"Schwächen sind nicht erwünscht"

Von Interview: Andreas Lehner
Alleine im Schatten. In Deutschland leidet jeder fünfte Mensch an Depressionen
© Getty

Deutschland steht nach dem Tod von Robert Enke noch immer unter Schock. Auf einer Pressekonferenz hatten Teresa Enke und der behandelnde Arzt Dr. Valentin Markser erklärt, dass der Torhüter unter Depressionen litt und dies der Grund für seinen Suizid war. SPOX sprach mit Eva Pfaff, Sportpsychologin und ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin, über den Druck im Profi-Sport und das Tabu-Thema Depressionen.

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SPOX: Frau Pfaff, das Wort Depression kennt jeder. Können Sie uns erklären, was genau dahintersteckt?

Eva Pfaff: Zuerst muss ich vorausschicken, dass ich keine Therapeutin bin, aber durch mein Psychologiestudium und sportpsychologische Betreuung weiß, was eine Depression ist und welche Ausprägungen es gibt. Eine Depression gehört in den Bereich der Affektiven Störungen. Das Wort Affekt sagt eigentlich schon alles: es geht um emotionale Verstimmungen.

SPOX: Und welche Ausprägungen gibt es?

Pfaff: Da ist einerseits die unipolare Störung. Die Person befindet sich in einer negativen, depressiven Stimmung, ist unter anderem antriebslos und verliert die Freude und das Interesse am Leben. Diese Stimmungslage verläuft in mehr oder weniger langen Phasen, die durch Probleme oder Krisen ausgelöst werden können. Auf der anderen Seite gibt es die bipolare Störung, das bedeutet manisch-depressiv. Die Leute schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

SPOX: Robert Enkes behandelnder Arzt sagte auf der Pressekonferenz, dass es keine typisch endogene Therapie war. Was heißt das?

Pfaff: Endogen heißt von innen heraus, also genetisch veranlagt. Exogen bedeutet von außen, ausgelöst von äußeren Faktoren. Robert Enke hat in seinem Leben immer wieder persönliche und sportliche Krisen überstehen müssen, die ihm scheinbar innerlich sehr zugesetzt haben.

SPOX: Wie schaut das aus, wenn ein depressiver Mensch die Tür hinter sich zu macht?

Pfaff: Eine Depression beeinflusst das ganze Leben eines Betroffenen. Das beginnt schon beim Aufstehen. Die Patienten kommen kaum aus dem Bett, sitzen in einer Ecke, sind antriebs- und lustlos und haben tiefe und dunkle Gedanken. Das Zusammenleben mit einem Menschen in einer depressiven Phase ist sehr schwierig. Sie lassen sich kaum zu Aktivitäten bewegen. Wenn er, wie im Fall Enke, vom Training zurückkommt, hat er vielleicht etwas Schwung bekommen. Aber dieser Elan verflüchtigt sich schnell und die Betroffenen sacken wieder in sich zusammen.

SPOX: Sein Umfeld bezeichnete ihn im Nachhinein als sensibel.

Pfaff: Aus den Berichten über Robert Enke kann man schließen, dass er sensibler, aber auch verwundbarer als andere Sportler und andere Menschen war. Dafür spricht auch, dass er sich wegen Versagensängsten in Behandlung begeben hat. Mit Hilfe einer Psychotherapie will der Patient persönliche Probleme bewältigen. Obwohl diese Behandlungen generell der Diskretion unterliegen, ist es meines Erachtens sinnvoll, das direkte Umfeld in die Problematik einzuweihen.

SPOX: Also hätte sich Robert Enke öffentlich zu seiner Krankheit bekennen sollen?

Pfaff: Diese Frage ist für mich als Außenstehende nur schwer zu beurteilen. Ein öffentliches Bekenntnis bedeutet ja auch, eine Schwäche einzugestehen. In unserer Leistungsgesellschaft geht es um Stärke und in seinem Fall um die Nummer eins in Deutschland. Da macht es sich nicht gut, Schwächen preiszugeben.

