Fussball

Tim Lobinger im Interview: "Der große Traum vom Leben ist durch die Krankheit bei mir zerplatzt"

Tim Lobinger spricht im Interview über seine Leukämie-Erkrankung.

Im März 2017 wurde bei Stabhochspringer Tim Lobinger eine besonders aggressive Form der Leukämie diagnostiziert. Nach erfolgreicher Behandlung kehrte der Blutkrebs 2018 in leicht mutierter Form zurück - Lobinger kämpfte ein weiteres Mal erfolgreich gegen die Krankheit an. Wie geht es dem 47-Jährigen heute? Im Interview mit SPOX und Goal erklärt Lobinger, warum es "gesund" für ihn nicht mehr gibt und wie ihn die vergangenen Jahre verändert haben.

Außerdem spricht Lobinger offen über die Probleme, als Krebskranker wieder eine berufliche Chance zu bekommen, er verrät, warum er ein Fan von RB Leipzig ist und kritisiert den Fußball für zu wenig Expertise im Athletikbereich. Ein weiteres Thema: seine besondere Beziehung zu Bayern-Star Joshua Kimmich.

Herr Lobinger, vor 35 Jahren gelang Sergej Bubka in Paris der erste 6-Meter-Sprung. Sie waren damals zwölf Jahre alt. War das für Sie eine Initialzündung für Ihre eigene Karriere?

Tim Lobinger: Ich hatte nie ein wirkliches Aha-Erlebnis, bei dem ich vor dem Fernseher saß und wodurch ich geprägt wurde. Ich bin durch meine Eltern, die ehrenamtlich in der Leichtathletik als Trainer gearbeitet haben, in den Sport reingeschleppt worden. Was für andere der Sandkasten, war für mich die Weitsprung-Grube. Die Leichtathletik war meine Familie. Alle meine Freunde waren in der Leichtathletik, ich hatte witzigerweise nie einen Kumpel, der Fußball gespielt hat. Bei uns zu Hause wurden sogar im Hobbykeller Vereinsabende abgehalten. Ich habe gar nicht groß nach links und rechts zu anderen Sportarten geschaut, sondern in der Leichtathletik alle Disziplinen ausprobiert. Als ich mehr durch Zufall in meiner Altersklasse mit 3,46 Meter der Beste wurde, weil der Jahrgang so schwach war, habe ich gesagt: Stabhochsprung ist eh am spannendsten und macht am meisten Spaß, hier bleibe ich und breche eines Tages den deutschen Rekord.

Später sollten Sie sogar der erste deutsche Springer werden, der im Freien die 6 Meter knackt. Wie erinnern Sie sich an diesen Wettkampf 1997 in Köln-Müngersdorf?

Lobinger: Dieser Tag ist bis heute noch sehr präsent. Es war in diesem Sommer absehbar, dass ich die 6 Meter springen würde, auch wenn ich im Gegensatz zu vielen, die es bis heute nicht geschafft haben, nie groß darüber geredet habe. Erst als ich meine Bestleistung auf 5,96 Meter verbesserte und den deutschen Rekord innehatte, konnte ich den 6 Metern nicht mehr wirklich ausweichen. Einen Monat später war es dann schon so weit. Ich habe den ganzen Tag noch sehr gut vor Augen, den werde ich sicher nie vergessen.

Haben Sie damals an den Weltrekord gedacht? Der lag zu dieser Zeit bei 6,14 Meter.

Lobinger: Einmal im Leben muss man Weltrekord auflegen lassen, einmal musst du es mindestens probieren, sonst ärgerst du dich dein ganzes Leben lang. In Berlin habe ich mich einmal an 6,16 Meter versucht. Ich bin zwar kläglich gescheitert, aber immerhin hatte ich mal diesen besonderen Moment. Natürlich träumst du davon, so hoch zu springen wie kein anderer Mensch auf der Welt, aber so weit ging der Weg bei mir leider nicht. Ich war aber auch nie jemand, der auf Rekorde oder Medaillen fixiert war. Mir ging es in erster Linie immer um eine Frage: Wie weit kann ich es mit hartem Training und professionellem Leben bringen? Was ist für mich persönlich das Limit? Wie ein Surfer immer auf der Suche nach der perfekten Welle ist, bin ich immer meinem genialen und perfekten Sprung hinterhergejagt. Diesen perfekten Sprung schafft man ja nie so wirklich, aber trotzdem war mir das immer wichtiger, als einmal auf dem Olymp zu stehen. Aber klar, ich hätte mich auch nicht gegen olympisches Gold gewehrt. Solch einen Erfolg hätte ich auch sehr genossen. Und für die Finanzierung meiner Karriere wäre es sicher auch nicht so schlecht gewesen. (lacht)

