20.07.2010 um 12:24 Uhr
FC Barcelona - Teil 2
Niederländischer Kulturtransfer – alles Cruyff oder was?



Nach bzw. im Zuge der politischen Revolution sollte nun auch die sportliche folgen: Mit Rinus Michels als Trainer und Johan Cruyff erhielt der voetbal total Einzug in Barcelona. Doch der Reihe nach: Mit dem Star der EM 1972, Günter Netzer, war Real Madrid 1973 ein Transfercoup geglückt. Barca wollte nachziehen, bot 5,5 Millionen DM für Gerd Müller, doch der wollte in München bleiben. Als Gegenstück zu Netzer wurde man dann aber in den Niederlanden fündig, bei Ajax Amsterdam um genau zu sein: Johan Cruyff sollte es richten. Und wie er es richtete. Mit einer Ablöse von umgerechnet 3,7 Millionen DM und 2,35 Millionen DM Gehalt wurde es ein Mega-Deal für den mit Ajax zerstrittenen Star. Für Real, die auch an dem Spielmacher dran waren, war Cruyff übrigens zum einen zu teuer, zum anderen zu liberal eingestellt.

Cruyff beeinflusste in der Folge sofort eine Stadt und einen Verein, wie wohl kaum ein Fußballer vor oder nach ihm: Er bekam den Spitznamen „El Salvador" (der Erlöser). Cruyff kam, aufgrund von Komplikationen beim Transfer erst nach sechs Spieltagen nach Barcelona: Barca hatte nur 6 Punkte auf dem Konto, war Vorletzter. Am 28.Oktober 1973 hatte Cruyff dann sein Debut. Granada wurde mit 4:0 geschlagen, Cruyff war doppelter Torschütze. Mit dem niederländischen Superstar änderte Barca quasi über Nacht die eigene Spielphilosophie und sprach den Menschen Kataloniens aus dem Herzen. Aus defensiv geprägtem, unattraktivem Fußball wurde plötzlich ein Spiel, das von Tempowechseln, Offensivspektakeln und Kombinationsspiel geprägt war, der Zuschauerschnitt wuchs von 35.000 auf 90.000 bei den Heimspielen.

Cruyff selbst betonte einst, wie wichtig der Verein für die Katalanen ist und trug selbst seinen Teil dazu bei. Am 17. Februar 1974 besiegte Barcelona Francos Real in Madrid mit 5:0. Die Menschen in Barcelona feierten den Sieg auf den Strassen, es war ein Sieg über das Regime. Und Cruyff hieß fortan nur noch „El Salvador".
Nach dem Meistertitel 1974 sprang mit Cruyff, und später auch Neeskens, allerdings nur noch der Pokalsieg 1978 heraus. Real gewinnt zwischen 1974 und 1980 vier Meistertitel und Barca bleibt hinter den eigenen Erwartungen zurück. Nach 227 Spielen und 85 Toren für Barca verabschiedet sich Cruyff. Fürs Erste.


Cruyff – und dann?

1975-1990 folgte eine schwarze Zeit für Barca. Real wurde zehn Mal Meister, auch Atlético Madrid und Bilbao überholten Barcelona, für die nur ein Meistertitel heraussprang. Und das trotz mehrerer Stars in der Mannschaft: Die Mittelfeldachse Schuster – Maradona funktionierte nur bedingt, der spätere argentinische Weltstar verabschiedete sich nach mehreren Eskapaden, Schlägereien sowie Trainer-Beleidigungen 1984 entnervt, aber immerhin für die Rekordsumme von 13 Mio. US-Dollar nach Neapel.
Es sollte erneut Johan Cruyff sein, der Barca rettete. 1985 bei Ajax Amsterdam als technischen Direktor eingesetzt, kreierte er das „Ajax-System". Ein Fußballsystem, das von eigenem Ballbesitz ausging und das Spiel in die Breite zog. Angeblich wollte Cruyff nach dem Spiel die Sohlen seiner Außenstürmer sehen, um festzustellen, ob die weiße Kreide der Seitenlinie zu sehen war. Zwei Außenverteidiger sowie zwei Außenstürmer und zwei zentrale Mittelfeldspieler bildeten das Gerüst für das System. Raumorientierung und Dominanz standen im Mittelpunkt.

