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Fussball

Der Würger von Delmenhorst

Von Stefan Moser
Um sich vor dem Boulevard zu schützen, trägt Diego jetzt viel Sonnenbrille
© Imago

Stell' Dir vor, Du wirst Herbstmeister, und Kevin Kuranyi ist nicht da! So geschehen am Sonntag in Mannheim, als Hoffenheim gegen Schalke den Wintertitel klar machte und Deutschlands Topstürmer verletzt fehlte.

Der TSG war's ziemlich wurst, aber eine Alternative Liste ohne Kevin Kuranyi? Geht das überhaupt? Es muss ja! Also bitte: Klassenkampf und Rock'n'Roll, Krawall und Speichelfäden, Amour fou und Satan höchstpersönlich. Dazu Ribery in Kunstharz und jeder Menge offener Fragen...

1. Frohes Fest: In Bochum brennt ja nun der Christbaum! Denn nach der 1:2-Pleite gegen Köln verabschiedete sich VfL-Manager Thomas Ernst noch mit den Worten in die Weihnachtsferien: "Wir werden jetzt auch den Trainer hinterfragen." Nur ein einziger, einsamer Sieg in 17 Spielen ist womöglich zu wenig für Marcel Koller. Es bleibt eigentlich nur eine Frage: Wer sind denn diese Pfeifen, die da gegen Bochum verloren haben? Ach ja: Bielefeld.

2. Klassenkampf in Farbe: Wir gratulieren der TSG Hoffenheim zur Herbstmeisterschaft! Und wir gratulieren auch recht herzlich Dietmar Hopp zu seinem Pullover: Dieses fiese, rotzgelbe Häkeldeckchen, dass sich da im Interview um seinen Ranzen spannte - ein wahrlich äußerst rabiater Tritt ins Gemächt des mitteleuropäischen Geschmacksurteils. Und eines dürfte feststehen: Nur ein Milliardär kann so ins Fernsehen gehen.

3. Rollenspieler: Auf Schalke verwechselt man gern Leidenschaft und Dummheit. Grundsätzlich kann das sehr erbaulich sein, im Theater etwa sagt man Amour fou. Auf Schalke aber heißt es: Jermaine Jones. Die ganze Körpersprache schreit nach Platzverweis, die Zweikampfführung ohnehin, und von den Nickeligkeiten ganz zu schweigen.

Tatsächlich gibt es Spieler, die daraus clever eine Marke machen und ihre "Emotionen" in Erfolg ummünzen. Jones jedoch zählt nicht dazu. 57 Minuten lang bettelte er förmlich gegen Hoffenheim um eine Rote Karte - bis Schiri Gagelmann sie endlich zückte.

Gemäß der Rolle war Jones, natürlich, trotzdem außer sich. Und um auf Nummer sicher zu gehen, dass die Sperre auch ein wenig länger wird, fauchte er dem Unparteiischen noch ein kurzes Brevier sprachlicher Grobheiten, nebst widerlichen Speichelfäden, aus nächster Nähe ins Gesicht. So richtig clever war das nicht; doch typisch Schalke - und typisch Amour fou: Gleich drei weitere königsblaue Imageträger folgten wie die Lemminge dem Beispiel. Mike Büskens, Youri Mulder und Orlando Engelaar - alle drei mit Platzverweis.

4. Brüh' im Lichte: Eine ganze Weile lang lief Werders Diego ja Gefahr, als "Musterprofi von der Weser" in die Bremer Stadtgeschichte einzugehen. Doch dann entdeckte er den Boulevard. Oder vielmehr: Der Boulevard entdeckte ihn. Und zwar kuschelnd und knutschend bei Zimtsternen und Punsch - mit Sarah Connor! Dass Diego wenig Angst vor Menschen hat, die ihn um ein, zwei Köpfe überragen, zeigte er ja schon am letzten Samstag, als er Christian Eichner an die Gurgel ging. Zählt man beide Storys nun zusammen, dann kann Diego - schon des schönen Klanges wegen - ab sofort nur heißen: "Der Würger von Delmenhorst". Bleibt eigentlich nur eine Frage offen: Und wann macht Birgit Prinz nun endlich Marc Terenzi klar?

5. The Number of the Beast: Die 1:2-Pleite der Wolfsburger in Bremen war übrigens die 100. Niederlage von Wölfe-Coach Felix Magath als Bundesligatrainer. Eine runde Sache, auch dazu kann man ruhig mal gratulieren. Obwohl der Teufel höchstpersönlich dabei seine Finger mit im Spiel hatte. Für Bremen nämlich war es in der Bundesliga: Sieg Nummer 666.

6. Gute Besserung: BVB gegen Gladbach, die Nachspielzeit der ersten Hälfte: Mit der Kraft von 14 Buchstaben wuchtete Dortmunds Blaszczykowski das schmächtig-putzige Fohlen Tony Jantschke aus dem Orbit, worauf der 18-Jährige mit Verdacht auf Jochbeinbruch unter Blaulicht ins Krankenhaus gefahren werden musste.

