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14.01.2018 | 4484 Aufrufe | 0 Kommentare | 0 Bewertungen Ø 0.0
Die Hoffnung stirbt zuletzt - aber sie tut es
Beim HSV gehen die Lichter aus
Der Verein hat erstaunlich viele Problemzonen geschlossen und lässt nun Fragen aufkommen, wie der Erfolg dennoch ausbleiben kann.

Der HSV steckt einmal mehr schultertief im Abstiegssumpf: Individuelle Fehler in der Abwehr, keine Ideen im Mittelfeld, eklatante Harmlosigkeit im Sturm, die Krise könnte fußballerisch wie ergebnistechnisch nicht tiefer sein. Alles wie gewohnt - könnte man meinen. Aber an der Hafenkant steckt man leider gute 6 Jahre zu lange in der Dauerkrise, um zu denken, dass alles beim alten ist.

Denn wenn es an einem beim HSV nicht mehr mangelt, dann sind es Analysen der prekären Situation - von Vereinsoberen wie Medien und Fans. Wie es passieren konnte, dass einer der größten und erfolgreichsten Vereine dieses Landes, der nicht ganz zufällig eine der größten und wichtigsten Städte im Rücken hat, derart abstürzen konnte, ist eine Frage, welche seit 2010 nicht nur in der schönsten Stadt der Welt rauf und runter erörtert wurde.

Die Lage ist komplex, eine Zusammenfassung würde sich wahrscheinlich so anhören: Der stolze Traditionsverein hatte es verpasst, eine Struktur anzunehmen, die im modernen Fußballgeschäft in der Lage ist, die unzähligen verschiedenen Interessengruppen zielführend zu ordnen, wodurch er sich mit Machtkämpfen und Führungskrisen selbst die Möglichkeit nahm, kontinuierlich zu arbeiten. Dies gepaart mit alarmierenden Finanzen ergab eine zerrupfte, inkohärente und überteuerte Mannschaft, aus der talentierte Spieler mangels Perspektive und Kontinuität das Weite suchten. Dazu kommt eine langjährige Uneinsichtigkeit der Verantwortlichen, von der Personal- und Finanzpolitik abzurücken. Kurz: In diesen Jahren waren die aufopferungsvollen Fans die einzige Trumpfkarte dieses völlig handlungsunfähigen Vereins.

Wer jedoch jetzt denkt, die aktuelle Lage sei glasklar, und man könne einfach weiter fordern, der HSV möge doch einfach so unternehmerisch denken wie Leipzig, so kontinuierlich arbeiten wie Freiburg und einfach 11 Toptalente aufstellen wie der BVB, der liegt - wie eingangs erwähnt - fernab der Wahrheit. Denn der HSV ist nicht mehr uneinsichtig.

Die Struktur wurde bereits 2014 zu einer deutlich handlungsfähigeren AG geändert, der Aufsichtsrat ist kleiner und kompetenter, der Vorstand zieht an einem Strang, Machtkämpfe, wie es sie in jedem Verein, der mehr als 7 Mitglieder hat und so etwas wie eine Seele hat, natürlich gibt, werden weitestgehend ohne die Bildzeitung ausgetragen, mit Heribert Bruchhagen wurde ein erfahrener Macher geholt, mit Markus Gisdol ein moderner Trainer mit klaren taktischen Vorstellungen, der nun schon fast - für Hamburger Verhältnisse ewige - anderthalb Jahre an der Seitenlinie steht, die Mannschaft wurde entschlackt und verjüngt, mit Störenfrieden wie Alen Halilovic und Walace wird angemessen umgegangen, und: Für die Internet-Trolle besonders bedauerlich: Gegrillt und vom internationalen Geschäft gesprochen wird in Hamburg schon lange nicht mehr.

Alles Paletti, müssten die 80 Millionen Bundestrainer, welche schon immer genau wussten, was der HSV falsch macht, jetzt eigentlich sagen, und alle HSV-Fans ihnen erleichtert zustimmen. Doch die Realität ist ernüchternd. Zu Rückrundenbeginn steht man auf dem 17. Platz, 15 Punkte, -11 Tore, nur die Kölner Katastrophensaison gibt weniger her. Zum Glück, muss man in Hamburg sagen. Und in Hamburg ist man ratlos.

Es lässt sich nicht mal ein klarer fußballerischer Trend erkennen. Der durchaus ansprechende Kader wirkt besser aufgestellt und eingespielter als die kaum als Mannschaft zu bezeichnenden Haufen, die die Oennings, van Marwijks und Zinnbauers dieser Welt früher in diesem Jahrzehnt auf den Platz geschickt zu haben. Mal macht man das Spiel und ist zu blöd, das Tor zu treffen, dann setzt man gekonnte Nadelstiche und reicht sich hinten selbst die Treffer rein, und immer zwischendurch gibt es dann wieder die mittlerweile schon typischen blutleeren HSV-Auftritte. Wie auch immer man spielt, am Ende steht man mit höchstens einem Punkt da. Woran hat et jelegen - das fragt man sich am Ende immer.

