EM 2022: Märchenhafte Geschichten, Überraschungen und Flops – fünf Erkenntnisse zum ersten Spieltag

Von Justin Kraft
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Der erste Spieltag der EM 2022 hat märchenhafte Geschichten, Überraschungen, Tops und Flops zu bieten. Während Deutschland und Frankreich furios starten, enttäuscht die Schweiz auf ganzer Linie. Außerdem zeichnen sich erste fußballerische Trends ab. Fünf Erkenntnisse zum Turnierstart.

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Jede Nation war bei der Europameisterschaft in England mittlerweile mindestens einmal im Einsatz. Die ganz großen Überraschungen blieben bisher aus, einige Favoritinnen taten sich aber schwer. Andere wiederum präsentierten sich direkt in Top-Form.

29 Tore sind bisher gefallen, die öffentlich-rechtlichen TV-Sender in Deutschland verbuchen Quoten zwischen zwei und sechs Millionen Zuschauern und die Stadien in England sind gut gefüllt. Aber was war sportlich bisher relevant?

SPOX schaut auf fünf große Erkenntnisse des ersten Spieltags. Darunter der furiose deutsche Auftakt, zwei herzerwärmende Geschichten und große Enttäuschungen.

EM 2022, Überraschung: Deutschland startet furios

Bei der DFB-Auswahl herrschte lange Unklarheit darüber, wie leistungsfähig sie in dieses Turnier gehen kann. Nach nur einem Spiel ist klar: Mit Deutschland muss wohl gerechnet werden. Während die Top-Favoritinnen aus England sich im Auftaktspiel schwertaten und auch die Niederlande und Schweden im direkten Duell das eine oder andere Problem offenbarten, legte die deutsche Auswahl furios los und gewann mit 4:0 gegen Dänemark.

Einige statistische Modelle sehen das DFB-Team nun sogar noch weiter vorn in der Liste der Favoritinnen. The Analyst errechnete mit Daten von Stats Perform vor dem Turnier eine Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent, dass Deutschland die Europameisterschaft gewinnt. Hinter England und Frankreich (je 19 Prozent) war das gemeinsam mit Schweden der dritte Platz.

Jetzt sind die Deutschen nach ihrem 4:0 gegen Dänemark auf Platz zwei geklettert. Nur Frankreich hat mit 20,7 Prozent einen besseren Wert als das DFB-Team (20 Prozent). England rutscht mit 17,5 Prozent etwas ab.

Auch abseits solcher Spielereien hat Deutschland bewiesen, dass man einen sehr attraktiven Fußball spielen kann. Das dynamische und aggressive Pressing hat Eindruck hinterlassen. Zumal die Deutschen zu keinem Zeitpunkt Anzeichen von Müdigkeit zeigten. Dank ihrer gut besetzten Bank hielten sie den Druck bis zum Schluss aufrecht. "Unterlegenes Dänemark wurde zerquetscht", titelte der dänische Sender DR. Der Kraft des deutschen Teams konnten sie nicht standhalten.

Klar ist aber auch: Das Kaliber, das jetzt mit Spanien wartet, ist ein anderes – und der Überraschungsfaktor ist geringer. Zumal mit Lea Schüller die vielleicht wichtigste Angreiferin ausfällt. Aber Deutschland hat das wichtigste Duell der Gruppenphase für sich entschieden und sich somit eine gute Ausgangslage für den weiteren Verlauf verschafft. Vor allem das vierte Tor war vor dem direkten Duell mit Spanien (4:1 gegen Finnland) sehr wichtig. Am Dienstagabend reicht nun ein Unentschieden, um die Tabellenführung zu behaupten.

EM 2022: Die Tabelle von Gruppe B

PlatzTeamSpieleDifferenzPunkte
1Deutschland143
2Spanien133
3Finnland1-30
4Dänemark1-40

EM 2022, Fußballromantik: Alexandra Popp und Julie Nelson

Dass ausgerechnet Alexandra Popp dieses vierte Tor für Deutschland erzielte, setzte dem DFB-Traumstart die Krone auf. Die 31-Jährige spielt ihre erste Europameisterschaft, 2013 und 2017 fehlte sie jeweils verletzt. Gegen Dänemark wurde sie nach 61 Minuten für Lea Schüller eingewechselt. Ihren ersten Abschluss hatte sie noch aus aussichtsloser Position (81.), aber fünf Minuten später jubelte die Wolfsburgerin bereits.

Nach einer schönen Einleitung von Jule Brand und passgenauer Flanke von Sydney Lohmann musste Popp ihren Kopf nur noch hinhalten. Sie sackte zu Boden und konnte es kaum glauben. Ein kleines Fußball-Märchen für eine Spielerin, die in den letzten Jahren viel leiden musste.

Märchenhaft war zudem der Treffer von Nordirland - einem Team, das überwiegend aus Amateurspielerinnen besteht. Die Qualifikation für diese EM ist bereits eine Sensation. Gegen Norwegen verloren die Nordirinnen mit 1:4, doch der Ehrentreffer wurde bejubelt wie ein Sieg.

Julie Nelson besorgte kurz nach der Pause den zwischenzeitlichen 1:3-Anschlusstreffer. Sie ist mit 126 Länderspielen die große Legende des Teams. Die 37-Jährige war die erste Nordirin überhaupt, die die Marke von 100 Länderspielen knackte - und ist nun die erste nordirische Torschützin bei einem großen Turnier.