Tim Lobinger: Duplantis? "Ich würde ihm 6,30 Meter vielleicht schon zutrauen"

Der Mann der Stunde heißt im Stabhochsprung Armand Duplantis. Sein Weltrekord steht bei 6,18 Meter. Was denken Sie, wenn Sie den Schweden springen sehen?

Lobinger: Wenn ich Duplantis zuschaue, denke ich mir immer: Der macht gar nichts Besonderes, der springt einfach nur unfassbar hoch. Das ist das Schöne und Faszinierende an ihm. Er biegt den Stab nicht wie sonst kein anderer, er greift nicht viel höher, er macht technisch nichts Einzigartiges. Er ist einfach sehr dünn für die Stäbe, die er springt, und kann sich so krass in die Luft katapultieren. Da sehen 6 Meter wie nichts aus, wenn er da drübergeflogen kommt. Wo es enden kann? Ich würde ihm 6,30 Meter vielleicht schon zutrauen.

Im deutschen Stabhochspringen sieht die Lage nicht mehr so rosig aus wie früher. Wie beurteilen Sie die Situation?

Lobinger: Ich muss ein bisschen aufpassen, was ich sage. Als ich mich vor der Hallenmeisterschaft etwas kritisch geäußert habe, empfanden das die etablierten Springer und auch Trainer gleich wieder als deplatziert. Da bist du dann sofort ein Nestbeschmutzer und fällst in Ungnade, was ich echt traurig finde. Es geht mir nur darum, die Wahrheit zu sagen. Wenn heute junge Athleten gefeiert werden, die 5,50 Meter oder 5,60 Meter springen, dann ist das nicht mehr zeitgemäß. Stabhochspringen ist eine Sportart, die mal sehr hip und beliebt war. Aber aktuell erleben wir eine Phase, in der es in Deutschland nicht so läuft. Da müssen wir auch nicht so tun, als ob groß was nachkommen würde, wenn es eben nicht so ist. Ich finde jemanden wie Torben Blech, der gezeigt hat, wie man mit Leidenschaft und dem richtigen Training relativ schnell an die 5,80 Meter kommen kann, toll. Aber ab so einer Höhe geht die Reise erst richtig los.

Sie haben Ihre größten Erfolge in der Halle errungen, sind dort Welt- und Europameister geworden. Haben Sie eine Erklärung, warum es dort besser lief als im Freien?

Lobinger: Eigentlich war ich vom Typ viel mehr der Freiluftspringer, deshalb stechen die Erfolge in der Halle für mich auch gar nicht so heraus. Aber es war immer schön, mir selbst zu beweisen, die Leute, die ich im Sommer nicht schlagen konnte, dann im Winter wenigstens hinter mir zu lassen. Ich glaube, dass es in der Halle ein Vorteil für mich war, ein Vielspringer zu sein. Ich habe in meiner Karriere immer unheimlich viele Wettkämpfe absolviert. Bei großen Hallenmeisterschaften ist es oft viel enger getaktet als im Freien, da ist an einem Tag die Qualifikation und am anderen schon das Finale. Du musst konditionell sehr gut drauf sein, das war ich und das war wohl ein Faktor. Vielleicht hätte ich im Sommer mal auf ein paar Wettkämpfe verzichten müssen, um bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften wirklich ausgehungert und voll da zu sein. Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass es selten an der Form an sich lag, ich bin meistens eine Woche vorher oder nachher super gesprungen. Manche haben auch mit 5,80 Meter eine Medaille geholt, aber ich war dann immer Vierter, Fünfter, Sechster.

Gibt es einen Wettkampf, den Sie gerne zurück hätten?

