Formel 1


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04.07.2013 | 1251 Aufrufe | 3 Kommentare | 2 Bewertungen Ø 9.5
In those days: GP Deutschland 2009
Gebrochen, geheilt, geweint
Erinnert ihr euch?

Letzte Woche hat Mark Webber seinen Abschied aus der Formel 1 bekanntgegeben. Ein paar Tage danach fährt er zum letzten Mal auf der Strecke, die den Durchschnittspiloten zu einem Grand-Prix-Sieger formte. Auf der Rechnung hatte ihn damals keiner. So wie immer bei den neuen Leiden des nicht mehr ganz jungen W.


Der Urschei ist nicht bis Australien zu hören, aber er ist gewaltig. Nach der Zieldurchfahrt entlädt sich die gesammelt-gestaute Wucht aus bescheidenen Jahren, Rückschlägen und Zweiflern in einer tränenerstickten Kreischattacke. Mark Webber, der Sieger des Großen Preises von Deutschland 2009, brüllt nicht, als er zum ersten Mal als Erster abgewunken wird. Er hyperventiliert. Im Positiven.


Der 12. Juli ist sein Tag. Das allein wäre schon die späte Erfüllung eines Unbesungenen, wenn man bedenkt, dass dieser Rennfahrer fast 33 Jahre und 130 Grand Prix alt werden musste, um das süße Gefühl des Sieges zu verspüren. Aber die Erlösung in der Eifel hat eine weitere Vorgeschichte, und sie rückt den Gewinner Webber nochmals in eine Pose heroischen Ausmaßes.



Im Januar 2009 hatte sich der Red-Bull-Pilot bei einem Radunfall das Bein und die Schulter gebrochen. An ein geregeltes Vorbereitungsprogramm war nicht zu denken, sogar die Teilnahme an der Saison stand auf der Kippe. Als frischgekürter Sieger enthüllt Webber am Nürburgring, wie er zu Jahresbeginn malträtiert wurde: "Es ist absolut klar, dass der Fuß weit davon entfernt war, geheiltzu sein. Er war nach wie vor gebrochen. Nur das Metall hielt ihn zusammen..."


Webber fuhr unter starken Schmerzen. Und die Zyniker der Szene wetzten mal wieder ihre Messer. Der Australier, dem auf ewig das Pech an den Fersen zu haften schien, hatte sich gewissermaßen selbst übertroffen: Eine Verletzung kommt nie gelegen, aber der Radunfall war im traurigsten Sinne ein echter Beinbruch. Äußerlich ließ sich Webber nichts von seinem Handicap anmerken, zu groß war die Sorge, er könnte sein Cockpit verlieren - jenen Sitz, dem just 2009 eine ungeheure Zunahme an Begehrlichkeiten zufiel. Red Bull war vier Jahre im düsteren Mittelfeld gesteckt, doch nun, im Zuge der revolutionären Regelumwälzungen, hatten die Österreicher praktisch über Nacht zur Spitze aufgeschlossen. Mark Webber, den die unerbittliche Formel 1 zuvor nie mit tauglichem Material ausgestattet hatte, zählte zur selben Zeit die eingesetzten Schrauben in seinem Unterschenkel. Es tat weh. Nicht die Schrauben.


Angeschlagene Boxer...


Ein junger Deutscher namens Sebastian Vettel nutzte die Gunst der Stunde. In China, beim dritten Saisonlauf, kraulte er im Monsun-Regen zum ersten Red-Bull-Erfolg überhaupt. Webber wurde Zweiter. Nur Zweiter. Drei Wochen vor seinem Heimrennen triumphierte Vettel im englischen Silverstone. Webber wurde Zweiter. Nur Zweiter. Immer wieder Zweiter.


Irgendwie waren es die Vorboten der Jahre.


Im Juli 2009 peilt Sebastian Vettel am Nürburgring seinen ersten Triumph auf deutschem Boden an. Das tut er nächsten Sonntag wieder. Oder: Noch immer. Auslegungssache.


Vor vier Jahren reicht es für Vettel nur zum vierten Startplatz. Jenson Button, der - diffuse - WM-Leader im BrawnGP, wird Dritter, sein Teamkollege Rubens Barrichello Zweiter. Die Pole Position aber geht an Mark Webber. Merke: Angeschlagene Boxer sind die gefährlichsten.


