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Fussball

EM 2022 - Kommentar zum DFB-Team: Schluss mit der Naivität

Von Justin Kraft

England schlägt Deutschland im Finale der Europameisterschaft nur knapp mit 2:1 nach Verlängerung. Doch strukturell liegt zwischen beiden Nationen noch einiges. Ein Kommentar.

"Game changers" titelt der Guardian am Tag nach dem größten Triumph Englands seit 1966. Der Fußball ist nach Hause gekommen - auch deshalb, weil das Mutterland des Fußballs seit Jahren hervorragende Arbeit leistet.

England hat im Fußball der Frauen eine Benchmark gesetzt. Und auch wenn Deutschland kurz davor war, ihnen den EM-Titel zu vermiesen, so ist der Unterschied zwischen beiden Nationen immer noch groß.

Auch das DFB-Team wusste zu begeistern, überraschte mit dem Finaleinzug sogar viele Expertinnen und Experten. Hierzulande gab es eine spürbare Welle der Begeisterung. Doch wie lange hält diese an?

DFB: Niederlage gegen England als Ansporn?

Die Niederlage gegen England muss nun ein Ansporn sein. Ein Ansporn, es in Zukunft auch im Alltag besser zu machen. Es wäre naiv, zu glauben, dass der Hype sich einfach so von der Europameisterschaft auf den Bundesliga-Alltag übertragen ließe. Denn dieser steht im Kontrast zu dem, was die DFB-Auswahl in England erreicht hat.

Gerade weil Deutschland in vielen Themen strukturell den Anschluss an andere Nationen verloren hat, war die Skepsis vor dem Turnier groß. Obwohl immer mehr Klubs in der Bundesliga der Frauen auftauchen, die auch in der Bundesliga der Männer vertreten sind, ist die Liga maximal als semi-professionell zu bezeichnen.

Die Diskussionen um Gehälter und Prämien müssen ebenso intensiviert werden wie jene um Strukturen. "Der Männerfußball ist heilig, die trainieren teilweise auf ganz anderen Plätzen oder an anderen Orten", erklärte Ex-Nationalspielerin Julia Simic vor dem Turnier bei SPOX und GOAL: "Bei West Ham haben wir auf einem Gelände trainiert, haben zusammen gefrühstückt und das war einfach normal." Bei den meisten Bundesliga-Klubs ist das nach wie vor undenkbar. Platz- und Trainingsbedingungen sind weiterhin ein Problem.

"Equal play" trägt DFB ins Finale der EM

Gerade der Erfolg des DFB bei der Europameisterschaft ist ein gutes Beispiel dafür, was es bewirken kann, wenn die Frauen von den vorhandenen Strukturen profitieren. Die Trainingsbedingungen am Adidas-Campus in Herzogenaurach wurden in der Vorbereitung auf das Turnier mehrfach von Spielerinnen hervorgehoben.

Stimmt das Umfeld, ist es auch einfacher, sich auf die eigenen Leistungen zu konzentrieren. Das betrifft nicht nur die finanzielle Situation, sondern auch schon die Qualität der Räumlichkeiten sowie den Zustand des Trainingsplatzes.

In den kommenden Jahren wird es auch in der Bundesliga darum gehen, die bereits vorhandenen Strukturen nach und nach zu nutzen. Die Normalität, mit der Fußballerinnen im Alltag des englischen Fußballs auftauchen, muss in Deutschland ebenfalls erreicht werden. Plakate in Stadien, mehr Synergien zwischen den Männer- und Frauenteams wie gemeinsame Events oder simple Überschneidungen im Alltag beider Teams - es sind solche Kleinigkeiten, von denen Spielerinnen in England oft schwärmen und von denen alle innerhalb eines Klubs profitieren können.

Auch im Land der frisch gebackenen Europameisterinnen ist längst noch nicht alles als Goldstandard zu betrachten. Trotzdem gehen sie bei vielen Themen voran. Die niedrigsten Gehälter in der englischen Women's Super League liegen bei rund 23.000 Euro brutto im Jahr. Das ist zwar kein Jahreseinkommen, von dem es sich sorgenfrei leben lässt, aber es ist eben auch das untere Ende der Tabelle. In Sachen Professionalisierung hat England schon vor einigen Jahren entscheidende Schritte nach vorn gemacht - und belohnt sich gewissermaßen nun mit dem Titel bei der Heim-EM.

