06.05.2008 um 01:11 Uhr
Triumph des Schizophrenen
Beeindruckend! Mehr kann man zur Leistung des neuen Weltmeisters Ronnie O'Sullivan nicht sagen. Das gesamte Turnier über hat er seine Gegner nicht nur geschlagen, er hat sie beherrscht. In keinem einizgen Match kam auch nur der leiseste Zweifel daran auf, dass O'Sullivan souverän gewinnen würde - auch nicht beim klaren 18:8-Finalsieg gegen seinen Freund und Trainingspartner Ali Carter.

Zu O'Sullivans Spiel ist im Laufe der WM und meines Blogs alles gesagt worden, deshalb anlässlich seines dritten WM-Titels nach 2001 und 2004 ein paar Worte zur ebenso spannenden wie verstörenden Biographie des 32-jährigen Engländers.

1992 wird der 17-Jährige Ronnie Snooker-Profi, exakt in dem Jahr, in dem sein Vater wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Ronnie Sr., Betreiber einiger Pornoläden im Londoner East End, hatte in einem Nachtclub einen Mann mit einem Messer erstochen. Später wanderte auch noch seine Mutter für ein Jahr ins Gefängnis, weil sie es beim Weiterführen der Läden mit der Steuer nicht so genau genommen hatte. Trotz allem ist Ronnies Verhältnis zu seinen Eltern absolut ungetrübt.

Ungetrübt war in der Vergangenheit die psychische Verfassung des Snooker-Genies allerdings nicht. O'Sullivan leidet an Depressionen, Anfang dieses Jahrtausends wollte er sogar mit dem Snooker aufhören. Dazu kamen Probleme mit Drogen. 1998 wurde ihm einmal ein Sieg aberkannt, weil er bei der Dopingprobe positiv auf Cannabis getestet worden war.

Halt haben ihm seine Familie und sein Mentor gegeben. Seit 2003 ist O'Sullivan mit der Friseurin Jo Langley zusammen und hat mit ihr zwei kleine Kinder.

Und dann ist da noch Ray Reardon. Der sechsmalige Weltmeister hat sich auf Wunsch von Ronnie Sr. dem jungen O'Sullivan angenommen und seinem Spiel wieder einen Sinn gegeben. Zudem sagt er von sich selbst, dass ihm der Langlauf, mit dem er begonnen hat, inneres Gleichgewicht verleiht.

Rückschlage gibt es dennoch immer wieder. Nach wie vor wandelt O'Sullivan am Snooker-Tisch zwischen Genie und Wahnsinn. 2006 verließ er nach einem leichten Fehler mitten im Match gegen Stephen Hendry die Halle, weil er frustriert war und schlichtweg keinen Bock mehr hatte. Zurück blieb ein völlig verdutzter Hendry.

In diesem Jahr sorgte O'Sullivan nach seiner Erstrunden-Niederlage bei den China Open auf der Pressekonferenz für einen Eklat, weil er, von den zähen Übersetzungen gelangweilt, obszöne Gesten mit dem Mikrofon machte. Um es beim Namen zu nennen: Er stellte Oralsex nach und diskutierte mit dem Pressesprecher über die Größe seines Penis.

Kaum zu glauben, dass dieser O'Sullivan und der, der bei der WM Snooker in Perfektion gespielt hat, ein und dieselbe Person sind.

Aber so ist er eben, mal Dr. Jekyll, mal Mr. Hyde.

Im Moment scheint es ihm nicht nur sportlich sondern auch privat gut zu gehen. Bei der Siegerehrung nach dem WM-Triumph wirkte er mit seinen Kindern sehr gelöst und glücklich.

Weil ihn Snooker-Legende Steve Davis auf eine Stufe mit Tiger Woods und Roger Federer stellte, lachte sich O'Sullivan fast kaputt und nannte Davis "verrückt". Ruhm und öffentliches Prestige bedeuten ihm gar nichts, sie sind ihm eher lästig.

Vielleicht kokettierte The Rocket auch deshalb wieder einmal mit einer Auszeit. "Ich bin die Nummer 1 der Welt, Weltmeister, UK Champion und habe drei Maximum Breaks gespielt. Vielleicht ist nach so einer Saison der richtige Moment für eine Pause", sagte O'Sullivan und trübte damit kurzfristig die Stimmung im Crucible Theatre.

Warum? Ganz klar. Auch wenn O'Sullivan polarisiert: Er ist der Mann, der dem Sport Glanz und Brisanz verleiht, dem die Fans zujubeln und mit dem sie leiden können. Ohne ihn wäre Snooker ein ganzes Stück ärmer.

Hoffen wir also einfach, dass Ronnies Gerede von der Pause wieder einmal nicht ganz so ernst gemeint war und dass er 2009 wieder am Tisch steht, um seinen WM-Titel zu verteidigen.

Immerhin fehlen ihm noch vier Titel, um den Rekord von Stephen Hendry einzustellen. Erst dann wäre er auch nach nackten Zahlen der Größte aller Zeiten.

Vom Gefühl her ist er das für viele jetzt schon.





Aufrufe: 1048 | Kommentare: 2 | Bewertungen: 7 | Erstellt:06.05.2008
ø 10.0
Snooker  | WM  | Titel  | finale  | o'sullivan  | carter  | biografie  |
NEUESTE KOMMENTARE KOMMENTIEREN
denkraumverzerrung
06.05.2008 | 08:22 Uhr
denkraumverzerrung : Danke
Danke Ronnie für deine Art Snooker zu spielen.

Danke Alexander Mey für deine Art, diesen Snooker mit deinen Blogs zu begleiten.

Und danke an Ali Carter, welchem ich während dieser WM sehr gerne zugeschaut habe, sein Maximum, sein Stoß über die Eckbandentaschenränder, um aus dem Snooker herauszukommen und für die hochhüpfende Schwarze, welche dann doch noch in der Tasche verschwand!
Ottenau301
08.05.2008 | 13:07 Uhr
Ottenau301 : Fazit & Dankeschön
Ich bin von der WM 2008 überaus begeistert. Von der Qualität her habe ich noch nie ein besseres Turnier gesehen. Nicht nur das "Potting", vor allem die jungen Chinesen überraschten mich da mehrfach mit unglaublichen Bällen, aber zahlten mit inkonstanz Lehrgeld, vor allem aber das unglaubliche Safety bzw. Snookerspiel, vor allem von den "älteren" Hasen fabriziert, habe ich in dieser Form noch nicht gesehen.

Auch von mir deshalb ein großes Dankeschön an jeden einzelnen Spieler, Schiedsrichter, Offiziellen, an Eurosport mit Rolf Kalb, über den ich hier noch 2 Stunden lang loben könnte und natürlich an Blogger Alexander Mey.

Danke für 17 tolle Tage Snooker!
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