Und bleiben es. Nicht wahr, Herr Barrichello? Beim Sprint in den ersten Rechtsknick setzt sich der Brasilianer auf gleiche Höhe mit Webber, doch es gibt zwei Probleme: Der Red-Bull-Fahrer verliert für einen Moment die Orientierung, zudem drängelt von der anderen Seite Weltmeister Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes. Webber schießt im Sandwich Barrichello/Hamilton auf das Nadelöhr zu, wähnt Rubens fälschlicherweise zu seiner linken (und Hamilton sicher an jedem anderen Ort) und zieht leicht nach rechts, um die Innenbahn zu verteidigen. Dort trifft er auf Widerstand - Barrichellos weißlackierte Flanke. Die beiden berühren, und zu allem Schlamassel kommt sich Webbers Frontflügel mit Hamiltons Hinterrad ins Gehege. Der Brite trägt einen Plattfuß davon. Er wird das Ziel als Letzter erreichen.



Barrichellos Auto hat ebenfalls Schaden genommen, doch er führt vor Webber. Im Tandem seilen sie sich rasch vom Feld ab - auch, weil der Drittplatzierte Heikki Kovalainen als Bremsklotz in Erscheinung tritt. Felipe Massa (Ferrari), Button und der schwach gestartete Vettel beißen sich am McLaren-Finnen die Zähne aus.


"Alles nur Blabal!"


Nach zehn Runden ereilt Mark Webber das vermeintliche Ende aller Träume. Die Rennleitung brummt ihm als Verursacher der Start-Kollision eine "Drive-Through-Penalty" auf. Das heißt: Eine Boxendurchfahrt ohne Boxenstopp. Zu diesem Zeitpunkt liegen er und Barrichello bereits 17 Sekunden vor Lokomotive Kovalainen, Tender Button sowie den Waggons Massa und Vettel. Dennoch schwant dem Australier Böses. Was für Knüppel ihm bloß zwischen die (maladen) Beine geworfen werden wegen so einer Petitesse! "Ich war geschockt, als ich davon erfahren habe. Ich dachte: Mein Gott, ich bin voll im Soll. Ich weiß, dass Rubens bald zum Nachtanken muss und dass ich alles unter Kontrolle habe." Aus Frust wird Angriffslust: "Mein Renningenieur hat mich beruhigt und ich habe so hart gepusht wie ich konnte."


Webber wittert seine Chance. Er muss vor seinem regulären Boxenbesuch einen Vorsprung herausfahren, der es ihm ermöglicht, im Dunstkreis der Führenden zu verweilen. In Runde 13 biegt Barrichello in die Tankstraße ab, Webber folgt ihm wie ein Schatten, hält jedoch nicht vor seiner Garage, sondern sitzt die Durchfahrtsstrafe ab. Teil eins des Plans funktioniert: Als Leader kehrt er auf die Piste zurück. Kovalainen und Button waren zum Service abgebogen, Massa liegt nun auf dem zweiten Platz vor Barrichello.


Der Red Bull ist das dominierende Fahrzeug in der kühlen, aber trockenen Eifel. Und Webber der Pilot, der zeigt, wo der Hammer hängt. In den fünf Runden bis zu seinem ersten turnusmäßigen Stopp vergrößert er den Abstand zu Massa von neun auf 13 Sekunden. Auch der kleine Brasilianer ist ein Zünglein an der Strategie-Waage. Bis er sich nämlich in Runde 25 Sprit abholt, bremst er den dahinter zappelnden Barrichello empfindlich ein - was Webber erlaubt, wieder auf den Brawn-Boliden aufzuschließen. Trotz der Strafe. Die Hatz beginnt von vorne.



Rubens plagt sich mit stark abbauenden Reifen. Früher als geplant beordert ihn sein Team zum zweiten Wechsel, wo er vom Regen in die Traufe gelangt. Zunächst streikt die Tankanlage, dann Barrichellos Contenance: "Ich bin unglaublich sauer darüber, wie das heute gelaufen ist", krakeelt er gegen seine eigene Mannschaft. "Ich habe alles richtig gemacht, aber das Team hat das Rennen für mich verloren. Am liebsten würde ich mich sofort ins Flugzeug setzen. Ich habe keine Lust, mit irgendjemandem zu reden. Das ist doch alles nur Blabla, das interessiert mich nicht."


Ein Mann in Rage. Deutlich gelassener nimmt Kimi Raikkönen seinen verkorksten Grand Prix zur Kenntnis. In Runde 28 kollidiert er mit Force-India-Pilot Adrian Sutil, der bis dahin das Rennen seines Lebens geliefert hatte und zwischenzeitlich auf Platz zwei lag. Ungeduld und ein Mangel an Cleverness aber lassen die zart keimende Blüten verwelken. In Kimis Kommentar schwingt wie üblich ein Hauch von Poesie mit: "Diese Dinge passieren eben im Rennsport..."


