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22.12.2017 | 385 Aufrufe | 0 Kommentare | 0 Bewertungen Ø 0.0
El Clasico 2017
Brisant wie nie
Beim Clasico rückt der Sport in den Hintergrund. Es geht um aktuelle Politik und einen alten Konflikt.

Anmerkung:
Dies ist die aktualisierte Version eines älteren Textes, der unter dem Titel "Mehr als ein Spiel" schon einmal veröffentlicht wurde.

236 offizielle Spiele gab es zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona in der Vergangenheit. El clásico so wird das Duell zwischen den größten Klubs Spaniens genannt. Es ist das am meisten beachtete Fußballspiel der Welt, "die Schlacht um Spanien", wie die Tageszeitung Marca einst titelte. Doch dieses Jahr ist es mehr denn je auch die medienwirksame Bühne für einen politischen Konflikt, der in den vergangenen Wochen eskaliert ist.

Denn el clásico ist nicht nur das Duell zwischen zwei sportlichen Erzrivalen, es ist auch das Aufeinandertreffen zweier Klubs, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der FC Barcelona verkörpert die Region Katalonien, die die Unabhängigkeit von Spanien anstrebt. Und in den Augen der leidenschaftlichen Barca-Anhänger verkörpert Real Madrid alles, wovon sich die Katalanen frei machen wollen: eine faschistische Vergangenheit, Königtreue und die verhasste spanische Zentralregierung.

Dem FC Barcelona wird in dieser Rivalität eine besondere Rolle zuteil. Weil sie von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen ist, bleibt die Existenz einer katalanischen Fußballmannschaft fast unbeachtet. Barca ist stattdessen der Repräsentant der Region. Aus einem Fußballspiel wird politische Symbolik: Spanien gegen Katalonien. Am Samstag gastieren die Katalanen im selbsternannten Feindesland: im mächtigen Estadió Santiago Bernabéu im Herzen der spanischen Hauptstadt.

Der Wunsch nach Freiheit

Bis zu Beginn des 18. Jahrhundert war Katalonien ein eigenes Königreich. Doch in Folge des Erbfolgekrieges musste es sich der Herrschaft des spanischen Zentralstaats unterwerfen und verlor sämtliche Privilegien einer Selbstbestimmung. Damit begann eine Abneigung gegen Spanien, die bis heute Bestand hat.

Mit der Zeit gewann das Gefühl, Katalane zu sein, immer größere Bedeutung für die Menschen. Katalanisch, eine eigene romanische Sprache, und die regionalen Bräuche und Traditionen blühten auf. In den im Norden liegenden industrialisierten Regionen Spaniens, dem Baskenland und Katalonien, gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts den immer stärker werdenden Wunsch, unabhängig zu werden.

Als aber 1939 Franciso Franco nach dem drei Jahre dauernden Bürgerkrieg endgültig an die Macht gekommen war, ließ er sämtliche Unabhängigkeitsbestrebungen radikal unterdrücken. Francos Gegner wurden eingeschüchtert, weggesperrt oder, wenn nötig, exekutiert. Die katalanische Sprache und Kultur wurden verboten.

In dieser Phase der Repression wurde der FC Barcelona zum katalanischen Symbol gegen die diktatorische Herrschaft Francos. Während der Heimspiele Barcelonas konnten sich die Menschen erlauben, ihre eigene Sprache zu sprechen, sie selbst zu sein. Das Camp Nou, die riesige Arena unweit der Placa de Catalunya, wurde zu einem unkontrollierbaren Ort für das Regime.

Geburtsstunde des Clásicos

Die Geburtsstunde des Clásicos fällt wohl ins Jahr 1943. Real Madrid, der Lieblingsverein Francos, hatte sein Heimspiel gegen Barcelona mit 11:1 gewonnen. Doch die Barca-Spieler waren zuvor von der Polizei eindringlich 'gewarnt' worden, die Partie zu gewinnen. Es war von Anfang an ein abgekatertes Spiel mit Barcelona als Leidtragendem.

In den späten 1950er Jahren wurde Real Madrid das sportliche Maß aller Dinge. Vier Mal in Folge gewannen die Hauptstädter den Europapokal der Landesmeister und verdienten sich somit etwas, was dem Regime bis dahin fehlte: internationale Anerkennung. Während des Kalten Krieges hatte das faschistische Spanien in Europa lediglich Portugal als politischen Verbündeten. Umso willkommener waren da die glorreichen Siege von Real Madrid.