Was die tumben BVB-Fans freilich nicht davon abhielt, den bewusstlosen Patienten mit "Auf Wiedersehen!"-Schmähgesängen zu verabschieden. Bleiben gleich zwei Fragen. Erstens: Wann verpflichtet Dortmund endlich Jermaine Jones? Zweitens: Wie geht es nun dem Jantschke? Hans Meyer dazu: "Gehen sie mal davon aus, dass er bestimmt im Kreise seiner Familie 'Stille Nacht, heilige Nacht' singen können wird."

7. Ach ja, apropos Jermaine Jones: Weil Rafinha nur die Hälfte wiegt von Jermaine Jones, fliegt er nicht ganz so schnell vom Platz.

Dafür ist der kleine Brasilianer auch in seiner Freizeit durchaus auf Krawall gebürstet. Stolze fünfmal innerhalb von einer Woche fuhr die Polizei zu seinem Reihenhaus in Gelsenkirchen, eine Anzeige wegen Ruhestörung, Vandalismus und Beleidigung gleich inklusive. Nachbarin Regina W. zur Bild: "Das hält kein Mensch aus. Fast jede Nacht ist hier Theater. Die machen Krach, trommeln und schreien. Ich habe dauernd Kopfschmerzen." Rafinhas Boss Andreas Müller ebenfalls zur Bild: "Wir kennen doch unsere Brasilianer: Musik gehört zu ihrem Lebensstil. Da muss man auch Verständnis haben." Bleibt die Frage: Würde Müller das auch sagen, wenn Rafinha ein Hartz-IV-Empfänger wäre und direkt in der Nachbarschaft des Schalker Managers wohnte? Hoffentlich ja!

8. Kaiserliche Schadenfreude: Der Kaiser, der Franz, der Beckenbauer. Der hatte am Samstag mal wieder seinen Auftritt im Premiere-Studio. Der Olic käme den Bayern im Sommer doch gerade recht, sagte er und grinste wie ein fieser Schokoladenonkel, denn: "Hehehe! Der Lukas... äh... der Podolski... äh... der wird ja wahrscheinlich... äh... geh'n... äh... der will ja unbedingt - höhöhö! - zurück nach Köln." Gnihihi!

9. Anspruch und Wirklichkeit: Folgendes sprachliche Ungetüm ließ Frankfurts Trainer Friedhelm Funkel am Samstag auf die Menschheit los: "Für uns war es einfach wichtig, dass wir zeigen, dass wir auswärts in der Lage sind, überall zu punkten."

Es folgte ein wenig "Riesenrespekt vor meiner Mannschaft" und sinngemäß ein bisschen: Oh Gott, waren wir heute geil - und dann kam der Gegner, namentlich der HSV-Coach Martin Jol: "Wir hatten heute nicht die spielerischen Mittel, haben nicht das gespielt, was wir uns vorgenommen hatten."

So weit, so gut. Bleibt nur die Frage: Wer hat denn nun eigentlich gewonnen? Merkwürdigerweise nämlich die Hamburger. Mit 1:0.

10. Genie und Wahnsinn: Fuchsteufelswild war Bayern-Bösschen Ulrich Hoeneß nach dem 2:2 in Stuttgart: Die Herbstmeisterschaft futsch, die DFL total gemein, die Rote Karte gegen Oddo voll geschummelt, und das Ausgleichstor war auch unfair! Und irgendwie hatte auch Trainer Jürgen Klinsmann das Gefühl, er müsse sich für das Remis nun öffentlich entschuldigen: "Wenn Ribery fehlt, fehlt eine Offensivkraft, die kreativ ist, die eine Klasse hat, die nur wenige in der Welt haben." Und in der Tat: Sollte Real Madrid den Franzosen nicht eines schönen Sommertages in den Einkaufswagen setzen, wird Franck Riberys rechter Fuß wohl irgendwann in Kunstharz gegossen in der Münchner Pinakothek stehen. Und zwar direkt neben Hoeneß' Paranoia! So ist das in der kreativen Klasse: das Schöne und das Schreckliche - immer ganz nah nebeneinander...

11. Kahns Erben: Obwohl die Cottbusser Weihnachtsfeier ja eigentlich so richtig Rock'n'Roll war, gingen Dimitar Rangelov und Stanislav Angelov schon vorzeitig ins Bett.

Da war der Nikolaus böse, und auch Energie-Coach Bojan Prasnikar war nicht so richtig glücklich: Er strich die Advents-Delinquenten aus dem Kader.

Wegen Nikolaus - und weil beide in bulgarischen Printmedien auch noch mit den frechen Worten zitiert wurden: "Коледа е тъпа и треньорът ни мирише лошо." Bleibt eigentlich nur eine Frage: Was heißt das wohl auf Deutsch?

Frohes Fest!

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