05.07.2010 um 11:41 Uhr
Taktische Analyse der DFB-11
Was "passt" bei Deutschland noch nicht? Diese Frage habe ich mir nach den letzten beiden Erfolgen gestellt. Da dies mein erster Blog ist, hoffe ich auf anregende Kritik und vielleicht auf das ein oder andere Lob, wenn er euch gefällt.

Meiner Meinung nach spielt Deutschland eine hervorragende Weltmeisterschaft. Das freut uns natürlich. Wenn man sich auf Ursachensuche begibt, stellt man schnell fest: Der von so vielen (auch von mir) häufig kritisierte Bundestrainer Löw macht zusammen mit seinem Trainerstab eine hervorragende Arbeit. Dazu gehören die Trainer-Basics (Fitness, Teamgeist, Organisation) aber auch die außerordentlich gute taktische/strategische Einstellung der Mannschaft.

Da die Spieler nachweislich viel laufen, auch in den letzten Minuten noch lange Sprints abrufen können (Özil/Müller beim vierten Tor gegen England, Özil/Klose beim vierten Tor gegen Argentinien), und der Teamgeist laut vielen Aussagen der beste seit langem ist, möchte ich mich im folgenden nur mit der strategischen/taktischen Ausrichtung und deren Umsetzung auf dem Platz befassen.

Das die deutsche Mannschaft technisch solide spielt, aber nicht zu den allerbesten Teams in diesem Bereich gehört ist bekannt, das weiß auch Joachim Löw. Wie stellt man nun eine Elf ein, die gegen technisch bessere Gegner bestehen soll. Dabei geht es im Endeffekt um drei Punkte:

1. Gegner Ballbesitz überlassen
2. Eigenes Drittel eng machen und dadurch keine guten Torchancen zulassen
3. Schnelles Angriffsspiel nach vorne mit möglichst vielen Torabschlüssen


Alle drei Punkte müssen gemeinsam betrachtet werden und sind für jeden, der selber mal gegen den Ball getreten hat, nachvollziehbar.

Da man den jetztigen Gegnern im technischen Bereich unterlegen ist, ist es zu aufwändig ein langsames Aufbauspiel zu betreiben. Man sieht am deutschen Spiel, dass die Spieler versuchen, sämtlichen 1gegen1-Situationen aus dem Weg zu gehen (Ausnahme Schweinsteiger beim 3zu0 gegen Arg). Vielmehr sind die Vorstöße nur erfolgreich, wenn der Ball mit maximal 2-3 Kontakten weitergespielt wird, und der Passgeber sofort in der nächsten Lücke die nächste Anspielstation bildet. Je mehr Verteidiger im Weg stehen, desto schwieriger gestaltet sich das selbstverständlich.
Also überlässt man dem Gegner das langsame Ballverschieben in der eigenen Häfte, in der Aufgrund einer hervorragenden ballorientierten Defensivarbeit kaum Räume vorhanden sind.
Wenn sich der Gegner dann in Sicherheit sieht, und alle Spieler aufgerückt sind, versucht man den Ball möglichst schnell zu gewinnen und diagonal, vorwärts auf die andere Seite zu bringen. Die dadurch entstehende Verwirrung lässt sich nur durch harte, kraftkostende Arbeit des Gegners bekämpfen. Schaut man in die Gesichter eines Heinzes/Terrys/Demichelis/Barry nach 60 Minuten, dann sieht man das ganz deutlich.
Im Spiel gegen Argentinien hat man es in einer Einblendung sehr gut sehen können: Löw fordert den ständigen Abschluss. Der Gegner, der die meiste Zeit den Ball hat, soll sich unsicher werden. Er hat das Gefühl, das Spiel im Griff zu haben, kommt aber zu keiner Torchance während die anderen ständig aufs Tor schießen.

Meiner Meinung nach, genau die richtige Spielweise für diese junge, dynamische Mannschaft. Schwierig ist es nur, wenn man defensiv nicht an den Ball kommt. Darum ist das nächste Spiel gegen Spanien das härteste. Die folgenden Pass-Quoten belegen das eindeutig:

Schweinsteiger gegen Argentinien 62%
Ganze N11: 63%
Einziger der Richtung 80 geht war Özil mit 76%
Selbst die Innenverteidiger knabbern an den unteren 70ern rum

Im Vergleich dazu Spanien im Spiel gegen Paraquay, die passsicherste Mannschaft des Turniers:

Einige spieler:
pique 84%
puyol 86%
iniesta 83%
xavi 79%
capdevila 82
xabi alonso 76%
ramos 83%
busquets 82%
fabregas 83%
insgesamt 79%

Welche Schlüsse lässt das zu? Erstmal nicht viel, da Deutschland und Spanien komplett anders spielen. Bei Deutschlands schnellerem und risikoreicheren Aufbauspiel, kommt es zu viel mehr Vertikalpässen, die leider auch zu oft in Ballverlusten enden. Spanien dagegen baut langsam auf, lässt erstmal Xavi und Iniesta auf 4 Metern 2 Doppelpässe spielen und hat dann alle Gegner vor sich die sich, durch geschicktes Kombinationsspiel und Verschieben, dann schließlich überwinden lassen.
Chance für Deutschland: Die Abschlussstarken Spitzen (Villa/Torres) sofort doppeln, den Ball gewinnen, und dann wie in den anderen Spielen ausnutzen, das sich die komplette spanische mannschaft am Aufbauspiel beteiligt!
Wenn wir jedoch den Ball zu oft im Aufbauspiel verlieren sieht es ganz schlecht aus, weil sich der Ballgewinn als deutlich schwieriger zeigen wird, im Vergleich zu den Spielen gegen England und Argentinien.


Fazit: 1.Lässt Deutschland weiterhin so wenige, freie Räume vor dem eigenen Strafraum zu ..
2.Verliert Deutschland nicht mehr so viele Bälle in der Vorwärtsbewegung ..
3. Behält die N11 vor dem Tor die Coolness..

..dann haben wir am Mittwoch großartige Chancen, uns für das verlorene Endspiel 2008 zu revanchieren.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!
Aufrufe: 903 | Kommentare: 0 | Bewertungen: 2 | Erstellt:05.07.2010
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