem Projekt?

Niebaum: Wir wollten unsere Stellung, die wir in den 1990er Jahren erworben hatten, durch den Börsengang festigen. Damals gab es positive Beispiele in England. Allgemein wurde gesagt, dass endlich auch ein deutscher Verein den Sprung an die Börse wagen sollte. Bayern München hatte, soweit ich weiß, eine zeitlang ebenfalls den Plan, an die Börse zu gehen. Uns wurde von allen Seiten gesagt, dass wir als bundesweit beliebter Traditionsverein alle Voraussetzungen für einen Börsengang mitbringen. Dann haben wir es eben versucht. Ein solches Konstrukt hat immer Vor- und Nachteile.

News und Informationen zu Borussia Dortmund

Im zweiten Teil des Interviews spricht Niebaum über die 50+1-Regelung, persönliche Kritik und sein aktuelles Alltagsleben als Rechtsanwalt

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