Als Trainer sollte Cruyff Barcelona jetzt noch mehr beeinflussen, als zuvor als Spieler. Dazu gehörte auch die Förderung des Nachwuchses, schon seit 30 Jahren ein Markenzeichen des niederländischen Fußballs. La Masia, dem über 300 Jahre alten Bauernhaus, das bald einem neuen Trainingskomplex weichen wird, wird in der Folge eine scheinbar unendliche Quelle hoffnungsvoller Nachwuchstalente. Johan Cruyffs Sohn Jordi, der die Ausbildung ebenfalls durchlief, beschrieb La Masia einst so: „In Barcelona spielt es keine Rolle, wie schnell, wie groß, wie stark ein Junge ist, wie lange er rennen kann. Es interessiert nur eines: Wie gut ist er mit dem Ball. Darauf ist die ganze Ausbildung ausgerichtet. Krafträume oder Dauerläufe kennen die Talente bis zum 16. Lebensjahr nicht, Kondition und Fitness erarbeiten sie sich quasi nebenbei mit dem Ball. In acht Jahren holte Cruyff 29 Talente aus der eigenen Jugend in die erste Mannschaft.

Auf engstem Raum, bedrängt, den tödlichen Pass zu spielen gilt als eines der Ideale. Während die ganze Welt Sacchis 4-4-2 spielte, ließ Cruyff in Barcelona eine Art 3-4-3 spielen. Zwölf Titel in acht Jahren stehen am Ende zu Buche.
Streitigkeiten mit Präsident Nunez, aber auch zunehmender Misserfolg (Cruyff: „Der Zyklus ist zu Ende") führen letztlich zum Abschied des bisher erfolgreichsten Trainer der Barca-Geschichte.

Es folgt das Trainergespann Robson/Mourinho, die mit dem offensiven Traumpaar Figo/Ronaldo einen neuen Torrekord aufstellten: 102 Tore stehen nach der Saison 1996/97 auf der Haben-Seite. Meister wird mit 17 Toren weniger aber dennoch Real, für Barca springt immerhin noch die Copa del Rey heraus. Auch Ronaldo hat, wie Robson, Probleme mit Nunez, flieht nach einer Saison und 45 Pflichtspieltoren in Richtung Mailand. Van Gaal, auch aus der Ajax-Schule aber trotzdem ganz anders als Cruyff, kommt als nächster Niederländer nach Barcelona. Allerdings kopierte der Championsleague-Sieger von 1995 vielmehr Ajax als dass er in Barcelona wiederaufbaute, was bei den stolzen Katalanen nicht gut ankam.

In der Folge sollte mit Frank Rijkaard und Präsident Laporta eine neue Ära eingeleitet werden. Rijkaard, von Cruyff stark protegiert, ließ ein 4-3-3 spielen und der Verein hielt trotz Stotterstart an ihm fest. Mit Ronaldinho, Deco und Eto´o gewinnt Barcelona 2006 die Championsleague mit einem 2:1 über Arsenal London in Paris. Mit Valdez, Iniesta, Oleguer und Puyol stehen zu diesem Zeitpunkt bereits vier Katalanen und Profis aus der eigenen Jugendabteilung auf dem Platz. Eine Tendenz, die in den nächsten Jahren und unter Nachfolger Guardiola noch steigen sollte und im Rekordjahr 2009, das Barcelona mit sechs Titeln abschloss, mündete.
Auch heute leben und vererben die Anhänger Barcas das Gefühl von „Més que un club". Der Verein lebt von der eigenen Jugend, die früh, neben dem Spielsystem und dem Spielverständnis des FC Barcelona, auch die Kultur Kataloniens und die Bedeutung des Clubs eingepflanzt bekommen und so tief mit der Region und den Menschen verwurzelt sind. Spieler wie Xavi, Iniesta, Messi oder Puyol werden aller Voraussicht nach nie für andere Vereine spielen, sondern Barcelona treu bleiben, der eben einfach mehr ist, als ein Club.