DFB: Verband und Bundesliga-Klubs müssen Lösungen finden

Gehälter werden auch in Deutschland ein Thema bleiben. Mindestlöhne wurden immer wieder diskutiert. Das oberste Ziel des DFB muss es sein, gemeinsam mit den Klubs Bedingungen für eine professionelle Liga aufzustellen, in der zumindest theoretisch keine Spielerin mehr dazu gezwungen wird, nebenbei anderweitig arbeiten zu müssen. Schließlich geht es hier um Leistungssport. Von den Spielerinnen werden professionelle Leistungen verlangt, also brauchen sie auch professionelle Bedingungen. Dass es in Deutschland nur zweieinhalb Klubs gibt, die ihren Spielerinnen Profistatus ermöglichen, wird dem nicht gerecht. Ein fairer Wettbewerb in der Liga ist so ebenfalls nicht möglich.

England hat es vorgemacht. Auch wenn es einzelne Ausnahmen gibt, so ist das Gehaltsniveau in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Vor Corona gab es sogar erste Anzeichen dafür, dass sich die Investitionen mittelfristig auch wirtschaftlich rentieren könnten. So erwirtschaftete die Frauenabteilung des FC Arsenal in der Saison 2019/20 erstmals einen Gewinn von 9.000 Pfund. Andere Klubs haben Verluste von zwei, drei oder vier Millionen Euro geschrieben. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Doch dass sich die Querfinanzierung bei weiter wachsendem Interesse der Fernsehsender und der Öffentlichkeit insgesamt auch aus dieser Perspektive lohnen könnte, ist in England absehbar. Gleichzeitig zeigte die Europameisterschaft, dass die Förderung von Mädchen und Frauen deutlich mehr ist als wirtschaftliche Kennzahlen - nämlich gesellschaftliche Verantwortung.

Die glücklichen Gesichter junger Mädchen, die in den Stadien stolz zu ihren Idolen aufblicken konnten, von denen sie sich selbst in der Gesellschaft repräsentiert sehen - das sind die eigentlichen Szenen dieses Turniers.

DFB: Folgen Taten auf die großen Worte?

Der DFB hat in diesem Jahr viele große Veränderungen angekündigt, ohne dabei aber wirklich konkret zu werden. Nach Informationen von SPOX und GOAL herrscht auch bei einigen Bundesliga-Klubs nach wie vor Skepsis darüber, wie ernst es der Verband mit seinen Ankündigungen meint.

Noch im Frühjahr sah es danach aus, dass die Vereine eine Ausgliederung anstreben würden. Der DFB rettete sich mit einigen Versprechungen - darunter auch finanzielle Vorzüge, die unter anderem durch einen neuen Fernsehvertrag im nächsten Jahr entstehen sollen.

Bis dahin werden noch einige Monate vergehen. Monate, in denen Deutschland wieder im grauen Alltag versinken könnte. Eigentlich muss es das Ziel sein, den Rückenwind der Europameisterschaft jetzt mitzunehmen. Doch ein Großteil der Bundesliga-Partien wird wohl wieder hinter der Paywall landen. Zu Anstoßzeiten, die für die meisten Menschen nicht reizvoll sind - und mit einer Berichterstattung, die fünf Minuten vor dem Spiel beginnt und kurz nach dem Abpfiff wieder beendet ist.

In England gibt es seit 2019 den FA Player. Neben einem Teil der Spiele aus der WSL gibt es dort auch aufwändig produzierte Features und gut aufbereitete Informationen rund um die Liga. Der FA Player allein stellt schon alles in den Schatten, was es in Deutschland von offizieller Seite zur Bundesliga gibt.

DFB: Ein Konzept für die Bundesliga muss her

Der DFB braucht nun ein Konzept, wie man den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Brücke von der Europameisterschaft in den Bundesliga-Alltag baut. An der sportlichen Qualität wird diese Liga jedenfalls nicht scheitern - höchstens an einer zu stiefmütterlichen Behandlung. Oder an der naiven Hoffnung, dass sich nun alle ein weiteres Abo dazu buchen, um die Bundesliga der Frauen sehen zu können.

Nach diesem aus deutscher Sicht so erfolgreichen Turnier steht Deutschland vor einer goldenen Zukunft, sollte man meinen. Die meisten Spielerinnen des EM-Kaders sind nicht älter als 25 Jahre. Einige große Talente wie Selina Cerci (22) waren gar nicht erst dabei. Das alleine verpflichtet den DFB dazu, ab sofort mehr zu investieren. Im EM-Finale war es eine sportlich knappe Angelegenheit gegen England. Rein strukturell ist der Unterschied zwischen beiden Nationen aber nach wie vor groß.

Am 16. September eröffnen der FC Bayern und Eintracht Frankfurt die neue Bundesliga-Saison im Deutsche Bank Park der SGE. Gut sechs Wochen nach dem Finale der Europameisterschaft wird sich dann erstmals zeigen, wie viel von der großen Sommerbegeisterung übrig geblieben ist. Es liegt am DFB und an den Klubs, die Steilvorlage entsprechend zu nutzen und nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten zu glänzen. Auch in Deutschland wird es Zeit für echte "Game changers".

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