Nordirische Emotionen! Nicht Die Führung oder der Ausgleich, sondern das zwischenzeitliche 1:3 wird hier bejubelt. Nelson ist die erste nordirische Torschützin bei einem großen Turnier überhaupt.
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Nordirische Emotionen! Nicht Die Führung oder der Ausgleich, sondern das zwischenzeitliche 1:3 wird hier bejubelt. Nelson ist die erste nordirische Torschützin bei einem großen Turnier überhaupt.

EM 2022, Ansage: Frankreich überrennt Italien

Neben Deutschland wussten auch die Französinnen ganz besonders zu überzeugen. Gegen naiv verteidigende Italienerinnen gewannen sie mit 5:1. Schon zur Pause führte Frankreich mit 5:0 - das gab es bei einer Europameisterschaft der Frauen noch nie. Grace Geyoro ist zudem die erste EM-Teilnehmerin, der ein Hattrick in der ersten Halbzeit geglückt ist.

Ein Start nach Maß für Frankreich, wo trotz Top-Form unklar war, wie es um das Teamgefüge bestellt ist. Immer wieder gab es in den letzten Jahren kleinere und größere Streitthemen rund um Trainerin Corinne Diacre.

Die erste Antwort ist eindrucksvoll: Beim Auftaktsieg präsentierte sich ihr Team in Bestform. Schnelles Kombinationsspiel über die Außenbahnen, technisch saubere und präzise Pässe und Diagonalbälle, viel Bewegung auf dem Platz und immer wieder tolle Einzelaktionen von den drei Angreiferinnen Kadidiatou Diani, Delphine Cascarino und Marie-Antoinette Katoto. Aber auch die Konsequenz, mit der aus dem Mittelfeld nachgeschoben wurde, wusste zu imponieren. Frankreich ist in Form und schickt eine klare Ansage an die Konkurrenz: Wer die EM gewinnen will, muss sie erstmal schlagen.

EM 2022, Enttäuschungen: Italien und die Schweiz

Gleichwohl sollte diese Leistung nicht ohne genauere Betrachtung der Italienerinnen hervorgehoben werden. Wurden die Azzurre im Vorfeld noch zu Recht als Geheimtipp für das Halbfinale gehandelt, so präsentierten sie sich gegen Frankreich desolat. Nach einer vergebenen Großchance und dem 0:1-Rückstand fiel das Team komplett auseinander.

Das gewohnt aggressive Pressing ging nicht auf, der Raum direkt vor der Viererkette wurde zu groß und Frankreich konnte immer wieder mit Tempo andribbeln. Das war nichts von den Italienerinnen - unterschätzen sollte man sie dennoch nicht.

Besonders enttäuschend waren die Schweizerinnen. Vor der EM deutete sich die schwache Form mit einem 0:7 gegen Deutschland und einer 0:4-Niederlage gegen England bereits an.

Gegen auf dem Papier unterlegene Portugiesinnen stellte sich die Schweiz nach einer frühen 2:0-Führung dann hinten rein. Das sonst so aktive Pressing wurde immer passiver und die Portugiesinnen wurden dazu eingeladen, was sie trotz Underdog-Rolle sehr gut können: Fußball spielen. Ein 3:2-Sieg für die Außenseiterinnen wäre verdient gewesen, mit dem 2:2 war die Schweiz noch gut bedient.

EM 2022, Trends: So fallen die meisten Tore

Technisch und athletisch hat sich der Fußball der Frauen enorm weiterentwickelt. Dass es bei einer Europameisterschaft zwischen Nationalteams mit einigen Amateurspielerinnen und jenen aus Frankreich, England oder Deutschland große Unterschiede gibt, liegt auf der Hand. Aber selbst die kleinen Nationen haben die ganz großen Niederlagen abwenden können.

Finnland verlor zwar mit 1:4 gegen Spanien, ging aber in Führung und machte den Mitfavoritinnen das Leben mindestens eine Stunde lang sehr schwer. Auch Nordirland wehrte sich tapfer gegen ein offensivstarkes Norwegen. Die Defensivarbeit der Underdogs wird immer besser. Taktisch verstehen es die Teams mittlerweile gut, die Räume eng zu machen und Gegnerinnen auf die Flügel zu lenken.

Bei dieser Europameisterschaft wird deshalb schon ein erster kleiner Trend deutlich: Das Spiel über die Flügel und Standardsituationen sind entscheidend. Teams wie Deutschland, Frankreich oder Spanien gelang es sehr gut, sich aus den Pressingfallen auf den Außenbahnen zu befreien und anschließend Räume im Zentrum zu finden. England beispielsweise tat sich schwer damit und schlug viele Flanken in den Strafraum, die für Österreich leicht zu klären waren.

Ein weiterer Faktor sind Standards. Zwölf der 29 Tore des ersten Spieltags fielen nach ruhenden Bällen. Variantenreichtum spielt da eine große Rolle. So stellte Deutschland den Fünfmeterraum der dänischen Torhüterin bei Ecken konsequent zu, um ihr das Herauslaufen zu erschweren - mit Erfolg, wie das 2:0 durch Schüller bewies.

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