Lobinger: Ja. Mit Olympia 2000 in Sydney hadere ich ehrlich gesagt bis heute. Damals hatte ich mit Sicherheit die Form, um etwas Großes zu schaffen. Minimum mal eine Medaille. Ich hätte nicht besser vorbereitet und in besserer Form nach Sydney kommen können, der Erfolg lag praktisch auf dem Silbertablett für mich, aber warum auch immer lief es am Finaltag einfach nicht. Bei so einer komplexen Sportart ist das leider immer möglich, dass zwei Tage vorher in der Quali das Timing noch perfekt ist und dann passt es plötzlich nicht mehr ganz. Und schon ist alles vorbei. Ich bin mit meiner Karriere total im Reinen, aber wenn es einen Wettkampf gibt, über den ich mich noch ärgere, dann ist es dieser.

Tim Lobinger: "Ich bin ein Fan von RB, weil dort im Gegensatz zu anderen Vereinen Profis am Werk sind"

Dennoch haben Sie viele Erfolge feiern dürfen und waren auch wegen Ihrer für manche exzentrischen Art häufiger in den Schlagzeilen. Wie haben Sie das selbst empfunden?

Lobinger: Es war interessant, welche Stempel ich aufgedrückt bekommen habe. Erst war ich der Sunnyboy der Leichtathletik, dann habe ich mich einmal etwas kritischer geäußert, schon war ich das Enfant Terrible - und irgendwann war ich auch noch Rambo. Ich fand es nicht immer fair, mit der Zeit habe ich aber verstanden, wie das Geschäft läuft und das Spiel mitgespielt. Ich habe realisiert, dass ich nicht Mutter Teresa sein und jedem zeigen kann, dass ich eigentlich ein ganz guter Typ bin. Wenn ich in einem Wettkampf dreimal schlechten Wind hatte, habe ich mich hingestellt und gesagt: "Heute hatte ich dreimal schlechten Wind, nächste Woche schlage ich wieder alle." Da hieß es dann, der Lobinger sucht nur Entschuldigungen. Dabei weiß jeder, der mal im Stadion war, wie es laufen kann. Aber komplexe Erklärungen wollen viele gar nicht hören. Dann doch lieber: Der Lobinger hat es wieder verkackt. Und sie hatten ja recht, es ist ja oft genug schiefgegangen. Aber ich habe mich nie verbiegen lassen und bin mir immer selbst treu geblieben. Das ist mir wichtig, weil das die Wenigsten wirklich schaffen. Es gibt ja diesen Rap-Song, "Apache bleibt gleich", der trifft es ganz gut.

Sie sind während und nach Ihrer aktiven Karriere als Athletik-Trainer ins Fußballgeschäft reingerutscht. Wie hat sich das entwickelt?

Lobinger: Es ging damit los, dass mich Michael Rensing ansprach, nachdem er nicht ganz in die großen Fußstapfen von Oliver Kahn treten konnte, ob wir nicht zusammenarbeiten könnten. Das war mein erster intensiver Berührungspunkt mit dem Fußball. Durch meine Bekanntschaft mit Ralf Rangnick und Uli Ferber hat es sich weiterentwickelt. Uli meinte, sie hätten da einen Pflegefall, der gerade operiert wurde und bei dem sogar das Karriereende im Raum stand. Das war Alexander Hleb. Mit ihm habe ich gearbeitet und wir haben ihn wieder fit bekommen. 2012 kam dann die Chance bei RB Leipzig einzusteigen, da ging alles ganz schnell.

Damals hatten Sie Ihre Karriere ja noch gar nicht beendet.

Lobinger: Das stimmt. Ich hatte für September schon Meetings zugesagt, aber dann entwickelte es sich in eine andere Richtung. Keine Woche nach einem Springen im strömenden Regen an der Rheinpromenade in Köln wurde ich in Leipzig als Athletik-Trainer vorgestellt. Das war es. Ich hatte gar keinen richtigen Abschied, den brauchte und wollte ich aber auch nicht. Nachdem ich ein super Gespräch mit dem damaligen Coach Alex Zorniger hatte, war ich Feuer und Flamme für die Mission in Leipzig. Ich bin ein Perfektionierer und Entwickler - das hat einfach perfekt zusammengepasst. Ich bin ein Fan von RB, weil dort im Gegensatz zu anderen Vereinen Profis am Werk sind. Leute, die wirklich Ahnung haben. Da ist es mir auch egal, wo das Geld herkommt. Andere Klubs haben von Großsponsoren auch viel Kohle bekommen und müssen jetzt eine Bürgschaft beim Land beantragen, so eine Misswirtschaft ist doch Wahnsinn.

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