Explosion der Gefühlswelt


Nachdem Barrichello kein Faktor mehr ist, liegt Webber ungefährdet in Front. Sebastian Vettel hatte sich derweil auf den zweiten Rang geschlichen, befindet sich jedoch 15 Sekunden hinter seinem Teamkollegen. Im 43. Umlauf sucht dieser die Boxengasse zum zweiten Mal regulär und zum dritten Mal insgesamt auf, eine Runde vor Vettel. Ein Schlussakt ohne besondere Vorkommnisse. Der Kuchen ist gegessen.


Es wird der erste Sieg eines australischen Piloten seit 28 Jahren, seit Alan Jones in Las Vegas 1981. Als er die Ziellinie überquert, gehen Webbers emotionale Staudämme unter dem Druck der Tränendrüsen in die Knie. Im Team-Funk explodiert seine Gefühlswelt. Es sind fantastische Szenen.


Das Bein, die Pein, plötzlich ist alles vergessen. Wenigstens für diesen einen Sonntag. Webbers spontane Reaktion benötigt keinen Dolmetscher: "I wanted to win so badly!" Eine Prise Pathos darf natürlich nicht fehlen: "Es ist eine Botschaft an die Australier. Ich habe immer versucht, mein Land so gut wie ich konnte zu repräsentieren. Wir sind eine sehr stolze Sportnation."



Sebastian Vettel hat mittlerweile drei Titel angehäuft, aber keinen einzigen Heimsieg erringen können. 2009 wird er Zweiter, während Felipe Massa seinen zickigen Ferrari in ungewohnte Höhen steuert - auf Rang drei. Vierte Plätze sind eigentlich nie wirklich erwähnenswert, und Fahrern bereiten sie mehr Kummer als Freude. Nicht so seinerzeit am Nürburgring, denn Nico Rosberg war im Williams von der 15. Position ins Rennen gegangen. Als Fünfter und Sechster müssen indes die "Brawnies" Button und Barrichello eine herbe Enttäuschung verdauen - inklusive der ungenießbaren Nachspeise mit Barrichellos Wutanfall. Fernando Alonso fährt im Renault ein farbloses Rennen und wird Siebter, die rollende Schikane Heikki Kovalainen sichert sich immerhin einen WM-Punkt.


Schließt der Zirkel?


Am kommenden Wochenende nimmt Mark Webber seinen letzten Grand Prix von Deutschland unter die Räder. Er ist nicht der Favorit, aber war es das jemals? Es wäre ein vollzogener Zirkelschluss, wenn er am Nürburgring sein zehntes Formel-1-Rennen gewönne. Und, ganz nebenbei, König Seb noch einmal ein Schnippchen schlägt.


Bildquelle: spox.com

KOMMENTARE
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RBFriese
04.07.2013 | 11:11 Uhr
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RBFriese : 
04.07.2013 | 11:11 Uhr
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RBFriese : 
Ich bin ein großer Fan deiner Schreibweise. Ich finde es beeindruckend, wie du Bilder aus der Vergangenheit immer wieder aufleben lässt. Und ich finde es toll, wie du immer wieder jemand anderen beleuchtest. Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass du stets etwas zu ausführlich wirst... ein wenig kürzere Beiträge würden mir besser gefallen. Freue mich aber dennoch stets, was neues von dir zu lesen! ;)
Red_7
04.07.2013 | 12:27 Uhr
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Red_7 : 
04.07.2013 | 12:27 Uhr
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Red_7 : 
Ich hätte Webber auch letztes Wochenende von Herzen ein 1-2 Runden längeres Rennen gegönnt. Aber die Engländer haben ihn auch so ausreichend gewürdigt...

Und wen ich das richtig in Erinnerung habe, hat Vettel in Deutschland noch nie ein Formel 1 Rennen gewonnen. Die Chancen auf ein Schnippchen stehen also gar nicht so schlecht...
Dr_D
04.07.2013 | 13:00 Uhr
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Dr_D : 
04.07.2013 | 13:00 Uhr
+1
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Dr_D : 
Das war in der Tat ein starkes Rennen von Webber. Genau so stark ist der Blog.

Ich würde trotzdem eher auf Vettel als auf Webber setzen, wenn schon Red Bull.
Irgendwann muss Vettel doch mal zu Hause gewinnen.
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