Nach Francos Tod 1975 erhielt Katalonien eine beschränkte Selbstverwaltung zurück, doch zahlreiche Katalanen fühlen sich nach wie vor unterdrückt und wollen sich von Spanien abgrenzen.

Seit dem Autonomiestatut aus dem Jahr 1978 hat die Regierung in Madrid der Region zahlreiche Rechte eingeräumt, wie in der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik oder der Organisation der katalanischen Polizei. Das aber reicht den Katalanen nicht. Etwa 20 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts stammen aus Katalonien. Die Region kann über ihre Steuereinnahmen jedoch nicht frei verfügen, Finanzpolitik ist Sache der Regierung in Madrid.

Viele Katalanen fühlen sich nicht ernst genommen. Sie klagen über verkrustete Strukturen, Korruption und Vetternwirtschaft. Viele in der konservativen Regierungspartei Partido Popular seien immer noch Franquisten, so ein weit verbreiteter Vorwurf.

Guardiola Pro Unabhängigkeit

Am 01. Oktober 2017 fand das lang ersehnte Referendum stattf: Soll Katalonien unabhängig werden oder nicht?

Der prominenteste Befürworter der Unabhängigkeitsbewegung: Pep Guardiola, einst Spieler und erfolgreicher Trainer des FC Barcelona. Der heutige Trainer von Manchester City, durch und durch Katalane, wirkt sonst schüchtern und wortkarg. Doch ein eigenständiges Katalonien ist für Guardiola eine Frage des Herzens, nicht des Gesetzes: "Es sind viele Leute, die gehört werden wollen. Und wenn es so viele sind, dann gibt es kein Gesetz, das das verhindern kann."

Der FC Barcelona hat sich nie öffentlich für eine katalanische Unabhängigkeit ausgesprochen, aber stets für das Recht auf Selbstbestimmung. Das offizielle Klubmotto lautet més que un club - Mehr als ein Verein. Es ist ein Statement an die Welt: Barca steht für mehr als nur Fußball. In den vergangenen Jahren provozierte der Verein gerne mit gelb-rot-gestreiften Auswärtstrikots, die stark an die katalanische Flagge erinnerten.

Als am 01. Oktober die Katalanen an die Wahlurnen wollten, reagierte der spanische Staat mit massiven Repressionen, der Wahltag endete im Chaos. Ministerpräsident Mariano Rajoy wollte das Votum mit allen Mitteln, auch gewaltsamen, verhindern und zeigte danach weder Reue noch Gesprächsbereitschaft.

Anstatt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, bekriegen sich Autonomie- und Zentralregierung, es wird gerne übereinander, aber nicht miteinander gesprochen.

Immer wieder berufen Rajoy und das Verfassungsgericht sich auf Artikel zwei der spanischen Verfassung. Dieser schreibt die "unauflösliche Einheit der spanischen Nation" vor. Aber auch das Recht auf Autonomie der "Nationalitäten" und "Regionen", ohne beide Begriffe zu definieren. Spanien ist tief gespalten. Vieles ist ungewiss. Wie geht es weiter mit Katalonien? Im Rest des Landes ist die Region an der Grenze zu Frankreich unbeliebt. Viele Spanier sind genervt von den Katalanen. Sie gelten als sparsam und eigen, weil sie eine eigene Sprache sprechen. Doch der Umgang der Zentralregierung mit den knapp siebeneinhalb Millionen Menschen dort hat auch zahlreiche Solidaritätsbekundungen im Rest Spaniens hervorgerufen.

Das katalanische Parlament in Barcelona hat Ende Oktober die Unabhängigkeit ausgerufen. Gleichzeitig aktivierte Ministerpräsident Rajoy Artikel 155 der spanischen Verfassung. Er berechtigt die Zentralregierung zu "erforderlichen Maßnahmen", um laut Verfassungstext eine autonome Gemeinschaft wie Katalonien dazu zu zwingen, die Verfassung und das allgemeine Interesse Spaniens zu achten.

Dieser Artikel wurde seit dem Ende der Franco-Diktatur nicht mehr angewendet und lässt eine nachhaltige Lösung in einem Konflikt, der längst eskaliert ist, in weite Ferne rücken. Die Zentralregierung hat, so scheint es, eine Einbahnstraße der Unvernunft eingeschlagen und stärkt somit ungewollt die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien. Doch auch die katalanische Autonomieregierung zeigt sich unnachgiebig, die Situation hat längst Züge eines Grabenkrieges angenommen.

Legal? Nein! Legitim?

Das Referendum war laut Gesetz nicht legal. Ob es legitim war, ist eine andere Frage. Es geht um das Recht auf Selbstbestimmung, sagen die Separatisten. Es wäre ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Kleinstaaterei, sagen die Kritiker.