Aufrufe: 3368 | Kommentare: 24 | Bewertungen: 25 | Erstellt:20.07.2010
ø 9.9
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KOMMENTARE
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Realmadrio
20.07.2010 | 13:00 Uhr
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Realmadrio : 
20.07.2010 | 13:00 Uhr
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-12
Realmadrio : 
schön geschrieben, schön mit bildern gemacht und so, aber alles in allem nichts neues!
GNetzer
REDAKTEUR
21.07.2010 | 10:40 Uhr
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GNetzer : 
21.07.2010 | 10:40 Uhr
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GNetzer : 
Tolle Arbeit hast du dir da gemacht. Ganz stark! Mes que un blog...
La_Pulga
21.07.2010 | 10:43 Uhr
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La_Pulga : 
21.07.2010 | 10:43 Uhr
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La_Pulga : 
Wow!

Hab mir grade das ganze Ding mal durchgelesen, klar waren die meisten Informationen schon bekannt, aber Du hast die Inofs zum FC Barcelona wirklich hervorragend zusammengetragen!

Hoffentlich bekommt der Blog noch etwas mehr Aufmerksamkeit...

20 Punkte!
Risi96
21.07.2010 | 14:30 Uhr
+6
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Risi96 : 
21.07.2010 | 14:30 Uhr
+6
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Risi96 : 
Sehr intressant weil ich letztens urlaub in Barcelona gemacht habe und im Stadion mich auch mit der Enstehungsgeschichte befasst habe

10 Pkt - enk nicht das man hier viel verbessern kann. Denn um es ausführlicher zu machen bräuchte man noch 2 Blogs
KingLinne
21.07.2010 | 15:11 Uhr
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KingLinne : 
21.07.2010 | 15:11 Uhr
+6
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KingLinne : 
Wirklich ein sehr sehr guter Blog. 10 Pkt sind Pflicht
FanBoyNinety
21.07.2010 | 15:52 Uhr
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-7
21.07.2010 | 15:52 Uhr
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-7
Ganz ehrlich: Einen Link zu Wikipedia hätte es hier auch getan.

Deine Arbeit und der Text verdienen natürlich Lob.
adriano0589
21.07.2010 | 17:05 Uhr
+2
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21.07.2010 | 17:05 Uhr
+2
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Danke für das Lob! Klar weiß man einiges schon, das lässt sich ja nun nicht ganz vermeiden...aber bei Schreiben und Rechreche kamen mir zumindest einige Sachen die ich noch nicht wusste

@FanBoyNinety
Von Wikipedia ist nur das zweite Zitat von Carreras

@Risi96
Ja, ich musste auch jetzt schon etwas kürzen
MESSi_89
21.07.2010 | 17:06 Uhr
+5
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MESSi_89 : 
21.07.2010 | 17:06 Uhr
+5
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MESSi_89 : 
danke adriano
gefaellt mir
vicente81
21.07.2010 | 17:48 Uhr
0
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vicente81 : 
21.07.2010 | 17:48 Uhr
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-7
vicente81 : 
Hochverschuldet und keinen interessierts....."50 Millionen haben wir noch für Transfers...."
furia_roja
21.07.2010 | 18:06 Uhr
+3
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furia_roja : kompliment!
21.07.2010 | 18:06 Uhr
+3
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furia_roja : kompliment!
sehr guter blog.tolle informationen,nur Iniesta ist kein gebürtiger Katalane,
grüße.
10pkt. !
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