Aber woran hat et jelegen? In alter HSV-Tradition kann man natürlich zunächst einmal den Trainer verantwortlich machen. Und natürlich finden sich in jedem Forum ein paar Fans, die den Rauswurf fordern - damals, als man mit einem Champions League-Kader Thomas Doll durch Huub Stevens ersetzt hat, war schließlich auch noch der UI-Cup drin.

Dennoch ist Markus Gisdol von allen Trainern, die mit dem HSV jemals auf Platz 17 standen, wohl der eindeutig Unumstrittenste. Gisdol sitzt fest im Sattel - und das hat seine Gründe.

Denn er ist genau der Trainer, der dem HSV guttun sollte. Von seinen Fähigkeiten her, er ist ein moderner Trainer Hoffenheimer Zunft, kann mit jungen Spielern umgehen, hat klare taktische Vorstellungen, und weiß, wie er aus vielen durchaus talentierten Einzelakteuren eine funktionierende Mannschaft baut. Und von seiner Persönlichkeit her: Gisdol ist ruhig, lässt sich zumindest öffentlich durch nichts aus der Fassung bringen, stellt sich stets vor seine Mannschaft und zeigt immer wieder, dass er für das Wohl der Mannschaft auch dazu bereit ist, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Wem dies als Argumentation, warum der Trainer nicht das Problem ist, nicht reicht, der möge bitte die Alternativen sondieren und noch einmal genau analysieren, wie viele der letzten 24 Trainerwechsel wirklich funktionert haben. Solange Carlo Ancelotti und Thomas Tuchel nicht die Herauforderung ihres Lebens suchen, wird ein Trainerwechsel fachlich keine Verbesserung und nur eine unwillkommene Ruhestörung und das Ende der immer noch zarten Kontinuität bedeuten.

Über das Management soll hier gar nicht groß gesprochen werden, eigentlich sollte allen klar sein, dass Heribert Bruchhagen das Beste ist, was dem HSV passieren konnte, und Jens Todt im Vergleich zu vielen Vorgängern nicht die entscheidende Rolle spielt, aus der Frank Arnesen und Oliver Kreuzer ihren Schaden anrichten konnten, und somit sicherlich nicht das Kernproblem des HSV ist.

Deutlich näher liegend ist da schon der Schluss, dass die Mannschaft an sich das Problem ist. Wie bereits erwähnt, kann der gemeine HSV-Fan mittlerweile leider schon froh sein, dass man die Mannschaft überhaupt als solche bezeichnen kann. Heute gibt es eine eingespielte Mannschaft mit einer festen Rollenverteilung, und anders als noch vor 3 Jahren sitzen auf der Tribüne nicht 5 Großverdiener, die einfach nicht berücksichtigt werden, weil der Trainer nichts mit ihnen anfangen kann. Auch Kampf und Einsatz stimmen, anders als oft in den Vorjahren.

Geholt wurden vor allem zwei Spielertypen: Hoffnungsvolle Talente, für die Investor Kühne auch schon mal ein wenig tiefer in die Tasche greift, und erfahrene Charaktere wie Andre Hahn und Sejad Salihovic, von denen man sich erhofft, dass sie Verantwortung übernehmen können. Spielertypen, die in den letzten Jahren stets schmerzlich vermisst wurden.

Ein weiterer Stein, der natürlich umgedreht wird, ist die individuelle Qualität, aber auch hier muss man stutzig sein: Neben einer ganzen Reihe hochtalentierter junger Spieler stehen mit Aaron Hunt, Filip Kostic oder Kyriakos Papadopoulos durchaus Akteure im besten Fußballalter zur Verfügung, die bereits nachhaltig bewiesen haben, dass sie gehobenes Bundesliganiveau haben. Der Kader des HSV mag nicht mehr den hohen Ansprüchen von früher genügen, aber für einen gesicherten Mittelfeldplatz müsste er allemal reichen.


Gute Spieler, die beim HSV nicht ihre gewohnte Leistung bringen, waren einst Opfer eines nicht vorhandenen taktischen Plans und Mannschaftsgefüges, diese Ausrede hat in der Ära Gisdol/Bruchhagen niemand mehr.

Da man ja ohne ihn nicht mehr über den HSV sprechen kann, sei an dieser Stelle auch einiges über den Investor gesagt: Klaus-Michael Kühne ist und war nie das Problem. Er hat den HSV mit Budget und in Form von Ex-Aufsichtsratsvorsitzendem Karl Gernandt mit Fachkompetenz ausgestattet. Seit Bruchhagen findet nun eine Kommunikation zwischen Verein und Investor statt und dessen medial bis auf den letzten Fetzen ausgeschlachtete Interviews finden auf einmal nicht mehr statt. Weil der HSV als Verein ungestört arbeitet und Kühne sich einbringen lässt, hat dieser nun auch einen Weg, seine elementare Rolle im Sinne des Vereins einnehmen zu können.

