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Formel 1

Das schwäbische Understatement funktioniert

Von Alexander Maack
Lewis Hamilton strahlte auch lange nach der Zieldurchfahrt über seinen ersten F1-Sieg für Mercedes
© getty

Lewis Hamilton hat beim Großen Preis von Ungarn seinen ersten Sieg für Mercedes gefeiert. Dabei ging das Team aus Brackley eigentlich nicht davon aus, wirklich konkurrenzfähig zu sein. Während Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel sich Fehler leistet, rüsten die Silberpfeile jetzt richtig auf.

Die Worte von Motorsportdirektor Toto Wolff klangen am Samstagmorgen wenig erfreulich. "Mit der Pole-Position haben wir heute nichts zu tun", gab sich der Österreicher überzeugt. Lewis Hamilton strafte ihn Lügen und nutzte die Gunst der Stunde. Weil Sebastian Vettel sich gleich mehrere Fehler auf seiner entscheidenden schnellen Runde leistete, stellte Hamilton seinen W04 auf Startplatz eins.

Doch trotz der vierten Pole-Position des Engländers in dieser Saison kam danach keine Euphorie auf. "Wir kämpfen an diesem Wochenende mit den Reifen. Wir verstehen nicht genau, wie wir sie richtig nutzen müssen", gab Teamchef Ross Brawn zu. Dem Wort "Sieg" wichen die Beteiligten sofort aus. Die Zurückhaltung des Rennstalls erinnerte ein wenig an das Understatement, für das die schwäbische Heimat des Mercedes-Mutterkonzerns bekannt ist.

"Es ist großartig, die Pole-Position zu haben, doch das bedeutet nicht viel", sagte auch Hamilton: "Es nervt schon, dass ich es im Rennen nicht mit den anderen aufnehmen kann." Sämtliche Beteiligte waren sich einig: Die Silberpfeile erleben am Sonntag wieder ein mittelschweres Fiasko. "Mercedes fährt ein gutes Qualifying, hat dann aber Probleme, sich im Rennen zu halten", sagte etwa Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery.

Das Ende der Desaster

Allerdings bewahrheiteten sich die düsteren Voraussagen nicht. Obwohl Mercedes als einziges Team keine Daten über die neuen Reifen beim Young Driver Test in Silverstone sammeln konnte, weil das Team nach den illegalen Probefahrten mit Pirelli im Mai von der Veranstaltung verbannt war, fiel Hamilton nicht zurück. Er fuhr stattdessen konstant schnell und brannte in der vorletzten von 70 Runden die drittschnellste Rundenzeit aller Piloten in den Asphalt. Lediglich die Red Bull waren noch besser.

Werden die Umstände des Rennens betrachtet, ist Hamiltons Erfolg noch bemerkenswerter. Bei den bisherigen zwei Saisonsiegen von Mercedes profitierte Nico Rosberg von Außergewöhnlichem. In Monaco war es Streckencharakteristik, die Überholen unmöglich machte. In Silverstone schied Vettel mit Getriebedefekt aus, nachdem Hamilton schon früh mit einem Reifenplatzer die Niete in der Grand-Prix-Tombola gezogen hatte.

Vettel: "Lewis ist vorne weggezogen"

Beim Ungarn-GP aber konnte sich Hamilton in der Anfangsphase des Rennens schnell absetzen. Red Bull war gewarnt. "Die Situation wurde nicht einfacher, nachdem ich mir den Frontflügel beschädigt hatte", erklärte Vettel über seine Kollision beim Versuch, Jenson Buttons McLaren nach den ersten Boxenstopp zu überholen: "Ich wusste, wie wichtig es für die Strategie und für mein Rennen ist. Lewis ist vorne weggezogen."

Davon konnte den Weltmeister von 2008 auch die extreme Hitze nicht abhalten. Die Thermometer zeigten während des Rennens 37 Grad Celsius an.

Im letzten Jahr hatte Mercedes mit diesen Bedingungen extreme Probleme und stellte die Entwicklung des Autos zum Saisonende ein, um die Rennwochenenden als Testfahrten für die Saison 2013 zu nutzen.

2012er Probleme als Erfolgsgeheimnis?

Die Entscheidung hat sich in Ungarn erstmals vollständig ausgezahlt. Die Entwicklungsarbeit trägt Früchte, weil Pirelli die Konstruktion von 2012 nach den Reifenplatzern von Silverstone wieder aus der Schublade gezogen hat. "Grundsätzlich sollten uns die Reifen entgegenkommen - mehr als die letzten", sagte Motorsportdirektor Wolff schon am Samstag voraus.

Auch wenn die Strecke in Ungarn durch spezielle Anforderungen an die Balance einzigartig ist, hängen Mercedes-Erfolge künftig nicht mehr am Unglück der Konkurrenz. Die Stimmung beim Rennsieger war deshalb mehr als gelöst. "Das ist für uns der Wendepunkt in der Saison", so Hamilton. "Wir haben ständig Upgrades am Auto. Vor einem Jahr waren wir mit der Technikabteilung nicht annähernd so produktiv, wurde mir gesagt."

Mercedes bringt viele Updates

Das Aufrüsten in der Fabrik, wo mehrere frühere Chefentwickler parallel nebeneinander arbeiten, geht aktuell auf. Der Update-Brei der vielen Köche schmeckt dem Auto. "Ich freue mich schon auf die nächsten beiden Rennen in Spa und Monza", frohlockte Brawn: "Da haben wir noch einmal größere Pakete am Start. Danach werden wir dann entscheiden, mit welchen Prioritäten wir bis zum Ende der Saison weitermachen."

Nach dem Rennen auf dem Hungaroring trennen Lewis Hamilton 48 Punkte vom WM-Führenden Sebastian Vettel. Der 28-jährige Engländer schöpft Hoffnung. "Wir müssen hart arbeiten", erklärte Hamilton: "Wir wissen nie, wie die Reifen woanders funktionieren. Aber wenn wir sie hier haltbar machen können, sollte uns das überall gelingen." Dem Wort "Sieg" wird Mercedes bei den nächsten Rennen wohl kaum ausweichen können.

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