Natürlich gibt es auch innerhalb Kataloniens Zweifler und Gegenstimmen, die Region ist keinesfalls geeint. Die volkswirtschaftlichen und politischen Auswirkungen einer Abspaltung sind kaum absehbar. Börsennotierte Unternehmen und Großbanken sind aufgrund der unsicheren Lage bereits abgezogen. Bei den jüngsten Parlamentswahlen, die am Donnerstag stattfanden, hat das Lager der Unabhängigkeitsbefürworter gewonnen, der regionale Ableger der konservativen Volkspartei von Ministerpräsident Rajoy hat enorm an Sitzen verloren.

Sollte, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, Katalonien tatsächlich unabhängig werden, ist vieles ungewiss. Kann das Land Mitglied der Europäischen Union werden? Was passiert mit den zahlreichen Spaniern? Die kompliziert in solchen Fällen die Rechtslage ist, zeigt sich aktuell beim Brexit, wo um jeden Paragraphen gestritten wird. Und wie würde langfristig das Verhältnis zwischen Spanien und Katalonien?

Dem FC Barcelona wurde mit dem Ausschluss aus der spanischen Liga gedroht, sollte es zur Unabhängigkeit der Region kommen. Tatsächlich aber würde sich der Ligaverband damit wohl ein spektakuläres Eigentor schießen, denn der Liga würde einer der attraktivsten Titelaspiranten fehlen, der legendäre Clásico wäre nur noch Folklore der Vergangenheit. Überdies lassen sich die katalanischen Fans von dieser Drohung kaum beeindrucken. Bei den Heimspielen Barcas sind immer wieder die Fahnen der Unabhängigkeitsbewegung zu sehen, bei internationalen Spielen wird ein großes Banner aufgehängt: Catalonia is not Spain steht darauf. Diese Provokationen lösen Gegenreaktionen aus.

Der FC Barcelona musste in dieser Saison schon einmal in die Hauptstadt, zum Auswärtsspiel gegen Atlético de Madrid. In dessen neuem Stadion waren zahlreiche Fahnen Spaniens zu sehen, der politische Konflikt macht vor den Rängen eines Fußballstadions nicht Halt. Doch die Rivalität zwischen Barca und Real Madrid ist bedeutend größer, die Symbolik auf den Rängen wird am Samstag unübersehbar, die Abneigung unüberhörbar sein.

Die sportliche Brisanz

Dabei hat der 237. Clásico sportlich viel zu bieten. Die beiden besten Fußballer unserer Zeit, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, werden gleichzeitig auf dem Platz stehen. Auf sie werden alle Augen gerichtet sein. Das Spiel erzählt aber auch die Geschichte von Gerad Piqué und Sergio Ramos. Die beiden bilden seit Jahren in der spanischen Nationalmannschaft die Innenverteidigung, sind aber auch erhabene Repräsentanten ihrer Klubs und pflegen schon lange eine Feindschaft, die sie gerne auch in der Öffentlichkeit austragen. Piqué, stolzer Katalane und Feindbild der Real-Anhänger, äußerte sich mehrmals öffentlich für eine katalanische Eigenständigkeit. Regelmäßig wird er bei Länderspielen von den eigenen Fans ausgepfiffen. Unmittelbar nach dem Referendum im Oktober bot er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an: "Falls der Verband wirklich denken sollte, dass ich ein Problem bin, werde ich zurücktreten."

Es ist aber auch die Begegnung zweier deutscher Nationalspieler: Für Real Madrid läuft Toni Kroos auf, mit einem Weltmeistertitel und drei gewonnen Champions-League-Trophäen erfolgreichster deutscher Spieler und unabkömmlicher Bestandteil in Madrids Spielsystem. Auf der anderen Seite steht Marc-André ter Stegen im Tor des FC Barcelona. Der ehemalige Gladbacher, seit zwei Jahren unumstrittene Nummer eins in Kataloniens Hauptstadt, rechnet sich durch Manuel Neuers Verletzungsanfälligkeit nicht unbegründete Chancen aus, bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr das deutsche Tor zu hüten. Doch all diese sportlich reizvollen Geschichten rücken in den Hintergrund.

Seit über einem Jahrzehnt machen Real Madrid und der FC Barcelona die spanische Meisterschaft unter sich aus. Und dennoch steht, noch stärker als in der Vergangenheit, die politische Situation im Fokus. Ohne Zweifel der Clásico 2017 ist brisant wie nie.

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