Was also sorgt dafür, dass ein Verein, der mit einer ruhig und sachlich arbeitenden Führung, einem ungestört agierenden Trainer, einer ganzen Reihe hoffnungsvoller Talente und durchaus vorhandener individueller Qualität dennoch scheinbar ohne jede Chance ist, sich aus dem Abstiegssumpf zu befreien? Es lässt sich nur spekulieren.

Klar ist jedoch, dass die Probleme, die den Verein lähmen, sehr viel tiefer gehen. Erfolg im Sport ist Psychologie, und auf psychologischer Ebene steckt der HSV nach den Hungerjahren in einer Sackgasse. Die lodernde Flamme, die dieser großartige Verein einmal war, ist nunmehr ein kleines Licht, das langsam aber sicher erlischt.

Der in der weltoffenen Hafenstadt einst allgegenwärtige und völlig selbstverständliche Traum von internationalem Fußball, von legendären Fußballspektakeln bei Juve oder Rom, oder meinetwegen Galatasaray Istanbul, ist an der Realität gescheitert und existiert nur noch in den Köpfen sehr unkreativer Hater im Internet.

Der Stolz auf den Traditionsklub alter Schule, der sich den Retortenklubs und den Bayerns und Dortmunds der Liga, die mittlerweile auch nicht mehr als ein Unternehmen sind, ist seit 2014 stetig aus dem Verein entwichen wie Luft aus einem Ballon: Der HSV ist nun selbst eine Aktiengesellschaft, die Fans spielen im Geschäft (zum Glück!) keinerlei Rolle mehr, und das finanzielle Wohlbefinden ist abhängig von einem Milliärdär, der sich von Hopp, Mateschitz oder Winterkorn kaum unterscheidet.

Nicht einmal die noch 2015 so großkotzig zelebrierte Unabsteigbarkeit versetzt den Klub und seine Anhänger noch in Euphorie, jedem wird so langsam klar, dass langfristig nicht jedes Jahr der pure Überlebenskampf herrschen kann und wird.

Tradition, Europa, unabsteigbar, alles, was den HSV so stolz gemacht hat, ist Vergangenheit oder könnte es schon in wenigen Monaten werden. Die Hoffnung ist der Ratlosigkeit gewichen, die Aufbruchstimmung der Verzweiflung. Die Emotionen auf dem Platz, wie sie die Mannschaft in den großen Zeiten vorgelebt hat, ist weg: Es besteht schlicht und ergreifend keine Perspektive. Der 2008 heraufbeschworene Jetzt erst Recht-Grundsatz, den die Fans in der vergangenen Dekade mit bewundernswertem Elan in den größten Krisen (in denen Allianz-Arena und Signal-Iduna-Park leerer gewesen wären als der Geldbeutel von Boris Becker) durchgezogenen haben, wurde überreizt, der Zuschauerschnitt sinkt rapide.

Der HSV hat, so sehr er sich auch bemüht, keine Zukunft. Von Europa träumen ist unangebracht und kontraproduktiv, der ewige Abstiegskampf zermürbend und von langfristig gesichertem Mittelfeld kann und will in der Elbmetropole niemand so wirklich träumen. Zudem setzt sich das Mittelfeld der Tabelle stets aus schwächelnden Europaanwärtern und kleinen Teams, denen auch Platz 15 reichen würde, zusammen. Für den designierten Mittelfeldklub ist in der Bundesliga gar kein Platz. Dem HSV sind die Möglichkeiten, das Ruder rumzureißen, ausgegangen, und so gibt es nur noch einen Weg: Abwärts.

Vielleicht - ganz vielleicht, und hier spricht der Optimist - ist tatsächlich in der jetzigen Situation ein Abstieg eine Chance. Dies wäre ein finanzielles Desaster, von dem niemand sicher sein kann, dass der HSV es überleben würde, aber: Es würde dem Verein wieder ein Ziel geben. Vielleicht - ganz vielleicht - würde es den Verein wiederbeleben, ihm dringend benötigte Hoffnung verleihen, zu einer wirtschaftlichen Konsolidierung führen und mit ein wenig Glück ähnlich dem 1.FC Köln durch personelle Volltreffer wieder zu sportlichem Erfolg führen.

Und klar, das Risiko, wie Duisburg oder Kaiserslautern durchgereicht zu werden, ist ungleich höher als die Chance auf einen Jojo-Effekt. Aber, so scheint ist, ist diese Chance die einzige, die der Verein noch hat. Und vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit muss sich in Hamburg schon längst niemand mehr ängstigen. Der ist nach Hamburger Standards bereits passiert.

Slobodanderzweite ist die Neuauflage des früheren Accounts "Slobodan", der zwischen 2013 und 2014 MySpox unsicher gemacht hat.
Damals hatte der Autor aufgrund des wutbürgerlichen HSV-Hasses, der dem wohlmeinenden Fan lange Jahre entgegengestellt wurden, das Weite gesucht, heute ist er wieder voll motiviert dabei und hofft auf angeregte, sachliche Fußballdiskussionen!

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