SPOX: Zumal er auch Angst hatte, seinen Sport und seine Adoptivtochter zu verlieren.

Pfaff: Genau.

SPOX: Hat der Profi-Fußball, in dem es extrem um die von Ihnen angesprochene Stärke geht, negativ auf Enke eingewirkt? Als ehemalige Profi-Sportlerin kennen Sie den Druck.

Pfaff: Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man stark sein und Leistung bringen. Das wird einfach verlangt. Schwächen sind in unserer Leistungsgesellschaft eher nicht erwünscht. Als Profi-Sportler hat man Bedenken, dass Schwächen ausgenutzt werden könnten. Insofern zeigt man Stärke, oder stellt sich stark dar. Welcher Trainer will schon einen Spieler, der sagt, mir geht's so schlecht? Gerade in einem Mannschaftssport, wo man in ein Team eingebettet ist, muss man für die Mannschaft und sich selbst seinen Mann stehen. Deshalb ist es bei manchen Themen schwierig, dem Umfeld die ganze Wahrheit zu eröffnen.

SPOX: Auch weil Depressionen noch immer ein Tabuthema in der Gesellschaft sind. Obwohl einer Statistik nach jeder fünfte Deutsche einmal im Leben an Depressionen leidet.

Pfaff: In der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden. Wenn sich jemand zu seiner Krankheit bekennt, darf ihm aus dieser Schwäche kein Strick gedreht werden. Es ist schön und gut, dass Leistung gefordert wird, aber die Gesellschaft muss öfter mitmenschliche Züge zeigen. Wir sind alle keine Maschinen. Trotz aller Leistungsfähigkeit sind wir manchmal auch zerbrechlich.

SPOX: Warum haben die Psychologen bei Hannover und beim DFB nichts von seiner Krankheit gemerkt?

Pfaff: Ich habe viele Interviews gemacht als Sportjournalistin und viele Gespräche als Psychologin geführt. Da hat mir noch nie jemand die ganze Katastrophe erzählt. Es gibt immer Hemmschwellen, selbst wenn es einem ganz schlecht geht. Es gibt so gewisse Sätze, bei denen wir Psychologen hellhörig werden. Aber man muss bedenken, dass die Psychologen, die bei den Mannschaften tätig sind, nicht unbedingt therapeutisch geschult sind.

SPOX: Sondern?

Pfaff: Sportpsychologen rekrutieren sich aus dem Bereich der Sportwissenschaft und der Psychologie. Ein Psychiater ist ein Arzt, der Medikamente verschreiben kann. Ein reiner Sportpsychologe ist nicht befugt, therapeutisch zu arbeiten. Patienten mit Depressionen werden mit Medikamenten und psychotherapeutisch behandelt, das ist die gängige Methode.

SPOX: Teresa Enke hat gesagt, der Fußball sei sein Lebenselixier gewesen. Ist es für einen Leistungssportler noch schwieriger, weil er das Ende seiner Karriere immer vor Augen hat?

Pfaff: So lange es sportlich läuft, geht es dem Leistungssportler normalerweise gut. Depressive Verstimmungen variieren in ihrer Stärke und Ausprägung. Wenn Sport wie in Enkes Fall das Lebenselixier ist, hat er sich auf dem Platz sicher wohlgefühlt und die depressiven Symptome hinter sich gelassen. Sport wirkt quasi als Antidepressivum, aber die negative Grundstimmung bleibt in den negativen Phasen leider erhalten. Bei Enke lief es - bis zu seiner Krankheit - sportlich gut. Er war Nationaltorwart und hatte die Aussicht auf die WM im nächsten Jahr. Aber Krisen und Probleme können bei vulnerablen Personen schnell Auslöser für depressive Phasen sein. Leider kommen in diesen Krisenzeiten auch suizidale Gedanken auf.

SPOX: Sind Selbstmordgedanken ein ständiger Begleiter?

Pfaff: Suizidalität ist eines der Symptome bei Depressionen und daher müssen Gedanken und Pläne eines Selbstmords absolut ernst genommen werden.

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